ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2015Medizinische Promotionen: Höhere wissenschaftliche Effizienz

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Medizinische Promotionen: Höhere wissenschaftliche Effizienz

Oestmann, Jörg Wilhelm; Meyer, Michael; Ziemann, Esther

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Eine Auswertung der Promotionenstatistik an der Charité zeigt, dass mit der besseren Benotung auch die Publikationsaktivität zunimmt.

Foto: Fotolia/Africa Studio
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Die Benotung deutscher Promotionen steht in der öffentlichen Diskussion (1). Eine Auswertung des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) auf der Basis von Daten des Statistischen Bundesamts hat extreme Variationen nach Studienfächern und Standorten über die Zeit gefunden (2). Für den Zeitraum 2010–2012 etwa vergab die Universität Würzburg im Fachbereich „Mathematik/Naturwissenschaften allgemein“ in 90 Prozent aller Promotionen (n = 98) die Zensur „summa cum laude“, wohingegen es an der Universität Oldenburg nur 15 Prozent (n = 38) waren. Im Zeitraum 2007–2009 waren in Würzburg 38 Prozent der Promotionen entsprechend benotet worden. In den Lebenswissenschaften – etwa der Biologie – sind ähnliche Trends zu beobachten.

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In der Medizin steht die Qualität der Dissertationen seit Jahren unter Beobachtung (3). Das European Research Council hält den deutschen medizinischen Doktorgrad nicht für gleichwertig mit dem Ph.D. (4). Der deutsche Wissenschaftsrat hat seine Abschaffung empfohlen (5). Die Eigenheiten der medizinischen Promotion – etwa der regelhafte Beginn des Promotionsprojektes im Studium und die hohe Zahl der Promovenden – geben immer wieder Anlass zu kritischen Fragen zum wissenschaftlichen Wert der Arbeiten.

Fakultäten um Hebung der Qualitätsstandards bemüht

Die medizinischen Fakultäten sind – befeuert unter anderem durch die Exzellenzinitiative, aber auch durch den internationalen Wettbewerb – seit Jahren bemüht, die Qualität der wissenschaftlichen Arbeiten anzuheben. Die leistungsorientierte Mittelvergabe nach Publikationsaktivität – häufig über softwaregestützte Erfassungssysteme wie „fact-science“ (6) gesteuert – ist dafür ein finanzielles Anreizsystem. Die erweiterte Diskussion im öffentlichen Raum sowie der offenere inneruniversitäre Umgang mit den Problemen des Plagiats, der Datenfälschung und der Autorenkonflikte stärkt das ethische Fundament wissenschaftlichen Arbeitens. Verbesserte technische Möglichkeiten der digitalen Archivierung, Analyse und Administration wirken als Katalysator. Diese Entwicklung hält lang genug an und ist weit genug fortgeschritten, um erste Effekte zu erwarten. Die Mittel, mit denen Qualität bewertet werden kann, sind gleichwohl weit von der Perfektion entfernt.

Die Bewertung durch Gutachter und Prüfer schlägt sich in den Endzensuren nieder. Die Verfahren zu deren Ermittlung variieren und befinden sich vielerorts im Wandel.

Begutachtung: Werden nur interne Gutachter vorgesehen, ist eine objektive Beurteilung erschwert bis unmöglich. Einer Benotungskultur innerhalb einer Institution kann sich ein interner Gutachter nur schwer entziehen. Sind externe Gutachter vorgesehen, handelt es sich vielfach um ehemalige Kollegen mit entsprechenden Effekten. Eine wirklich unabhängige Auswahl der Gutachter ist also schwer zu erreichen. Vielerorts vergibt der Doktorvater/die Doktormutter außerdem eine Vornote, die in die Endzensur einfließt und die teilweise den Gutachtern sogar kommuniziert wird.

Entwicklung der Promotionsbenotungen
Grafik 1
Entwicklung der Promotionsbenotungen

Das Gutachten erfolgt nach Aktenlage. Die Arbeit wird regelhaft nur in Papierform vorgelegt. Zugang zu Primärdaten hat der Gutachter nicht. Bei Publikationspromotionen fließt die Bewertung durch die Zeitschriftengutachter indirekt in die Note ein – über die Bedeutung, die der Promotionsgutachter der Zeitschrift beimisst. Die Begutachtung geht in der Regel hälftig in die Endzensur ein.

