ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1996Bali und Lombok: Wo Götter und Dämonen wohnen

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Bali und Lombok: Wo Götter und Dämonen wohnen

Amann, Erika

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LNSLNS Die Trauminsel in Indonesien heißt für Touristen aus aller Welt Bali. Neuerdings wird sie auch zum Sprungbrett zu den Kleinen Sunda-Inseln. Von der Metropole Denpasar fliegen "Inselhüpfer" in zwanzig Minuten auf das nächstgelegene Eiland; die Fähre braucht vier Stunden. Lombok – was auf deutsch Chili-Insel bedeutet – kann mit seinen "Bilderbuchstränden" sehr gut mit Bali konkurrieren. Sonst ist diese Tropen-Idylle völlig anders; sie eignet sich sowohl zum Ein- und Untertauchen als auch zum Aufsteigen. Sie gilt als Geheimtip für Hochzeitsurlauber.


Wie ein Band aus flüssigem Silber rauscht der Wasserfall in die Regenwald-Schlucht. Von der Terrasse des Rasthauses aus im nahen Bergdorf Bayan sieht man den Sindanggile-Fall am besten. Hier stärken sich die "Aufsteiger" mit scharfem Chili-Huhn nach einheimischer Sassak-Art, mit knusprigen Bananenpfannkuchen und heißem Ingwertee, bevor sie neben dem Wasserfall mit Bergführer und mit Zelt-Träger für die Biwakübernachtung hinaufkraxeln zum 3 726 m hohen Rinjani-Gipfel – dem drittgrößten Berg Indonesiens, dessen Vulkan noch immer brodelt.
Der Weg zum gigantischen Kratersee Segara Anak unterhalb des Gipfels, aus dem der Baru, ein zweiter Vulkan, herauswächst, ist steil und rutschig. Einheimische kommen mindestens einmal im Jahr und opfern am eiskalten See den Geistern und Dämonen des Berges und Batara, dem hohen Herrscher über den RinjaniVulkan. Dabei ist es einerlei, ob sie zu den wenigen Welu- Telu-Animisten gehören, die es nur auf Lombok gibt, Anhänger des Bali-Hinduismus sind oder Mohammedaner – wie das Gros der Lomboker (über 80 Prozent).
Wem der neun Fuß-Stunden währende Bergsteigertraum zu "hoch hängt"; auch nicht schlimm. Entdecker buchen Wanderausflüge. Indi, unsere junge Führerin, die ihre vier Kinder tagsüber von Omi betreuen läßt, muß Geld dazuverdienen, sonst reicht es nicht für die große Familie. Ihr Mann rackert sich als Kleinbauer ab mit drei winzigen Reisfeldern, ein paar Kokosnußpalmen und zwei rehbraunen Kühen, die handgeschnitzte Holzglöckchen um den Hals tragen und im offenen Stall unterm breitrandigen Palmstrohdach Gras futtern. Das wird noch mühsam mit einer Sichel frisch geschnitten. Hart auch der Reisanbau. Hier leisten Frauen und Männer gemeinsam schwere Handarbeit – vom Reis-Aufstecken bis zum Körner-Ausschlagen. Wie Riesenblumen wirken sie auf den schachbrettartigen Feldern mit ihren spitzen Strohhüten, die sie vor der Tropensonne schützen.


