ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2015Demenzielle Erkrankungen: Was Hausärzte und Wissenschaftler trennt

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Demenzielle Erkrankungen: Was Hausärzte und Wissenschaftler trennt

Rieser, Sabine

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Hausärzte sind oft die ersten Ansprechpartner, wenn es um Demenz geht. Doch sind ihnen aktuelle Forschungsergebnisse geläufig? Helfen sie ihnen im Praxisalltag? Und was erwarten Neurowissenschaftler von Hausärzten? Darüber wurde bei einer Tagung in Magdeburg diskutiert.

Welche Diagnostik im Hinblick auf Demenz? Vor dieser Frage stehen Hausärzte regelmäßig. Ein Angebot zur Abschätzung kognitiver Fähigkeiten ist der Mini-Mental-Status-Test. Doch seine Aussagekraft ist um stritten. Foto: mauritius images
Welche Diagnostik im Hinblick auf Demenz? Vor dieser Frage stehen Hausärzte regelmäßig. Ein Angebot zur Abschätzung kognitiver Fähigkeiten ist der Mini-Mental-Status-Test. Doch seine Aussagekraft ist um stritten.
Foto: mauritius images

Es hat keinen Sinn, jemandem ganz früh eine Demenz anzudichten, weil es keine Konsequenzen hat. Selbst wenn Sie mir sagen, Sie hätten ein Medikament, dass die Demenz um zwei Jahre verzögert, hat der Patient aber keine zwei schönen Jahre mehr, weil ich sein Leben mit der Diagnose zerstört habe.“ Mit diesem Hinweis begründet ein Hausarzt, warum er nichts davon hält, in Praxen Evaluierungsbögen für demenzielle Erkrankungen bei allen Patienten über 60 Jahren einzusetzen.

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Ganz anders Prof. Dr. med. Emrah Düzel. Der Direktor des Instituts für kognitive Neurologie und Demenzforschung am Universitätsklinikum Magdeburg stellte kürzlich in einem Vortrag klar: „Wenn die Erkrankung erst einmal ausgebrochen ist, dann ist eine Therapie, die eine mögliche Krankheitsursache behandelt, nicht mehr effektiv. Wir müssen die Erkrankung deshalb früher erkennen, bevor die relevanten Symptome auftreten. Wir müssen sagen können, ob jemand in fünf bis zehn Jahren eine Erkrankung entwickeln könnte.“

Diese beiden unterschiedlichen Einschätzungen skizzieren nach Ansicht von Dr. Astrid Eich-Krohm, wie stark sich die Positionen von Neurowissenschaftlern und Hausärzten zur Früherkennung von demenziellen Erkrankungen unterscheiden. Und es sind nicht die einzigen voneinander abweichenden Ansichten der beiden Berufsgruppen. Darauf wies die Projektkoordinatorin bei der Vorstellung der Ergebnisse des Forschungsvorhabens „Neurotrans“ im September an der Universität Magdeburg hin.

Bei „Neurotrans“ ging es darum, auszuloten, wie Hausärzte in Sachsen-Anhalt und Neurowissenschaftler des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) am Standort Magdeburg im beruflichen Alltag mit dem Thema Demenz umgehen, welche Ansichten sie zu Diagnostik und Therapie vertreten und ob es einen kontinuierlichen Wissensaustausch untereinander gibt.

Hausärztinnen und Hausärzte nehmen eine zentrale Rolle in der Versorgung von Patienten mit Demenzerkrankungen ein und besitzen viel Wissen und Erfahrung aus ihrer täglichen Praxis, weshalb sie Impulse für die Forschung geben können. Umgekehrt werden von Neurowissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern Erkenntnisse erwartet, die sich am Ende als hilfreich für die Patientenversorgung erweisen.

