ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2015Digitale Gesundheit: Innovations-Scouting: Was geht ab?

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Digitale Gesundheit: Innovations-Scouting: Was geht ab?

Krüger-Brand, Heike E.

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Landauf, landab suchen Gründerplattformen nach vielversprechenden Innovationen für das Gesundheitswesen. Patentrezepte für den Erfolg gibt es nicht.

Auch ein Pharmaunternehmen wie Bayer will am Puls der Zeit bleiben und Innovationen keinesfalls verschlafen. Foto: Fotolia/Rawpixel
Auch ein Pharmaunternehmen wie Bayer will am Puls der Zeit bleiben und Innovationen keinesfalls verschlafen. Foto: Fotolia/Rawpixel

Aller Anfang ist schwer – das gilt ganz besonders für junge Unternehmen, die elektronische Anwendungen für den Gesundheitsbereich entwickeln und mit den sehr speziellen Rahmenbedingungen dieses Marktes zurechtkommen müssen. „Im Gesundheitswesen gelten andere Gesetze“, erklärte der Medizininformatiker Prof. Dr. Peter Haas, Fachhochschule Dortmund, bei einer von dem Gründerzentrum Startplatz veranstalteten E-Health-Konferenz in Köln. So gehe es unter anderem um hohe Anforderungen des Datenschutzes, die erfüllt werden müssten, aber auch um Vorbehalte der Ärzte und Ängste von Patienten, um angemessene Geschäftsmodelle und um Nutzennachweise. Zudem zeichne sich das Gesundheitswesen durch fehlende Vorgaben und Standards, durch viele proprietäre Systeme, fehlende Interoperabilität und nicht zuletzt durch viele „miserable Lösungen“ aus, konstatierte Haas.

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Vor dem Hintergrund von „Tausenden von Insellösungen“ ist Haas zufolge daher die größte Herausforderung im Gesundheitswesen die semantische Interoperabilität, die eine Zusammenarbeit überhaupt erst ermögliche. Weitere Anforderungen an E-Health-Anwendungen seien Datenschutz- und Sicherheitskonzepte, die Integration von Apps und die Festlegung von Qualitätsmerkmalen, denn „,Good E-Health Practice‘ gibt es noch nicht“, so Haas. Zudem seien Evaluationskonzepte nötig, damit nicht jeder stets von vorne anfangen müsse.

Die Digitalisierung spielt auch für die Medizintechnik eine immer größere Rolle. Das betonte Philipp Potratz vom Cluster Medizintechnik NRW (www.medizin-technik-nrw.de). Die Initiative baut seit 2011 im Auftrag des Landesforschungsministeriums eine Plattform auf, um Industrie, Forschung und Gesundheitsversorgung besser miteinander zu vernetzen. „Nordrhein-Westfalen ist bislang kein Hotspot für Start-ups wie Berlin, Baden-Württemberg oder Bayern“, erklärte Potratz. Zwar sei NRW im wissenschaftlichen Bereich, in Medizintechnik und Datenverarbeitung gut aufgestellt, gleichzeitig verzeichne das Land weniger Patente als etwa Baden-Württemberg. Obwohl es Gründerzentren, Netzwerke und Finanzierungshilfen gebe, lasse der Transfer in Unternehmen zu wünschen übrig.

Entwicklungsplattform für Data-Driven-Healthcare

Ein zentrales Thema, mit dem sich die Initiative seit 2014 befasst, ist der Aufbau der NRW-Entwicklungsplattform „Data-Driven Healthcare“. „Der zweite Gesundheitsmarkt wird weiter wachsen“, erklärte Potratz. Big Data spiele dabei eine große Rolle: Mit dem Schwerpunkt sollen die aus unterschiedlichen Quellen verfügbaren Gesundheitsdaten – aus Studien, aber auch aus der Selbstdokumentation von Patienten – für neue Ansätze in Prävention und Therapie genutzt werden. Dabei sollen auch rechtliche Fragen, etwa zum Datenschutz, ebenso wie Qualitätsaspekte angegangen werden.

Ulrich Schulze-Althoff, Medisana AG, berichtete aus der Perspektive eines Herstellers mobiler Endgeräte zur Vitaldatenmessung, welche Faktoren für den Erfolg im Markt eine Rolle spielen. „Die Nutzer wollen Daten teilen und bei Handyverlust ihre Daten nicht verlieren“, erklärte der Experte. „Die Daten nur auf dem Gerät abzulegen, ist daher nicht der Weisheit letzter Schluss.“ In einigen Jahren werde es keine Geräte mehr geben, die nicht vernetzt sind, prognostizierte Schulze-Althoff. Ihm zufolge werden kabelfreie, etwa per Bluetooth mit dem Smartphone verbundene Geräte und die Datenspeicherung in der Cloud die Entwicklung dominieren. Diese Prognose resultiert nicht zuletzt aus leidvollen Erfahrungen des Unternehmens: Nach einem Steckerwechsel bei Apple im Jahr 2012 musste der Medizintechnikanbieter sämtliche Medizinprodukte hierfür neu entwickeln und zertifizieren lassen. Unter Sicherheitsaspekten seien zudem Lösungen zu bevorzugen, die die Daten und die Identität des Nutzers getrennt speichern, empfahl der Experte.

