ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2015Flüchtlinge: Unbekannte Erkrankungen
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. . . Bei mir in der Praxis habe ich insbesondere inzwischen einige Patienten aus Ostafrika (Somalia und Eritrea), welche über den Sudan und Libyen über das Mittelmeer über Italien nach Deutschland gelangt sind. Es sind in der Regel gesunde, junge Menschen, sonst hätten sie den Weg nicht geschafft. Aber unterwegs waren die Hygiene und Ernährung mit Sicherheit häufig schlecht, so dass Ansteckungen erfolgten.

Zur Diagnostik und Behandlung kamen in meiner Praxis bisher die in Deutschland glücklicherweise fast verschwundene Krätze (meist an ungewöhnlichen Körperstellen wie Rücken und Genitale, seltener Unterarme, nie die lehrbuchmäßigen Orte zwischen den Fingern oder an den Gelenkbeugen), die Pityriasis versicolor im Hals- und Rückenbereich, die Tuberkulose der Halslymphknoten bei gutem Immunstatus und unauffälligem Thoraxröntgen und außer Lymphknotenschwellungen nur wenig unspezifischen Symptomen. Sie ist sehr schwer nachzuweisen, muss aber trotzdem wie die Lungentuberkulose behandelt werden. Außergewöhnlich, aber verständlich, ist die mitgebrachte Bilharziose, an welche gedacht werden muss bei einer Eosinophilie im Blut (Werte um die 24 Prozent im Differenzialblutbild, Nachweis mittels Bilharzioseantikörpern im Serum und mit Glück im Stuhlgang). Hier empfiehlt sich die Absprache mit dem Labor und die Einbeziehung einer tropenmedizinischen Abteilung.

Aber auch verschleppte Verletzungen von unterwegs erlittenen Misshandlungen kommen vor, glücklicherweise selten auch anhaltende posttraumatischen Belastungsstörungen mit Kopfschmerzen, Gedankenkreisen, Schlafstörungen, wobei den Menschen die psychosomatischen Zusammenhänge durchaus bewusst sind. Wegen der sprachlichen Hürden zwischen Patient und Therapeut ist eine Psychotherapie nicht möglich.

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Ich denke, hier müssen gerade wir Hausärzte aufmerksam sein und uns mit Tropenmedizin und seltenen Infektionen befassen und daran denken(!), um eine weitere Übertragung in Deutschland auf Gesunde und eine Chronifizierung bei den Betroffenen zu verhindern.

Nach meiner Kenntnis gibt es bisher auch keine bundeseinheitliche gesundheitliche Basisuntersuchung. Hier handelt jeder Landkreis zurzeit eigenverantwortlich.

Ute Mechthild von Kries, Praktische Ärztin,
38364 Schöningen

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