Pferdetaxis und Sarong-Wiege
Überall wird mit Cidomos, kleinen Pferdewagen, gefahren, die im fröhlichen Klipp-Klapp-Takt Fahrgäste befördern, aber auch Reis und das Federvieh. Nur über die rumpelig-steilen Pfade zu den abgeschiedenen Bergdörfern an den Rinjani-Hängen ist ein Jeep vonnöten und Ausdauer bei Drei- und Vier-Stunden-Touren in die alten Dörfer. Hier darf man "eintauchen" in die Kultur der Sassak, die mit ihrem Kraushaar ethnisch schon dem australischen Kontinent zugeschrieben werden. Das gilt auch für Flora und Fauna. Grenze ist die "WallaceLinie", die in der gleichnamigen Meeresstraße zwischen Bali und Lombok verläuft. Kunstvoll sind die Reisspeicher und Sassak-Häuser aus Bambus geflochten und gebaut. Frauen haben mit ihren Kindern den Vorrang: ihr Schlafdomizil ist drinnen, gleich neben Küche und Vorratsplatz, wo gelegentlich auch ein wertvolles Fahrrad geparkt wird. Für die Männer heißt es, vor dem Haus schlafen – auf der Veranda. Tagsüber knüpfen Sassak-Mamas ihre Sarongs gekonnt zu luftigen Wiegen für ihre Babies zusammen. In Karang Bayang sind schon zwölfjährige Mädchen emsig bei der Arbeit. Sie weben wunderschöne Taschen und Körbe aus den Ketak-Baumwurzeln. In Suranadi winkt ein Bad in einer Bergquelle. In keinem der noch typischen Sassak-Dörfer wird gebettelt. Man bezahlt dem Dorfältesten einen kleinen Obolus, der für die Bedürfnisse des ganzen Dorfes verwendet wird.
In dem gartengrünen Zentrum des Eilands wächst alles: roter Chili, Melonen und Reis, Tomaten und Tapioka, und dazwischen stehen große Bündel von Bambus wie riesige Blumenbouquets und lauschige Kokoswäldchen. Zahllose Flüßchen queren unseren Weg. Indi zeigt uns auf den Inseln im Fluß grüne Blätter und erzählt uns, daß sie für wohlschmeckenden Sassak-Spinat gezüchtet werden.
Sie lebt in der "Ideal"-Familie mit ihren vier Kindern. Durch Family-Planning-Aktionen ist auf Lombok die stattliche Zahl von zehn auf im Schnitt vier Kinder pro Familie zurückgegangen. Anfangs wurde in den Dörfern am Abend eigens die große Trommel geschlagen, damit keine Frau ihre Pille vergaß. Inzwischen gibt es für abgelegene Dörfer sogar einen ambulanten Gesundheitsservice, der die Pille in einer Spritze für drei Monate verabreicht.
Trotzdem bleibt der Dukun, der Medizinmann, der wichtigste Mann im Dorf: Wer sonst sollte bestimmen, welche Opfer zu bringen sind und wann der beste Tag ist, um Hochzeit zu halten oder ein neues Haus zu bauen? Er organisiert den Umzug durch das Dorf für die zur Frau gewordenen jungen Mädchen. Sie sitzen, schön geschmückt, auf bunt bemalten Holzpferd-chen, die man durch den Ort trägt – damit die jungen Männer erfahren, wo sie gegen gebührendes Brautgeld um eine hübsche junge Ehefrau anhalten können.
Kleine Abstecher von der Hauptstraße in das Zentrum der Insel führen durch Tropengärten zum Beispiel nach Sukara, wo die besten Weberinnen für golddurchwirkte Sonkhet-Stoffe sitzen, und weiter nach Penujak, dem Töpferdorf. Kinder im Dutzend wollen lautstark und alle gleichzeitig ihre Schüsseln und Schalen an die überrumpelten Fremden loswerden.


Golfen und heilige Aale
In Batujai wartet einer der beiden 18-Loch-Plätze auf Golfer; der andere liegt neben dem Städtchen Narmada, das einst von einem balinesischen Raja begründet wurde. Er hinterließ seinen Sommerpalast und kühle Schwimmbäder, abgeleitet aus dem Fluß, in denen heute Wochenendgäste aus der Inselhauptstadt Mataram baden. Das Narmada-Tempelchen mit der Quelle, die als Jungbrunnen wirken soll, ist zugeschlossen und wohl nur noch für Götter und Geister zugänglich. Auch die Pagode wird nur zu Festen für den Vulkan-Gott des Rinjani geöffnet.
Das Reinigungsbad, ein Teich mit heiligen Aalen, die mit gespendeten Eiern gefüttert werden, und ein mit Lavasteinen geschmücktes Gotteshaus der Welu-Telu-Animisten stehen im nahen Lingsar. Und einträchtig daneben ein vielbesuchter Hindu-Tempel. Davor liegt die Metropole Mataram. Sie ist inzwischen fast mit Cakranega und Ampenam zusammengewachsen. Als besonders anziehend für Touristen gelten hier – außer ihrer Strandzone – der farbenprächtige Markt von Sweta, das eindruckvolle Völkerkundemuseum und die Einkaufsquellen in Antiquitätenshops für alte einheimische Keramik, Plastiken und erlesene Flechtkunst.
Nobelgeschäfte dafür finden sich auch in Senggigi, der lebhaftesten Strandregion der ganzen Insel. Sie soll weiter ausgebaut werden, ebenso wie tief im Süden der bislang ziemlich unberührte Kuta-Beach, wo sich jetzt auch der Sohn des Präsidenten eingekauft hat. Indonesische Tourismusplaner hoffen bald auf Gästezahlen wie in Bali. Davon ist die Insel noch Lichtjahre entfernt – selbst in Senggigi. Neue Luxusherbergen, neben der Sheraton-Komfortanlage und dem Hotel Melia Bali am Nuja Dua Beach, sind im Bau. Je weiter nordostwärts in Richtung Rinjani man auf der Küstenstraße fährt, um so einsamer werden die in Kokoswäldchen gebetteten Badebuchten. Meist gehören sie noch ganz den Fischern.
Wem beim Untertauchen mehr nach Meer zumute ist, für den heißt das Zauberwort "Gilis". Eine halbe Stunde mit dem Boot, und schon tun sich rund um die Gilis, die weißsandigen Korallen-Inselchen vor der Küste, die aufregendsten Schnorchel- und Tauchgründe auf. Es warten die buntesten Fischexoten. Ausrüstung und Experten zum Untertauchen findet man in der Tauchschule am Senggigi Beach. Auf Gili Menon kommen dann so nebenbei auch Feinschmecker auf ihre Kosten: Im Casa Blanca, einem einfachen Rumah Makan (Speisehaus), gibt es köstlich-frischen Hummer mit Limonen- und Knoblauch-Soße. Und hinterher mundet vielleicht eine Mango-Eiscreme aus frischer Büffelmilch. Erika Amann

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