Gegen den Spruch „Pharma is the next Kodak“ trat Jannis Busch von Bayer an und erläuterte, wie sich der Pharmakonzern allmählich in Richtung „digital health“ bewegt. 2012 wurde von einer kleinen Arbeitsgruppe innerhalb des Konzerns die Plattform „Grants4Apps“ (www.grants4apps.de) gegründet, die junge Unternehmen darin unterstützen soll, innovative Produktideen zu entwickeln und zur Marktreife zu bringen. Über das international angelegte Mentoren- und Coachingprogramm „Accelerator“ erhalten in den Auswahlrunden jeweils fünf Start-ups nicht nur 50 000 Euro Fördergeld, sondern darüber hinaus die Chance, im Forschungszentrum von Bayer Healthcare Pharmaceuticals in Berlin 100 Tage zu arbeiten und beispielsweise die Studienexpertise von Bayer zu nutzen. Die Motivation für Bayer? „Open Innovation – Marktbeobachtung und Innovations-Scouting: Zu sehen, was gibt es da draußen?“, lautet die Antwort. Bayer will sich als Ansprechpartner und Ideenschmiede für die Start-up-Szene profilieren und „generisch und organisch mit den Start-ups arbeiten“, so Busch. Finanziell hingegen sei die Initiative für den Konzern, der sich überlicherweise eher mit Milliardeninvestitionen befasst, ein Verlustgeschäft – er begnügt sich mit acht Prozent stiller Beteiligung an den Unternehmensgründungen. Die Bayer-Initiative werde in der Pharmabranche aufmerksam verfolgt, berichtete Busch. Inzwischen habe auch Merck einen Accelerator für digital health aufgemacht.

Zu den Jungunternehmen, die ihre Geschäftsideen präsentierten, zählte unter anderem die Online-Plattform Better Doc, die Patienten dabei unterstützen soll, den bestmöglichen Arzt zu finden (http:// betterdoc.org). Der Dienst befasse sich vor allem mit Anfragen zu schwerwiegenden, seltenen oder chronischen Erkrankungen, zu Entscheidungen vor einer Operation und zu Zweitmeinungen, erläuterte Mitgründerin Dr. med. Donata von Dellinghausen. Der Ablauf: Der Patient beschreibt seine Diagnose über ein Webformular. Er erhält einen Rückruf von einem Arzt, es folgt eine gründliche Analyse durch das Expertenteam der Plattform, und in einem zweiten Rückruf innerhalb von 48 Stunden erhält der Patient drei Arztempfehlungen zur Auswahl und kann auch einen Termin über die Plattform vereinbaren.

Die Empfehlungen speisen sich dabei aus mehreren Quellen: An erster Stelle steht ein Expertenrat aus mehr als 2 000 unabhängigen, ehrenamtlich tätigen Spezialisten aus 31 Fachbereichen. Hinzu kommen Daten aus den obligatorischen Qualitätsberichten von Kliniken, Fallzahlen von Diagnosen und Prozeduren sowie vorhandene Qualifikationen und Zertifizierungen. Darüber hinaus werden die Patienten über diagnosespezifische Fragebögen bis zu zwei Jahre nach ihrer Behandlung befragt, um die Beratungsqualität sowie die Indikations- und die Ergebnisqualität zu messen. „Durch die Nachbefragung erfahren wir viel über die Ärzte, und dieses Wissen fließt wieder in den Qualitätskreislauf ein“, meinte von Dellinghausen. „85 Prozent der Patienten folgen unseren Empfehlungen. Auswertungen zeigen, dass mehr als 60 Prozent aller geplanten Operationen unnötig sind und durch Zweitmeinungsverfahren vermieden werden.“ Die Plattform finanziert sich nach Angaben der Gynäkologin fast ausschließlich durch die Zusammenarbeit mit Krankenkassen.

Wie lassen sich Daten vom „Ökosystem Patient“ zum „Ökosystem Arzt“ übertragen? Mit dieser Frage beschäftigt sich Dr. med. Johannes Jacubeit, Gründer von Connected Health, Hamburg. Das Ende 2014 gegründete Unternehmen will mit dem Produkt „LifeTime“ den lokalen Datenaustausch zwischen dem Arztrechner und dem Smartphone des Patienten ermöglichen und Scan- und Druckprozesse dabei ersetzen. Wesentliches Element ist eine kleine Hardware-Box (Hub) für die Arztpraxis, die per Plug & Play funktioniert und sich an jedes medizinische System anschließen lässt. Der Patient hingegen benötigt eine App, in der er seine Krankenakte und die Daten aus etwaigen Wearables und mobilen Trackern speichert. Das Prozedere: Beim Arztbesuch hält der Patient sein Smartphone an den Hub, und die Datenübertragung über eine kontextsensitive Schnittstelle startet. Der Arzt kann die Daten aus dem Interface als verschlüsselten Container in sein System übernehmen, muss sie aber manuell dem jeweiligen Patienten zuordnen. Umgekehrt kann auch der Patient beispielsweise Röntgenbilder, Befunde und andere Dokumente einfach auf sein Smartphone laden. Nach einer Testphase mit einer großen Klinik in Hamburg soll das System Ende des Jahres marktreif sein (www.connected-health.eu).

Heike E. Krüger-Brand

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