ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2015Psychopharmakotherapie: Patientenvorbehalte ernst nehmen

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Psychopharmakotherapie: Patientenvorbehalte ernst nehmen

Bühring, Petra

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Psychopharmaka haben Nebenwirkungen und Wechselwirkungen – wie alle Medikamente. Sie deshalb ganz zu meiden, ist nach Ansicht der Psychiater aber nicht zielführend. Bestimmte Krankheitsbilder kommen nicht ohne sie aus.

Während medikamentöse Therapien bei körperlichen Erkrankungen relativ hohe Akzeptanz finden, ist die Haltung gegenüber Psychopharmaka deutlich kritischer und auch oftmals mit Vorurteilen behaftet“, sagte Dr. med. Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), beim ihrem Hauptstadtsymposium zum Thema „Psychopharmaka im Fokus: Herausforderung für die Versorgung“.

Dabei haben Psychopharmaka nach Ansicht der DGPPN zu Unrecht einen schlechten Ruf, denn die wissenschaftlichen Leitlinien empfehlen eine Behandlung mit Psychopharmaka als Teil des Behandlungsplans, zusammen mit Psychotherapie und psychosozialen Interventionen, bei Depressionen, Schizophrenie oder bipolaren Störungen. Bestimmte Krankheitsbilder würden durch Psychopharmaka erst behandelbar, indem sie eine Basis für Psychotherapie oder Soziotherapie schaffen. „Viele Betroffene profitieren von der Pharmakotherapie und können wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben“, erklärte Hauth.

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Janine Berg-Peer vom Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V. findet das „Psychopharmaka-Bashing“ besonders schlimm: „Die Medikamente geben unseren psychisch kranken Kindern die Möglichkeit auf ein einigermaßen erträgliches Leben.“ Allerdings sollte die Wirksamkeit und Dosierung im Behandlungsverlauf immer wieder überprüft werden. Hilfreich sei auch Psychotherapie. Es sei aber sehr schwierig einen Psychotherapeuten zu finden, der einen freien Platz hat und dann noch schwer psychisch Kranke behandelt.

Gerade zu Beginn einer Behandlung mit Psychopharmaka würden oft die Nebenwirkungen überwiegen, betonte DGPPN-Präsidentin Hauth. Sie sollten deshalb nur unter strenger ärztlicher Kontrolle eingesetzt werden. Eine entscheidende Rolle spiele dabei die Arzt-Patienten-Kommunikation. „Wir müssen unsere Patienten sorgfältig und transparent über den Nutzen eines Wirkstoffs, aber auch über dessen Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten aufklären“, sagte Hauth. „Und wir müssen ihre Vorbehalte ernst nehmen“.

Deutlich zugenommen haben in den letzten Jahrzehnten die Verordnungen von Antidepressiva. Nach Angaben des Arzneimittelexperten Prof. Dr. Gerd Glaeske, Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen, wurden 1991 etwa 200 Millionen Tagesdosierungen verordnet, während es 2013 bereits 1,4 Millionen waren. „Die auffällige Steigerung begann mit der Vermarktung und Bewerbung der Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI), wobei die ‚klassischen‘ trizyklischen Antidepressiva auf einem gleichen Mengenniveau blieben“, sagte Glaeske. Ein Mittel der klassischen Antidepressiva, Opipramol, werde seit vielen Jahren verordnet, obwohl seine antidepressive Wirkung seit langem bezweifelt wird, weil kontrollierte Studien fehlten, kritisierte er. Besonders häufig werde das Medikament von Hausärzten und Internisten verordnet, die ohnehin fast die Hälfte der Patienten mit Depressionsdiagnose behandelten. „Besser wären Kooperationen zwischen Hausärzten, Psychiatern und Psychotherapeuten, um so etwas zu vermeiden“, forderte Glaeske.

Besonders häufig würden Psychopharmaka älteren Menschen und dabei besonders häufig älteren Frauen verordnet, berichtete der Arzneimittelexperte. Doch gerade bei Älteren, bei denen Nieren und Leber weniger gut als in jüngeren Jahren funktionierten, könnten häufig unerwünschte Nebenwirkungen und Wechselwirkungen auftreten. Glaeske empfiehlt Ärzten deshalb die sogenannte PRISCUS-Liste zu beachten, die potenziell inadäquate Medikamente für Ältere auflistet (www. priscus.net).

„Psychopharmaka haben wie alle Medikamente Nebenwirkungen, aber wir versuchen für jeden Patienten ein Medikamentenprofil zu finden, dass für ihn akzeptabel ist“, erläuterte Prof. Dr. med. Andreas Meyer-Lindenberg, Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim. Nebenwirkungen von Antipsychotika zur Behandlung der Schizophrenie seien beispielsweise Gewichtszunahmen und sexuelle Funktionsstörungen. Doch gerade diese Medikamente seien in aller Regel – immer im Rahmen eines Gesamtbehandlungskonzepts – wesentlich für die Betroffenen, um Symptomfreiheit, Reintegration und Teilhabe erreichen zu können. „Wichtig ist eine möglichst frühzeitige Psychopharmakotherapie bei der Erstmanifestation einer Psychose“, betonte Meyer-Lindenberg. In der Langzeittherapie könne die Dosis dann deutlich niedriger und entsprechend nebenwirkungsärmer dosiert werden.

Petra Bühring

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