Prüfung: Die Disputation vor einem öffentlich tagenden Prüfungsausschuss beendet klassischerweise das Bewertungsverfahren. Je nach Promotionsordnung können auch Einzelprüfungen stattfinden, die naturgemäß einfacher zu organisieren sind. Abhängig von der Ordnung können Betreuer und Gutachter Teil des Prüfungsausschusses sein. An der Charité werden zu den Sitzungen zwei interne stimmberechtigte Fachvertreter geladen. Betreuer und Gutachter sind nicht im Ausschuss vertreten. Der direkte Kontakt mit dem Promovenden erleichtert das Aufspüren problematischer Aspekte einer Arbeit sowie die Verifizierung des Grades der Verantwortung der Kandidaten für die Gesamtarbeit.

Trotz all dieser Unwägbarkeiten funktioniert das Benotungssystem in technischer Hinsicht. In der Erfahrung der Charité werden nur selten Einsprüche eingelegt oder erteilte Zensuren revidiert.

Im Folgenden sollen die offiziellen Promotionsstatistiken der Charité von 2014 in der Rückschau bis 1992 ausgewertet werden. Es werden sowohl die Benotungen als auch die Publikationsaktivität betrachtet. Aufbauend auf einer bereits erfolgten Erhebung mit einer Stichprobenpopulation wurden die Publikationen aller Promovenden in den fünf Jahren vor und zwei Jahren nach der Erteilung des Grades mit den jeweiligen Benotungen korreliert. Die Erfassung soll eine Datenbasis für die laufende Diskussion erstellen. Insbesondere soll geklärt werden, ob eine inflationäre Besserbenotung vorliegt, welche die Qualität der Arbeiten nicht reflektiert. In Ermangelung eines besseren Parameters wird die Publikationsaktivität in ihren Facetten Publikationsanzahl, Impact-Faktor und Erstautorenschaft als Qualitätsmaß angenommen.

In dem Zeitraum von 1992 bis 2014 erfolgten insgesamt 10 771 Promotionen. Abbildung 1 zeigt den Verlauf der Zensuren. Bemerkenswert sind der starke Abfall der „summa cum laude“-Benotung von 16 Prozent in 1992 auf circa fünf Prozent bis 1995 sowie der Anstieg der „cum laude“-Benotungen von 54 Prozent auf circa 63 Prozent im gleichen Zeitraum. Bemerkenswert ist auch, dass um 1994 und 1995 herum mehr „rite“- als „magna cum laude“-Benotungen vergeben wurden. Für diese Zeiträume wurden keine Publikationsdaten erfasst.

Im Zeitraum 1996 bis 2014 fiel der Anteil der „cum laude“-Benotungen von rund 68 Prozent auf 43 Prozent ab. „Magna cum laude“ stieg von 14 Prozent auf 40 Prozent an. „Summa cum laude“-Bewertungen stiegen von sieben Prozent auf 13 Prozent an. „Rite“-Bewertungen fielen von zehn Prozent auf circa vier Prozent ab.

Korrelation zwischen Zahl der Publikationen und Note

Abbildung 2 zeigt die Häufigkeit von Publikationen in Verbindung mit den unterschiedlichen Noten für die Jahrgänge 1998, 2004 und 2008. Beide Parameter waren signifikant assoziiert. Der Anteil der publizierenden Promovenden unabhängig vom Jahrgang stieg von 18 Prozent bei der Benotung „rite“ auf 94 Prozent bei der Benotung „summa cum laude“. Generell wurde eine Assoziation der Note und der Publikationswahrscheinlichkeit beobachtet. Für einen Dr. med. mit der Note „summa“ im Jahr 2008 lag die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines Zeitraums von fünf Jahren vor und zwei Jahren nach einer Promotion zu publizieren, unabhängig vom Geschlecht bei circa 98 Prozent.

Günstig auf die Note wirken sich die Anzahl der Publikationen vor oder im Jahr der Promotion und der Impact-Faktor der Zeitschrift aus. Es wurden schwache Hinweise auf eine mögliche Assoziation der Erstautorenschaft und der Chance auf eine bessere Note gefunden. Ein Zusammenhang mit dem Geschlecht wurde nicht beobachtet.

