KULTUR

Sterbehilfe: Der erlösende Tod

Dtsch Arztebl 2015; 112(41): A-1682 / B-1394 / C-1366

Carlsson, Jörg

Tötung auf Verlangen, ärztlich assistierter Suizid und organisierte Sterbehilfe – der Umgang mit dieser Thematik in mehreren literarischen Werken

Foto: Fotolia/rolffimages
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In Deutschland werden Gesetzesentwürfe zur Sterbehilfe diskutiert, während zahlreiche andere Länder Sterbehilfe und/oder ärztlichen Suizid bereits zulassen. Kann es in dieser Diskussion hilfreich sein, den Blick auf die Belletristik zu lenken, die das Thema seit jeher aufgegriffen hat? Aus der deutschen Literatur sind die Novellen „Auf Tod und Leben“ von Paul Heyse (1885) und „Ein Bekenntnis“ von Theodor Storm (1887) wichtige literarische Texte, die den assistierten Suizid und die Tötung auf Verlangen thematisieren.

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In beiden Novellen ist es der Ehemann einer unheilbar erkrankten Frau, der Hilfe zum Sterben leistet. Während es bei Heyse ein medizinischer Laie ist und der Tod durch assistierten Suizid eintritt, schildert Storm eine Tötung auf Verlangen durch einen Arzt. In beiden Fällen besteht also eine enge Beziehung zwischen dem unheilbar Erkrankten, der einen Sterbewunsch hat, und dem Sterbehelfer. Beide leiden später unter ihrer „Tat“, aber Heyse macht durch eine Freundin des Sterbehelfers deutlich, dass er, der Autor, selbst positiv zu diesem assistierten Suizid steht.

Suizidassistenz als Freundschaftsdienst

Bei Storm geht das Leiden des Sterbehelfers so weit, dass er als Arzt nach Afrika fährt, um dort zu helfen und so seine „Tat“ zu sühnen. Sein Leiden an der Tötung beginnt durch die Lektüre eines Beitrags in einer wissenschaftlichen Zeitschrift, die er aus Zeitmangel vor dem Tod seiner Frau nicht gelesen hatte. Darin wird eine Operationsmethode geschildert, die möglicherweise auch seine Frau von ihrem gynäkologischen Tumor hätte heilen können. Damit erscheint ihm seine Sterbehilfe als ein tödlicher Irrtum, der nicht rückgängig zu machen ist.

Theodor Storm (Holzstich nach Foto, links) schildert in der Novelle „Ein Bekenntnis“ eine Tötung auf Verlangen durch einen Arzt.
Theodor Storm (Holzstich nach Foto, links) schildert in der Novelle „Ein Bekenntnis“ eine Tötung auf Verlangen durch einen Arzt.

Bei Storm muss man also eine skeptische oder sogar negative Haltung konstatieren, während Heyse noch in einem weiteren Werk, dem Drama „Die schwerste Pflicht“ von 1887, seiner positiven Haltung dem assistierten Suizid gegenüber Ausdruck verschafft. Auch in diesem Werk wird Sterbehilfe nicht primär als ärztliche Aufgabe angesehen, obwohl der Protagonist Dr. Eduard Eckart Arzt ist, aber die gewünschte Suizidassistenz als Freundschaftsdienst leistet.

Einen ganz anderen Fokus haben die literarischen Darstellungen, in denen die Unterstützung von Sterbehilfevereinen oder gewerbsmäßigen Sterbehelfern in Anspruch genommen wird. Diese Romane konzentrieren sich nicht auf den Konflikt der Sterbehelfer, seien sie nun Ärzte oder Laien, sondern auf die Sterbehilfe Suchenden, ihre Motive und ihre Konflikte mit der Umgebung, die ihren Wunsch nicht ohne Zweifel letztlich fördern oder zumindest respektieren. Hier sind Bestseller wie Jojo Moyes „Me before you“ von 2012 (dt. „Ein ganzes halbes Jahr“, 2013), die biografische Darstellung von Emanuèle Bernheim „Tout s’est bien passé“ von 2013 (dt. „Alles ist gut gegangen“, 2014) und der Roman von Tomás Gonzáles „La luz dificil“ von 2011 (dt. „Das spröde Licht“, 2012) als Beispiele zu nennen. Das ganze Augenmerk liegt darin auf dem Leben der Protagonisten, die entweder durch Unfall querschnittsgelähmt (bei Moyes und Gonzáles) oder alt und krank (bei Bernheim) sind. Ihr reifender Todeswunsch und die langsame Akzeptanz dieses Wunsches durch Freunde und Verwandte stehen im Mittelpunkt der Darstellung.

