ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2015Arzt-Patienten-Beziehung: Vertrauen bewahren

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Arzt-Patienten-Beziehung: Vertrauen bewahren

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt,
Stellv. Chefredakteur

Während immer mehr Bundesbürger zumeist freiwillig persönliche Daten an Apps, beim Online-Shopping oder in den sozialen Medien weitergeben, werden jetzt Daten in großem Stil ohne Zustimmung gesammelt: Die Vorratsdatenspeicherung ist wieder da. Obwohl ehemals vom Bundesverfassungsgericht gekippt, stimmte der Bundestag für das umstrittene Gesetz. Künftig werden Telekommunikationsdaten für zehn Wochen aufbewahrt, das heißt die Telekommunikationsanbieter speichern die IP-Adressen von Computern und Verbindungsdaten zu Telefongesprächen zweieinhalb Monate. Standortdaten bei Handy-Gesprächen sollen vier Wochen gespeichert werden, Daten zum E-Mail-Verkehr nicht. Inhalte werden nicht gespeichert. Am Tage des Beschlusses meldete die Süddeutsche Zeitung allerdings, dass bei SMS keineswegs nur die Verbindungsdaten, sondern auch die Inhalte gespeichert würden. Zwei Telefonanbieter dementierten dies umgehend, ein schaler Beigeschmack bleibt dennoch.

Die Berufsgeheimnisträger (Ärzte- und Zahnärzteschaft, Apotheker, Rechtsanwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Journalisten) hatten sich mehrfach gegen das Gesetz ausgesprochen. Es schade dem Berufsgeheimnis und damit dem zwingend erforderlichen Vertrauensverhältnis zu ihren Mandanten und Patienten. Zwar dürfen die Daten der Berufsgeheimnisträger nicht verwendet werden, dennoch werden diese ebenso wie die der gesamten Bevölkerung unterschiedslos gespeichert. Die Frage, wie bei einer Auswertung der Daten die Kommunikation mit einem Arzt als solche erkannt und dann nicht verwendet werden soll, bleibt unbeantwortet.

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Zu Recht hatten daher verschiedene Heilberufe von den Parlamentariern gefordert, Verkehrsdaten von Berufsgeheimnisträgern generell von der Vorratsdatenspeicherung auszunehmen. „Alle Patienten benötigen die Möglichkeit, sich jederzeit auch telefonisch, vor allem in Krisensituationen, an den Arzt oder Psychotherapeuten wenden zu können und auf die uneingeschränkte Gewährleistung der absoluten Vertraulichkeit ihrer Gespräche vertrauen zu können. Schon das Gefühl einer Registrierung kann eine unter Umständen überlebensnotwendige Kontaktaufnahme verhindern“, hieß es in einem Schreiben an die Abgeordneten.

Sind jetzt alle Bundesbürger potenzielle Täter? Wohl kaum. Dennoch schwingt dieser Gedanke mit und kann Misstrauen in einer Gesellschaft schüren. Aber gerade um Vertrauen geht es in der Arzt-Patienten-Beziehung, deren Grundlage die Schweigepflicht ist. Wie schnell dieses verbriefte Recht auf Schweigen infrage gestellt wird, machte der Germanwings-Absturz deutlich. Kaum wurde bekannt, das der Co-Pilot, der den Absturz herbeiführte, in ärztlicher Behandlung war, diskutierte man auch schon die Aufweichung der ärztlichen Schweigepflicht für Angehörige von „Risikoberufen“, ohne diese genau zu benennen.

Dass eine gewisse Misstrauenskultur um sich greift, zeigt auch der Vorschlag der Deutschen Stiftung Patientenschutz: Medizinisches Personal von Krankenhäusern solle systematisch Probleme innerhalb des Betriebes an eine Vertrauensperson außerhalb der Klinik melden. „Wir brauchen ein verpflichtendes Whistleblowersystem“, sagte Vorstand Eugen Brysch. Womit wir wieder bei der systematischen Auswertung von Daten und der systematischen Beschädigung von Vertrauen wären. Es gilt aber: Vertrauen ist existenzielle Grundlage eines jeden Gesundheitssystems.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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gennadij
am Freitag, 23. Oktober 2015, 15:42

Herr

Man könnte das Problem des Vertrauens anders ausdrücken: Von wo und woher stammt ungesunde Neugier? Zwischen beiden Menschen, dem Patient und dem Arzt, gibt es kein Geheimniss. Und wenn kein Vertrauen zwischen beiden mehr besteht, ist auch nicht tragisch. Der Patient geht zu dem, dem er vertraut. Arzt behandelt den, der zu ihm das Vertrauen hat.
Geheimnisse..., gibt es auch nicht.Es gibt nur bloße ungesunde Neugier der Dritten.

G. Eistrach

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