Im Rahmen von „Neurotrans“ wurden Einzelinterviews geführt, Fallvignetten und Forschungsideen in größeren Gruppen diskutiert und Einstellungen und Verhalten im Rahmen von Fragebögen erhoben. Es zeigte sich, dass kein kontinuierlicher Wissensaustausch zwischen beiden Gruppen besteht und er wohl auch nur schwer herzustellen wäre. Denn so unterschiedlich Aufgabenstellung und Ansichten auch sind, unter einem leiden Hausärzte wie Neurowissenschaftler: Zeitdruck. Die einen sollen in vollen Praxen feinfühlig und leitliniengesichert Demenzpatienten betreuen, die anderen ganz vorn in der Forschung mitspielen und rasch umsetzbares Wissen generieren.

Wissen, Publikationen, Preise

Darauf wies Prof. Dr. med. Markus Herrmann hin. Der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin in Magdeburg leitete gemeinsam mit Eich-Krohm und Prof. Dr. med. Bernt-Peter Robra die Studie in Kooperation mit dem DZNE. Die oft unterschiedlichen Sichtweisen sind für ihn nachvollziehbar: So liegt der Arbeitsschwerpunkt der Neurowissenschaftler auf Tierversuchen und bildgebenden Verfahren, die durch Querschnittstudien präsentiert werden, sowie auf Arzneimittelstudien. Ihre Ziele sind Wissensgewinn, Publikationen, vielleicht Preise.

Regionale Hotline wäre gut

Hausärzte sind an der guten Versorgung ihrer Patienten interessiert und müssen sich zudem gerade bei Demenz häufig mit deren Angehörigen befassen. Wichtiger als ein Forschungspreis für einen Neurowissenschaftler der Region, das lässt sich aus den Interviews schließen, wäre den sachsen-anhaltinischen Hausärzten anderes: praxisnahe Fortbildungsveranstaltungen zum Thema Demenz, auch für ihre Medizinischen Fachangestellten. Eine regionale Hotline, bei der ein Wissenschaftler in akuten Situationen Rat erteilt. Forschung mit Relevanz für ihren Praxisalltag: Wie evaluiert man Demenztests? Wie kann man die Effekte von Anti-Dementiva als behandelnder Hausarzt nachvollziehen?

Zumindest für den DZNE-Standort Magdeburg ist aber keine Forschung zur Lebenswelt von Demenzpatienten vorgesehen (siehe Kasten). Für gemeinsame Projekte mit Hausarztpraxen fehlten deshalb von vornherein die Mittel, stellte Prof. Dr. med. Notger Müller, Neurologe und Gruppenleiter am DZNE Magdeburg, klar. Solche Projekte seien auch nicht das Kernanliegen der Forscher: „Im Grunde wünscht sich das DZNE, die Wunderpille gegen Alzheimer zu entdecken.“

Müller ist wie viele seiner Kollegen der Ansicht, dass man die heutigen Verfahren verbessern muss, um früher zu Diagnosen zu gelangen. „Die ethische Problematik ist uns sehr wohl bewusst“, betonte er. Aber was wäre die Alternative? Vor 15 Jahren seien Pharmafirmen optimistisch gewesen, dass es bald Medikamente gegen Demenz und sogar Impfungen geben werde. „Keine einzige der neuen Therapieformen hat sich an Patienten als wirksam erwiesen“, so Müller. Man müsse aber für Betroffene weiter nach Lösungen suchen.

Einig sei man sich unter Wissenschaftlern, dass die vorhandenen Medikamente auch versagten, weil sie zu spät gegeben würden. Deshalb müsse man auf Früherkennung setzen – aber mangels wirksamer Medikamente zur Heilung auch auf nicht-medikamentöse Angebote. Kollegen Müllers am DZNE erforschen derzeit zum Beispiel, wie man die Autonomie der Erkrankten stärken könnte. Einige Drittmittel für patientennahe Projekte wurden eingeworben. In einem wird ergründet, ob sich Tanzen in einer Gruppe positiv auf die Gehirntätigkeit von Demenzkranken auswirkt.