Eine schwierige Reise in die Schweiz

Die praktischen Schwierigkeiten und juristischen Probleme, die als Menschenrecht empfundene Hilfe beim Sterben – in allen drei Werken ist das der assistierte Suizid in der Schweiz (Moyes und Bernheim) oder in Oregon (Gonzáles) – zu bekommen, bilden einen weiteren Schwerpunkt der Darstellung. Nach den inneren Auseinandersetzungen muss dann am Ende auch noch gegen die Justiz gekämpft werden. Der Arzt, der das Rezept für die tödliche Dosis Barbiturat ausstellt, spielt in diesen Romanen und Erzählungen keine besondere Rolle. Er ist namenlos und gewährt eine ärztliche Dienstleistung, die als Recht gelten sollte. In diesen und zahlreichen anderen Werken wird der Tod, auch wenn er nicht ohne Tragik oder Schmerz für die Hinterbliebenen ist, als richtig und erlösend dargestellt.

Paul Heyse (Foto um 1865, rechts) thematisiert in der Novelle „Auf Tod und Leben“ ebenfalls einen assistierten Suizid. In beiden Fällen ist es der Ehemann einer unheilbar kranken Frau, der Sterbehilfe leistet. Fotos: picture alliance
Paul Heyse (Foto um 1865, rechts) thematisiert in der Novelle „Auf Tod und Leben“ ebenfalls einen assistierten Suizid. In beiden Fällen ist es der Ehemann einer unheilbar kranken Frau, der Sterbehilfe leistet. Fotos: picture alliance

Daniel Kehlmann widmet eine Geschichte in seinem Roman „Ruhm“ (2009) dem assistierten Suizid in der Schweiz. „Rosalie geht sterben“ lautet die dritte Geschichte dieses Romans „in neun Geschichten“. Bei Rosalie wird im höheren Alter Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert, sie ist eine Witwe mit drei erwachsenen Töchtern, und „ihre Pension ist ausreichend“. Rosalie hat Angst vor den Schmerzen am Lebensende, weiß von drei schrecklichen Suizidversuchen in ihrer Verwandtschaft (Erschießen, Schlaftabletten, Erhängen) und sucht schon Stunden nach Erhalt der Diagnose den Kontakt zu einem Schweizer Sterbehilfeverein. Das Gespräch mit dem Verein, das der Ich-Erzähler, der Schriftsteller Leo Richter, ausdrücklich erfunden hat, verläuft sachlich und geschäftsmäßig. Ihre Reise in die Schweiz gestaltet sich als schwierig, aber das ist dem Nebel geschuldet, der ein Landen des Flugzeuges in Zürich verhindert. In der Schweiz will der Autor seine Heldin Rosalie plötzlich nicht mehr sterben lassen, er zweifelt und lässt sie samt ihrem Sterbewunsch auf wundersame Art verschwinden.

Kontrolle nach dem ärztlichen Eingriff

In ähnlicher Weise spielt auch der schwedische Arzt und Schriftsteller Per Christian Jersild in seinem Roman „Ypsilon“ von 2012 mit seinen literarischen Figuren aus 40 Jahren. Er lässt alle seine alten literarischen Helden in diesem Werk durch Krankheit oder Unfall sterben. Bernt Svensson aus dem früheren Roman „Babels hus“ von 1978 (dt. „Das Haus zu Babel“, 1980) lässt er an einem unheilbaren Mesotheliom erkranken und prophezeit den Erstickungstod. Seitenlang räsoniert er über Sterbehilfe, eventuelle juristische Folgen für ihn als Arzt, die Haltung zur Sterbehilfe in Schweden, in den Niederlanden und seine öffentliche Unterstützung eines Rechtes auf Euthanasie. Er spielt mit zwei Versionen von Bernts Tod: Er gibt ihn auf, lässt ihn allein und fährt in den Urlaub, oder er verhilft er ihm durch Schlafmittelgabe und Sauerstoffentzug zum Tod. Das sieht er als Arzt und Autor als seine Pflicht an.

Und Jersild gelingt in seinem Roman etwas, was in Wirklichkeit unmöglich ist, eine Kontrolle nach dem ärztlichen Eingriff, die zum Ziel hat, nachzusehen, wie es dem Patienten geht. Er lässt alle seine literarischen Helden noch einmal zusammenkommen und spricht mit ihnen über ihren Tod. Bernt Svensson sagt nur ein einziges Wort: Danke.

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