BÜCHER

Kriegstraumatisierungen: Differenzierter Blick auf die „Kriegsenkel“

PP 14, Ausgabe Oktober 2015, Seite 474

Kattermann, Vera

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In den letzten Jahren treten die Nöte der „Kriegsenkel“ vermehrt in den Fokus der öffentlichen Debatten. Nachdem das emotionale Leiden der „Kriegskinder“ zunehmend artikuliert und diskutiert wurde, melden sich jetzt auch deren Kinder zu Wort. Dass Versuche unternommen werden, deren häufig nur diffus greifbares Leiden in Worte zu fassen, ist gerade auch für psychotherapeutische Behandlungen ausgesprochen wertvoll – hierdurch eröffnet sich der Raum für das Befragen der eigenen Gewordenheit auch als „historisches Subjekt“. Dass nun Worte gefunden und Texte geschrieben werden, lindert die quälend vage Qualität dieser „Kriegsenkel-Befindlichkeiten“.

Der Aufsatzband „Nebelkinder“ vereint eine Vielzahl von journalistischen und therapeutischen Perspektiven auf dieses Phänomen. „Schweigen tut weh“, wie die Autorin Alexandra Senfft das Leiden pointiert. Aber es geht nicht nur um Formen familiären Beschweigens und dessen Auswirkungen, sondern auch um Ausblenden, Betäuben, Vermeiden und Nicht-Wissen-Wollen, das die Qualitäten dieses Nebels verstärkt. Bei vielen „Kriegsenkeln“ werden daraus hervorgehend Gefühle emotionaler Panzerung, Selbstzweifel, hohe Leistungsbereitschaft und rastlose Tüchtigkeit beschrieben. Gerade die Nebelqualität bringt für die Auseinandersetzung aber auch eine besondere Herausforderung mit sich: Denn in der Unschärfe des Phänomens besteht die Gefahr darin, allzu vorschnell Konturen ausmachen zu wollen, wo vielleicht nur Schattierungen vorherrschen.

Inwiefern vermischt sich persönliches und gesellschaftlich bedingtes Leid? Wie tauglich ist ein generalisierender Begriff tatsächlich für die vielfältigen Qualitäten des historischen Leidens im Spannungsfeld von NS-Täterschaften und Traumaerfahrungen als Nachfolge von Kriegsopfern? Sind „die Leiden der Kriegsenkel wirklich allein aus dem Trauma des Zweiten Weltkriegs abzuleiten oder gibt es zusätzliche Gründe? Warum sind diese Leiden gerade jetzt ein Thema?“, fragt zurecht Gabriele Lorenz-Rogler im besprochenen Band. Es ist also wichtig, Worte zu finden, aber es braucht differenzierende Perspektiven, differenzierte Worte und geduldiges und präzises Hinspüren.

Dem Buch gelingt genau dies durch die Vielzahl der 22 Beiträge, die teilweise sehr persönliche, teilweise aber auch fachliche Erfahrungen und Reflexionen versammeln. Die Aufsätze der Anthologie gliedern sich in die Überkapitel „Erfahrung – Deutung – Heilung“ und bilden damit die – auch kontrovers versuchte – Prozesshaftigkeit der Auseinandersetzung ab. Diskutiert werden Phänomene wie Gefühle der Heimatlosigkeit in Enkeln der Kriegsvertriebenen; ein anderer Beitrag beschreibt ausführlich die Situation der Vertriebenen-Kriegsenkel in Polen und erweitert damit erfreulich die deutsche um eine europäische Perspektive. Es werden Wege gesucht „aus dem Keller der Seele“ und zur Auseinandersetzung mit den Überlebenden von Auschwitz. Der „Kriegsurenkel“ Rasmus Rahn diskutiert seine innere Zerrissenheit zwischen Verdrängung, Verdruss und Verantwortung.

Besonders erfreulich ist, dass der Versuch der gemeinsamen Verständigung über das nebelhafte Leiden nicht nur zum „Selbstzweck“ unternommen wird, sondern in einigen Beiträgen auch nach der Relevanz und Konsequenz dieser Erkenntnisse gefragt wird: Etwa im Kontext des Beitrags der Initiative „Zukunftspioniere“, die Brücken schlägt zu anderen Kriegserfahrenen aus dem ehemaligen Jugoslawien oder in Ruanda. So bleibt die Diskussion im Buch nicht auf ein Opferverständnis beschränkt, sondern fragt auch nach der Rolle dieser Generation als Mitgestalter der Gesellschaft. Es scheint: Der Nebel lichtet sich.

Das Buch bereichert sowohl für die persönliche als auch für die fachliche Auseinandersetzung und ist somit wichtiger Beitrag für einen zunehmend differenzierten Blick auf die Frage der transgenerationalen emotionalen Erbschaften der NS- und Kriegsvergangenheit. Vera Kattermann

Michael Schneider, Joachim Süss (Hrsg.): Nebelkinder. Europa Verlag, München 2015, 384 Seiten, gebunden, 19,99 Euro

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