ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2015Das Gespräch mit Prof. Dr. med. Karl H. Beine, Lehrstuhl für Psychiatrie und Psychotherapie Universität Witten/Herdecke: „Es gibt die Neigung, die Augen zu verschließen“

THEMEN DER ZEIT: Das Gespräch

Das Gespräch mit Prof. Dr. med. Karl H. Beine, Lehrstuhl für Psychiatrie und Psychotherapie Universität Witten/Herdecke: „Es gibt die Neigung, die Augen zu verschließen“

Dtsch Arztebl 2015; 112(43): A-1776 / B-1474 / C-1440

Korzilius, Heike

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Karl Beine forscht über Krankenpfleger und Ärzte, die Patienten töteten. Der Psychiater über den Mythos Mitleid, überfordernde Arbeitsbedingungen und den Umgang mit einem ungeheuren Verdacht

Fotos: Christian Weische/picture alliance für Deutsches Ärzteblatt
Fotos: Christian Weische/picture alliance für Deutsches Ärzteblatt

Es ist Grün im Osten von Hamm. Der Kurpark ist nicht weit, und Häuser mit gepflegten Gärten säumen die Straßen. Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des St. Marien-Hospitals ist in einem verzweigten Altbau untergebracht. Die Korridore sind hell und aufgeräumt, ebenso wie das Büro des Chefarztes. Prof. Dr. med. Karl Beine hat sich Zeit genommen, um über ein Thema zu sprechen, das ihn seit 25 Jahren nicht loslässt: Der Psychiater versucht, wissenschaftlich zu ergründen, wie es dazu kommen kann, dass Krankenpflegerinnen und -pfleger sowie – in selteneren Fällen – Ärztinnen und Ärzte ihnen anvertraute Patienten töten.

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Beines Beschäftigung mit Patiententötungen geht auf ein persönliches Erlebnis zurück. „1990 hat ein Krankenpfleger, den ich kannte, Patienten getötet, die ich ebenfalls kannte“, sagt der Psychiater. Der Pfleger Wolfgang L. brachte zehn Patienten der Westfälischen Klinik Gütersloh ums Leben, indem er ihnen Luft in die Venen spritzte. „Ich war so entsetzt über das, was da geschehen war, dass ich angefangen habe, dieses Thema zu beforschen“, erklärt Beine. Er hat über die Jahre sämtliche Fälle dokumentiert – der jüngste ist der des Krankenpflegers Nils H., der zwischen 2003 und 2005 mindestens 30 Patienten mit einer Überdosis eines Herzmedikaments tötete (siehe „Wie ein Pfleger zum Mörder wurde“ auf Seite 1774).

Beine versucht, mit Hilfe von Fallanalysen Muster aufzudecken. Befragungen von Krankenhausmitarbeitern dienen dazu, Umstände zu identifizieren, die solche Taten begünstigen. Nach Ansicht des Psychiaters gibt es durchaus so etwas wie ein Täterprofil. Viele von denen, die später zu Tätern wurden, wählten den Arzt- oder Pflegeberuf aufgrund einer ausgeprägten Selbstunsicherheit, sagt Beine. Sie hofften, vom hohen Sozialprestige, von der öffentlichen Wertschätzung zu profitieren. Dazu komme das ausgeprägte Machtgefälle, die Abhängigkeit eines Patienten von seiner Schwester, seinem Pfleger, seinem Arzt.

Täter sind oft überfordert

„Im wirklichen Leben ist das mit der erhofften Anerkennung und der Wertschätzung allerdings nicht so weit her“, sagt Beine. Die Arbeitsbelastung in den Krankenhäusern, der psychische und ökonomische Druck auf die Mitarbeiter sei hoch, es gebe strenge Hierarchien, dazu kämen Konflikte mit Kollegen und Patienten. „Keiner der Täter, die ich untersucht habe, hat aber je im Vorfeld seiner Taten über das geredet, was ihn belastet“, erklärt der Psychiater. „Da gibt es eine überdurchschnittliche Verschlossenheit und offenbar auch eine überdurchschnittliche Unfähigkeit, sich auf eine reife Weise aus einer beruflichen Überforderungssituation zu befreien und Hilfe zu suchen.“ Was die Täter eine, sei das Bedürfnis in ihrem Beruf zu bleiben und die Angst davor, sich zu verändern, meint Beine. „Umgebungsfaktoren und persönlichkeitsspezifische Faktoren arretieren wie der berühmte Schlüssel im Schloss, und es gibt keine Lösung mehr.“ So entstehe eine Abwärtsspirale, in der sich das Leiden des späteren Täters mit dem der Patienten vermische.

