ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2015Deutsche Pop-Art: Pflanzen der Pop-Art

KUNST + PSYCHE

Deutsche Pop-Art: Pflanzen der Pop-Art

Kraft, Hartmut

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Es muss um das Jahr 1970 gewesen sein, als ich Gernot Bubenik in Berlin besucht habe. Seine an Schautafeln erinnernden Bilder waren mir als herausragende Beispiele der deutschen Pop-Art bekannt. In der Ausstellung „Kunst der sechziger Jahre“ (1969) im Wallraf-Richartz-Museum, der ersten Präsentation des späteren Imperiums „Sammlung Ludwig“ in Köln, hatte ich ein Original des Künstlers gesehen. In Erwartung neuer, aktueller Bilder betrat ich das Atelier des Künstlers im Dachgeschoss eines Berliner Mietshauses. Es war leer. Alles war verkauft. Ich hätte als junger Student zwar sowieso nicht die finanziellen Mittel gehabt, eines der von mir bewunderten Werke zu erwerben, aber diese gähnende Leere war nun doch eine arge Enttäuschung meines Kunsthungers. Diese kleine Episode erscheint mir erwähnenswert, weil sie den enormen (Verkaufs-)Erfolg dieser damals jungen, neuen, noch ungewohnten Kunst aufzeigt. Nie mehr bei einem Besuch in anderen Künstlerateliers habe ich ein derartig leer gefegtes Atelier gesehen.

Was aber fasziniert an diesen Bildern? Eine malerische Handschrift ist durch die Verwendung von Schablonen und Spritzpistolen weitgehend zurückgedrängt. Didaktische Schautafeln aus dem Biologieunterricht in der Schule können den Betrachtern in den Sinn kommen, Schemazeichnungen von Zellteilungen wie auch der embryonalen menschlichen und pflanzlichen Entwicklung. Dass der Künstler vor seinem Kunststudium als Gemüsegärtner gearbeitet hat, legt den biografischen Bezug zu seiner Bildwelt offen. Es ist ein neuer, durch Wissenschaft, Schemazeichnungen und andere Medien vermittelter Zugang zur Natur. Einen ähnlich indirekten Zugang zur Wirklichkeit wählten in dieser Zeit auch viele andere Künstler, die Zeitungsfotos (zum Beispiel Gerhard Richter, Sigmar Polke), Konstruktionszeichnungen (zum Beispiel Karl Krüll) oder Landkarten (zum Beispiel Peter Brüning, Arnold Leissler) als Vorlagen für ihre Bilder wählten. Mit diesen Bildstrategien machten sie bewusst, in welch medial vermittelten Welt wir leben. Was heute eine Selbstverständlichkeit und Allgemeinwissen ist, wurde damals bildnerisch erarbeitet.

Aber Schautafeln sind gemeinhin noch nicht so spannend, als dass sie unsere Aufmerksamkeit lange zu fesseln vermögen. Zwar tragen viele Bilder von Gernot Bubenik neutrale Titel wie „Pflanze“ oder „Organ“, andere aber sind mit „Fortpflanzung“ oder „Gehirn und Genitalien“ bezeichnet. Gut dosiert hat Gernot Bubenik ein erotisches Moment in seine Bilderfindungen eingebracht. In dem hier gezeigten Bild drängen sich die in zarten Farben gehaltenen Pflanzen bis an den Rand des Bildes. Die schwellenden Formen sind ungemein erotisch aufgeladen, ohne dass eine platte Sexualisierung nachzuweisen wäre. Wunsch und Abwehr sind gleich stark in diese Bilderfindung eingeflossen.

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An den Inhalt unseres Gesprächs vor über vier Jahrzehnten erinnere ich mich nicht mehr. Ob wir über die Beziehung seiner Bildideen zu seiner früheren Tätigkeit als Gärtner gesprochen haben, über die Erotik in seinen Bildern – ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nur noch an meine Enttäuschung über das leere Atelier. Der Faszination für diese Bilder hat dies aber keinen Abbruch getan.

Prof. Dr. med. Hartmut Kraft

Biografie Gernot Bubenik

Geboren 1942 in Troppau (Opava), Tschechien. 1958–1960 Ausbildung zum Gärtner. 1961–1966 Studium der Malerei und Grafik an den Akademien in Stuttgart und Berlin. 1968 Preis der Grafik-Biennale in Tokio und Preis der Deutschen Kunstkritik. Zahlreiche Einzelausstellungen, unter anderem Galerie Thomas, München 1966, Museum Schloss Morsbroich, Leverkusen 1968, Staatliche Kunsthalle, Berlin 1986. 1991–1995 Lehrauftrag für experimentellen Siebdruck an der Hochschule der Bildenden Künste mit Entwicklung einer giftfreien, kompostierbaren Siebdruckfarbe. Ab 1993 Leitung von Workshops in Nigeria und in Brasilien sowie Arbeit mit Jugendlichen und Schülern. Lebt in Berlin. Weitere Informationen unter www.bubenikgernot.com .

1.
Bubenik G: Bubenik. Katalog des Städtischen Museums Schloss Morsbroich. Leverkusen 1968.
2.
von der Osten G, Keller H (Hrsg.): Kunst der sechziger Jahre im Wallraf-Richartz-Museum, visualisiert von Wolf Vostell, 3. Auflage. Köln 1969.
3.
Weinhardt M, Hollein M (Hrsg.): German Pop. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König 2014.
1.Bubenik G: Bubenik. Katalog des Städtischen Museums Schloss Morsbroich. Leverkusen 1968.
2.von der Osten G, Keller H (Hrsg.): Kunst der sechziger Jahre im Wallraf-Richartz-Museum, visualisiert von Wolf Vostell, 3. Auflage. Köln 1969.
3.Weinhardt M, Hollein M (Hrsg.): German Pop. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König 2014.

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