Dipl.-Med. Stefan Andrusch, Vorsitzender des Hausärzteverbands Sachsen-Anhalt, führt Früherkennungstests mit Patienten durch, wenn sie es wünschen. „Ich bespreche das mit ihnen und schenke ihnen reinen Wein ein“, sagte er; auch, dass er nichts anbieten könne, was die Krankheit stoppe. Oft sei er jedoch in einer schwierigen Lage, weil gar nicht seine Patienten eine Demenzdiagnose forderten, sondern Angehörige. Ob frühe Testergebnisse diesen tatsächlich eine Hilfe seien, bezweifelt Andrusch. Wichtiger sei vermutlich, dass sie sich umstellten und lernten, mit ihrem erkrankten Angehörigen angemessen umzugehen.

Als Hausarzt würde er sich eine Anlaufstelle für Patienten wünschen, durchaus auch zur eigenen Entlastung, „damit ich das Problem ein bisschen von mir wegschieben kann“. Denn solange man die Krankheit nicht zum Stillstand bringen könne, sei wichtigster Leitsatz für die Versorgung: „Was muss organisiert sein, damit Patienten so gut wie möglich durch diese schwierige Phase kommen?“

„Findet ein Medikament!“

Prof. Dr. med. Hanna Kaduszkiewicz, Leiterin des Instituts für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Kiel, griff in ihrem Impulsvortrag ebenfalls hausärztliche Sichtweisen auf. Hausärzte seien durchaus bereit, an Forschungsprojekten teilzunehmen, weil sie selbst nach Antworten für die Betreuung ihrer Demenzpatienten suchten: „Sie möchten einen Zugewinn für ihre Arbeit.“ Auch eine positive Außenwirkung für die Praxis, eine Steigerung der Wertschätzung der Allgemeinmedizin oder Interesse an etwas Neuem spielten eine Rolle.

„Ich habe kaum Hausärzte kennengelernt, die nur aus finanziellem Interesse an Studien teilgenommen haben“, betonte Kaduszkiewicz. Aber eine angemessene Vergütung werde zu Recht erwartet. Damit Studien mit Hausärzten gelängen, sei es zudem sinnvoll, die Organisationsfähigkeiten von Medizinischen Fachangestellten zu nutzen und eigene Zeitfenster einzuplanen. „Mal zwischendurch Patienten rekrutieren“ funktioniere nicht.

Wichtig seien auch die Forschungsziele. Die Entwicklung wirksamer Therapien, „das ist es, was unter den Nägeln brennt“, so die Kieler Professorin. „Das ist ein wichtiger Auftrag der Hausärzte an die Neurowissenschaftler: Findet ein Medikament, das sichtbare Erfolge bringt.“

Sabine Rieser

WOZU DAS DZNE FORSCHT

  • Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) wurde 2009 als Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren gegründet. Es ist eines von sechs Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung zur Bekämpfung der wichtigsten Volkskrankheiten.
  • Das DZNE soll die Ursachen von Erkrankungen des Nervensystems untersuchen und Maßnahmen zur Prävention, Therapie und Pflege entwickeln. Ziel ist es, Erkenntnisse rasch in die medizinische Praxis gelangen zu lassen.
  • Im Rahmen von DZNE-Projekten der Versorgungsforschung wird untersucht, wie Angehörige und Pflegekräfte positiv auf Demenzkranke einwirken können, beispielsweise durch Mimik und Gestik.
  • In Mecklenburg-Vorpommern erprobt das DZNE den Einsatz von „Dementia Care Managern“, speziell geschulten Fachkräften, die Menschen mit Demenz zu Hause aufsuchen und deren Bedürfnisse systematisch erfassen. Sie stimmen sich eng mit Hausärzten ab, um die Versorgung zu optimieren. Mehr zum Konzept unter: http://www.aerzteblatt.de/111954
  • An den neun Standorten des DZNE arbeiten rund 800 Mitarbeiter aus 50 Nationen.

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