ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2015Luftangriff auf Krankenhaus: Das Ende der Hilfe

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Luftangriff auf Krankenhaus: Das Ende der Hilfe

Korzilius, Heike

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22 Menschen sterben beim Angriff auf ein Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Kunduz. Die Hilfsorganisation fordert eine unabhängige Aufklärung des Vorfalls.

Krankenhaus in Trümmern: Vor dem US-amerikanischen Luftangriff war das Haus mit 100 Betten das einzige in der Region, in dem größere chirurgische Eingriffe vorgenommen werden konnten. Foto: dpa
Krankenhaus in Trümmern: Vor dem US-amerikanischen Luftangriff war das Haus mit 100 Betten das einzige in der Region, in dem größere chirurgische Eingriffe vorgenommen werden konnten. Foto: dpa

Wir sahen, wie das Krankenhaus in Flammen stand. [...] Auf der Intensivstation brannten sechs Patienten in ihren Betten. [...] Wir mussten in unserem Büro die Versorgung von unzähligen Verwundeten organisieren, schauen, welche Ärzte noch am Leben waren.“ Krankenpfleger Lajos Zoltan Jecs schildert die Stunden, nachdem US-amerikanische Kampfflieger das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Kunduz in Teilen zerstört hatten. Die Hilfsorganisation veröffentlichte den Bericht auf ihrer Webseite. 22 Menschen starben bei dem Angriff am 2. Oktober.

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Wie es dazu kommen konnte, ist noch nicht klar. Das US-Militär sprach zunächst von einem „Kollateralschaden“. Das afghanische Verteidigungsministerium erklärte, eine Gruppe von Terroristen sei in der Klinik gewesen. US-Verteidigungsministerium, NATO und afghanische Regierung untersuchen den Fall. „Man kann diesen Angriff nicht von der Konfliktpartei untersuchen lassen, die ihn durchgeführt hat“, sagt Florian Westphal, Geschäftsführer der deutschen Sektion von MSF, dem Deutschen Ärzteblatt. „Es muss eine unabhängige Ermittlung geben.“ Deshalb fordert die Hilfsorganisation, die durch die Genfer Konvention geschaffene „Internationale Humanitäre Ermittlungskommission“ mit der Klärung des Falls zu beauftragen. Allerdings müssen die USA und Afghanistan dem zustimmen. Der Version, dass Taliban-Kämpfer aus dem Krankenhaus heraus geschossen hätten, widerspricht Westphal und beruft sich dabei auf MSF-Mitarbeiter in Kunduz. „Aber natürlich wurden in dem Krankenhaus gemäß humanitärem Völkerrecht auch verwundete Kämpfer behandelt, unabhängig davon, für wen sie gekämpft haben.“

Tatsache sei, dass das Krankenhaus vier Mal gezielt angegriffen wurde. Das sei ein fundamentaler Bruch der Genfer Konventionen, der sich auf keine Weise rechtfertigen lasse. „Wenn das humanitäre Völkerrecht nicht besser geschützt und respektiert wird, wird es immer schwieriger werden, Menschen in Kriegsgebieten medizinisch zu versorgen“, meint Westphal.

Um Patienten und medizinisches Personal unter solchen Umständen zu schützten, setzt MSF auf Dialog. „Alle Konfliktparteien müssen verstehen, dass wir eine humanitäre Organisation sind, die sich nicht politisch für die eine oder andere Seite engagiert“, erklärt Westphal. Eine Woche vor dem Angriff, als die Kämpfe in Kunduz an Intensität zunahmen, habe MSF erneut die GPS-Koordinaten des Krankenhauses an die Konfliktparteien durchgegeben. „Bislang gingen wir davon aus, dass so ein Minimum an Sicherheit gewährleistet ist. Das müssen wir sicherlich neu überdenken.“ Jetzt hat sich die Hilfsorganisation erst einmal aus Kunduz zurückgezogen. Zurzeit sei es unmöglich, dort weiterzuarbeiten, sagt Westphal. „Aber das bedeutet, dass eine der letzten Säulen der Gesundheitsversorgung für die Menschen in dieser Stadt wegbricht.“

Auch die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und der Weltärztebund verurteilten den Angriff auf das Krankenhaus von MSF. Er sei ein weiteres Beispiel dafür, dass Gesundheitseinrichtungen immer häufiger in den Fokus von kriegerischen Auseinandersetzungen gerieten, warnte BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery.

Heike Korzilius

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