ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2015Bindungstherapie: Mit tiefem Ernst vor Kinderschicksalen

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Bindungstherapie: Mit tiefem Ernst vor Kinderschicksalen

Moser, Tilmann

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Wenn der Autor weiter solche praxisnahen, inzwischen weit verbreiteten, anschaulichen und theoretisch fundierten, nützlichen Bücher schreibt, wird man ihn bald als bescheidenen Helfer der Menschheit bezeichnen dürfen. Sie richten sich an Laien, Eltern sowie an alle mit Kindern Beschäftigten. Es gibt von Brisch inzwischen eine Anzahl von Lehrfilmen, die in verschiedenen europäischen Sprachen zu sehen sind und den Therapeuten, Kindergärtnern und Eltern beim Erlernen der „Feinfühligkeit“ mit Kindern helfen, einem Zentralbegriff der Brischschen Praxis. Er behandelt und schult fast seit Jahrzehnten in seinem Institut in München Angehörige vieler Berufsgruppen, gibt Supervision und Kurse und erlaubt vor allem das Zuschauen bei seinem differenzierten Umgang mit Kindern und Betreuungspersonen.

Auch in seinem neuen Buch findet sich eine Fülle von kommentierten Fallbeispielen, die er anrührend formuliert, mit einem tiefen Ernst vor den Kinderschicksalen, aber auch vor den Schicksalen der Eltern in Not, die sie oft an den Rand der Verzweiflung bringen. Vor allem, wenn diese mit seiner Hilfe einsehen müssen, wie viele eigene frühere Traumatisierungen durch das Elend der Kinder neu „angetriggert“ werden, so dass die Störungen intergenerationell weitergegeben werden, wenn die Kaskade des Leids nicht unterbrochen wird. Die analysierten Störungen reichen weit, um nur einige unter dem Oberbegriff „Bindungsstörungen“ zu nennen: Vernachlässigung, Gewalterfahrung, Trennungsprobleme, Panikattacken, Extremtrauer, Scheidungsfolgen und Geschwisterrivalität.

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Wo auch Brisch und seine inzwischen zahlreichen Schüler nicht weiterkommen und manche Kinder in den Gruppen nicht zu halten sind, weil ihr Verhalten zu zerstörerisch ist, brauchen sie vorübergehend eine Eins-zu-eins-Betreuung, und wenn auch das nicht hilft, Einzel- oder Gruppentherapie. Sie sind es gewohnt, im Spiel gemieden und für sich selbst und andere zu bedrohlichen Außenseitern zu werden. Wenn aber dann eine Geburtstagseinladung sie zum ersten Mal mit einschließt, ist die Hauptarbeit getan, und die Betreuer erhalten ihren schwer verdienten Lohn und ernten endlich Dankbarkeit und Anerkennung. Tilmann Moser

Karl-Heinz Brisch: Kindergartenalter. Klett-Cotta, Stuttgart 2015, 216 Seiten, gebunden, 23,95 Euro

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