Häufigkeit von Publikationen je Promovend in Verbindung mit den Noten
Grafik 2
Häufigkeit von Publikationen je Promovend in Verbindung mit den Noten

Die Unterschiede der Benotung zwischen den Geschlechtern waren nur punktuell signifikant und dann zugunsten der Männer. Gegen Ende des Beobachtungszeitraums nahm dieser Trend ab. Da der Anteil der Frauen an den Promovenden über den Zeitraum zunahm, überstieg die Anzahl der „summa cum laude“-Benotungen der Frauen die der Männer.

Wenn man hochschul- und wissenschaftspolitischen Initiativen irgendeine Relevanz beimisst und ihnen eine gewisse Effizienz nicht vollkommen abspricht, kann eine Verbesserung des wissenschaftlichen Niveaus über diesen langen Zeitraum eigentlich nicht überraschen. Trotzdem wird in der kollegialen Diskussion die These gehandelt, die Benotungen seien aus dem Ruder gelaufen und reflektierten nicht das akademische Niveau der vorgelegten Promotionsarbeiten. Naturgemäß wird diese Meinung vor allem von denen vertreten, die auf lange Zeiträume zurückschauen können. Untersuchungen des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) bestätigen eine sehr variable Benotung abhängig von Fach und Standort, die durch Leistungsunterschiede nicht vollkommen zu erklären ist. Die Diskussion ist somit statthaft und nützlich für alle, denen die Qualität der Wissenschaft am Herzen liegt. Denn sie zwingt sie dazu, Behauptungen mit Zahlen zu hinterlegen – eine Tätigkeit, in der sich Lebenswissenschaftler auskennen.

Die Resultate für die Charité zeigen in der Tat eine deutliche Verschiebung der Benotung von „cum laude“ zu „magna cum laude“. Die Analysen der Jahre 1998, 2004 und 2008 finden allerdings auch eine durchgängige Korrelation zwischen der Publikationsaktivität und der Note. Die Wahrnehmung, es würde besser benotet, kann also belegt werden. Die Analyse zeigt jedoch auch, dass die belegbare wissenschaftliche Aktivität und Qualität – gemessen an der Publikationsaktivität – in ähnlichem Maße zunimmt. Gänzlich ohne Datenbasis wäre die Aussage, dass die messbare Qualität der Arbeiten nachlässt.

Den langsamen Anstieg der „summa cum laude“-Benotungen nach einem Tiefpunkt um die Jahrtausendwende könnte die allgemeine Verbesserung der wissenschaftlichen Voraussetzungen an der Charité erklären. Auch hier gilt der gefundene Zusammenhang zwischen der Publikationsaktivität und der Note für die Jahre 1998, 2004 und 2008.

Über die Begründung für den hohen Anteil von „rite“-Benotungen von 1993–1996 kann nur spekuliert werden. Es werden sicherlich einige Spätläufer aus der Wendezeit dabei sein. Möglich ist auch, dass die wissenschaftlichen und personellen Umstellungen in den Gutachten ihren Niederschlag fanden.

Die Entwicklung der Benotung der Arbeiten von Frauen war abgesehen von einzelnen Zeitpunkten nie wirklich unterschiedlich von denen der Männer, jedoch zeigt sich über die Zeit ein Trend zur besseren Vertretung junger Wissenschaftlerinnen unter den mit „summa cum laude“- Promovierenden. Derzeit werden mehr „summa cum laude“-Arbeiten von Frauen als von Männern vorgelegt. Allerdings ist der Anteil der Frauen an den Studenten und Promovenden stetig angestiegen.

Vieles spricht für Anstieg der wissenschaftlichen Effizienz

Es sind auch weitere Faktoren denkbar, die mit der Note der Doktorarbeit assoziiert sein könnten. In einer Studie zur Bewertung der Publikationsaktivität von Biologen (7) wurde festgestellt, dass die Anzahl der Publikation der Doktoranden mit der Publikationsaktivität des Doktorvaters korreliert. Bei Frauen bestand ein Zusammenhang mit der Anzahl der Kinder. Diese Faktoren wurden nicht untersucht.