Dass die Täter aber aus Mitleid handeln, lässt Beine nicht gelten. „Wenn man, wie im Fall von Wolfgang L., den Patienten Luft injiziert, ist das ein relativ unbarmherziger Tod. Das von nahezu allen Tätern behauptete Mitleid ist ein Mythos. Das ist allenfalls Selbstmitleid.“

Die meisten sind schuldfähig

Den Tätern diene ihre Tat als Ventil. „Aber der Druck im Schlauch nimmt nicht ab, sondern tendenziell sogar zu“, sagt Beine. Denn die Täter wüssten, dass sie unrecht handelten. Die einfache Gleichung, wer so etwas tue, sei krank, stimme so nicht, ist Beine überzeugt. Sämtliche Verdächtigen seien im Rahmen ihrer Strafverfahren umfassend forensisch-psychiatrisch begutachtet worden. Und bei niemandem habe man eine Schuldunfähigkeit festgestellt. „Aber gesund sind die Täter auch nicht“, räumt der Psychiater ein. Viele hätten ein Außenseiterdasein geführt. Zwar seien ihre beruflichen Leistungen durchaus geschätzt worden, „Wolfgang L. vertrat in der Klinik in Gütersloh die Interessen der Behinderten und erstellte ausgezeichnete Dienstpläne, weil er organisatorisches Geschick hatte. Wenn es aber darum ging, zu einer Feier eingeladen zu werden, war er nicht dabei“, erinnert sich Beine.

Wie aber gelingt es Tätern wie Wolfgang L., monate- und oft jahrelang unentdeckt zu morden? Häufig ahnten die Kollegen etwas, sagt Beine. Nicht selten trügen die Täter schon lange vor ihrer Entdeckung vielsagende Spitznamen. Wolfgang L. hieß unter den Kollegen „der Vollstrecker“, weil in seinen Diensten auffällig viele Patienten starben oder „sterben konnten“, wie es manche Kollegen formulierten.

Dass zwischen ersten internen Verdächtigungen und der Verhaftung eines Täters häufig so viel Zeit verstreicht, während der das Morden weitergeht, liegt nach Ansicht von Beine an der enorm hohen „Aufdeckungsbarriere“. „Etwas derart Entsetzliches darf im eigenen Krankenhaus nicht vorkommen. Deswegen neigt man dazu, die Augen davor zu verschließen.“ Selbst wenn Kollegen etwas ahnten, hielten sich viele zurück. „Das ist schließlich ein ungeheurer Verdacht.“

Im Fall von Wolfgang L. wandten sich im Mai 1990 drei Krankenschwestern an die Klinikleitung. Deren Aufforderung, ihre Vermutungen schriftlich einzureichen, kamen die Mitarbeiterinnen jedoch nicht nach. Ein Anwalt hatte ihnen abgeraten: Da ein konkreter Beweis fehle, grenze das Vorgehen an Rufmord. Die Klinikleitung stellte dennoch eigene Nachforschungen an, die allerdings kein eindeutiges Ergebnis brachten. „In Gütersloh gab es allerdings im Gegensatz zu allen anderen mir bekannten Tatorten einen aktiven Aufklärungswillen“, meint Beine. Es sollte noch bis Dezember 1990 dauern, ehe dem Morden von Wolfgang L. ein Ende bereitet wurde. Zu verdanken war das einem aufmerksamen Arzt. Dieser hatte eine hochbetagte schwer kranke Patientin versorgt, war weggerufen worden und erfuhr kurz darauf, dass diese Patientin gestorben sei. „Ich wäre wahrscheinlich hingegangen und hätte einen Totenschein unterschrieben“, sagt Beine. Doch der ärztliche Kollege bestand darauf, die Tote genau zu untersuchen, wobei er frische Einstichstellen entdeckte. „So kam der Stein ins Rollen.“

Belastung erhöht das Risiko

Beines aktuelles Forschungsprojekt beschäftigt sich damit, die Belastungen zu analysieren, denen Pflegekräfte und Ärzte in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ausgesetzt sind. „Die Arbeitshypothese ist, dass das Risiko für Patiententötungen
mit zunehmender Arbeitsbelastung steigt.“ Insbesondere ökonomische Zwänge beförderten eine Medizin und eine Pflege, in der Patienten als Kostenfaktoren strukturell entwertet würden und in der für differenzierte Beobachtungen und kollegialen Austausch keine Zeit mehr bleibe. Gesellschaftliche Diskussionen über eine Legalisierung aktiver Sterbehilfe leisteten ein Übriges. „Potenzielle Täter dürften sich dadurch eher ermuntert als gehemmt fühlen“, meint Beine. Denn sie beförderten die Vorstellung, dass menschliches Leben nicht unter allen Umständen schützenswert sei.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Patiententötungen dient Beine außerdem dazu, Bewusstsein zu schaffen. „Es ist schon viel gewonnen, wenn jeder von uns den Gedanken zulassen kann, dass so etwas auch im eigenen Haus passieren kann.“ Vielleicht lasse sich dadurch wenigstens verhindern, dass aus Einzeltaten Serien würden.

Heike Korzilius

Zur Person

Karl H. Beine (64) ist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am St. Marien-Hospital in Hamm. Seit 1997 hat er zudem den Lehrstuhl für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke inne. Beine beschäftigte sich erstmals in seiner Habilitationsschrift wissenschaftlich mit Patiententötungen. Daraus folgten mehrere Buchveröffentlichungen, unter anderem 1998 „Sehen – Hören – Schweigen: Patiententötungen und aktive Sterbehilfe“ sowie „Krankentötungen in Kliniken und Heimen:
Aufdecken und Verhindern“ im Jahr 2011. Zurzeit befragt er Ärzte und Pflegekräfte über ihre Belastungen am Arbeitsplatz. Angehörige der beiden Berufsgruppen können sich unter www.uwh-gesundheitsberufe.de beteiligen.

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