Auch weiterhin bleibt die Bewertung der Qualität einer wissenschaftlichen Arbeit oder eines Projektes Gegenstand lebhafter Diskussion. Für die große Bedeutung der Publikationsaktivität findet sich aus Sicht der Verfasser jedoch weiterhin keine Alternative. Zusammenfassend wird der Eindruck einer zunehmend besseren Benotung bestätigt. Bei gleichbleibender Korrelation der Noten mit der Publikationsaktivität deutet dies auf einen realen Anstieg der wissenschaftlichen Effizienz hin.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2015; 112(42): A 1706–10

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Jörg-Wilhelm Oestmann
Vorsitzender der Promotionskommission der
Charité-Universitätsmedizin Berlin
Campus Virchow Klinikum
13353 Berlin
E-Mail: joerg.oestmann@charite.de

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4215
oder über QR-Code.

1.
Der Tagesspiegel: Promotionen – Wer ein „summa“ verdient. http://www.tagesspiegel.de/wissen/promotionen-wer-ein-sum ma-verdient/7467740.html (letzter Abruf: 21.07.2015)
2.
Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ): Promotionsnoten 2002–2013. http://www.forschungsinfo.de/promotionsnoten/Promotionsnoten std.asp?AF=10&UK=4&perspecti ve=&ALL_K=true&Last_UK=true&S=0&RL=0&ct=std (letzter Abruf: 21.07.2015)
3.
Ziemann E, Oestmann J-W: Publikationen von Doktoranden 1998–2008: das Beispiel Charité. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(18): 333–7
4.
Europäischer Forschungsrat (ERC): Antragsberechtigung bei Medizinern (StG) http://www.eubuero.de/erc-gewusst.htm#DrMed (letzter Abruf 21.07.2015)
5.
Wissenschaftsrat: Empfehlungen zur Doktorandenausbildung. Drs. 5459/02 Saarbrücken, 15.11.2002. http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/5459–02.pdf (letzter Abruf 01.02.2012)
6.
FACTScience: LE Administrationsplattform zur Leistungsevaluierung und LOM http://www.qleo.de/produkte/factscience-le.html (letzter Abruf: 21.05.2015)
7.
Scott Long J: The origins of sex difference in science, Social Forces 68, 1297 (1990)

Promotionskommission der Charité-Universitätsmedizin Berlin, Campus Virchow Klinikum: Prof. Dr. med. Oestmannn, Dr. rer. nat. Meyer, cand. med. Ziemann

Entwicklung der Promotionsbenotungen
Grafik 1
Entwicklung der Promotionsbenotungen
Häufigkeit von Publikationen je Promovend in Verbindung mit den Noten
Grafik 2
Häufigkeit von Publikationen je Promovend in Verbindung mit den Noten
1.Der Tagesspiegel: Promotionen – Wer ein „summa“ verdient. http://www.tagesspiegel.de/wissen/promotionen-wer-ein-sum ma-verdient/7467740.html (letzter Abruf: 21.07.2015)
2.Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ): Promotionsnoten 2002–2013. http://www.forschungsinfo.de/promotionsnoten/Promotionsnoten std.asp?AF=10&UK=4&perspecti ve=&ALL_K=true&Last_UK=true&S=0&RL=0&ct=std (letzter Abruf: 21.07.2015)
3.Ziemann E, Oestmann J-W: Publikationen von Doktoranden 1998–2008: das Beispiel Charité. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(18): 333–7
4.Europäischer Forschungsrat (ERC): Antragsberechtigung bei Medizinern (StG) http://www.eubuero.de/erc-gewusst.htm#DrMed (letzter Abruf 21.07.2015)
5.Wissenschaftsrat: Empfehlungen zur Doktorandenausbildung. Drs. 5459/02 Saarbrücken, 15.11.2002. http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/5459–02.pdf (letzter Abruf 01.02.2012)
6.FACTScience: LE Administrationsplattform zur Leistungsevaluierung und LOM http://www.qleo.de/produkte/factscience-le.html (letzter Abruf: 21.05.2015)
7.Scott Long J: The origins of sex difference in science, Social Forces 68, 1297 (1990)

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