ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2015Ionenstrahl-Therapiezentrum in Marburg: Eine unendliche Geschichte

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Ionenstrahl-Therapiezentrum in Marburg: Eine unendliche Geschichte

Dtsch Arztebl 2015; 112(43): A-1768 / B-1466 / C-1434

Beerheide, Rebecca

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Nach acht Jahren Planung, Bauzeit, Leerstand und Streitigkeiten werden nun erstmals Patienten am neuen Ionenstrahl-Zentrum in Marburg behandelt. Inzwischen betreibt das Universitätsklinikum Heidelberg das Zentrum in Hessen.

Der Bestrahlungsraum im Marburger Ionenstrahlzentrum: Prof. Dr. med. Rita Engenhart-Cabillic (rechts) erklärt, wie die Bestrahlung der Patienten funktioniert. Foto: BMG/Schinkel
Der Bestrahlungsraum im Marburger Ionenstrahlzentrum: Prof. Dr. med. Rita Engenhart-Cabillic (rechts) erklärt, wie die Bestrahlung der Patienten funktioniert. Foto: BMG/Schinkel

Am kommenden Montag findet an der Uniklinik Marburg-Gießen eine Premiere statt, die seit fast vier Jahren auf sich warten lässt: Am 26. Oktober wird der erste Patient im Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum – kurz MIT – bestrahlt. Eigentlich sollten spätestens seit 2012 Onkologie-Patienten auf den Marburger Lahnbergen behandelt werden. Seit der Grundsteinlegung im Jahr 2007 sind acht Jahre der Planungsarbeiten, Diskussionen, Streitigkeiten, „atmosphärischen Störungen“ und aufwendigen Vertragsverhandlungen zwischen der Rhön-Klinikum AG als Betreiber des privatisierten Uniklinikums Marburg-Gießen, dem Technologiekonzern Siemens, dem Land Hessen und der Universität Marburg vergangen. In dieser Zeit wurden erhebliche Steuermittel vom Land Hessen ausgegeben, um die Ansiedlung und den Bau der Anlage zu fördern. Patienten konnten in der Anlage all die Jahre nicht behandelt werden. Seit April 2014 gab es wieder Hoffnung: Das Uniklinikum Heidelberg war als Betreiber in die Anlage eingestiegen.

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Als im August dieses Jahres Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) auf seiner Sommerreise auch dem Zentrum auf den Marburger Lahnbergen einen Besuch abstattet, bezeichnen die Verantwortlichen der Universitätskliniken, der Rhön AG sowie Landesvertreter den Weg zum neuen Betreiber- und Vertrags-Konstrukt als „schwierige Geburt“, denn in der Schlussetappe im September 2014 mussten innerhalb von vier Tagen 35 Verträge unterzeichnet werden. Bei der Besichtigung der riesigen Anlage zeigte sich der Minister beeindruckt – es sei „eindrucksvoll, wie neue Methoden der Strahlentherapie auf höchstem medizinischen Niveau eingesetzt und weiterentwickelt werden“.

Doch nach höchstem Niveau sah es lange Zeit nicht aus. Die Anlage im Wert von 107 Millionen Euro ist für die Krankenhausverantwortlichen zwar ein „Projekt, das Marburg schmückt“ – doch es gleicht einer unendlichen Geschichte: Beim Baustart im Jahr 2007 war geplant, 2010 die ersten Patienten in der Anlage zu bestrahlen. Es sollte das weltweit zweite Zentrum zur Behandlung von Krebspatienten mit Protonen und Kohlenstoffionen werden. Damit sollte Marburg zu einem führenden Standort der Radioonkologie ausgebaut werden.

1 200 Patienten pro Jahr?

Das Richtfest wurde im Frühjahr 2008 gefeiert, viele der 4,5 Meter dicken Betonwände waren da schon angeliefert und verbaut worden. 2010 war das Gebäude fertig – auf der Webseite des Uniklinikums Marburg-Gießen wird der Grundriss in einer Größenordnung „von etwa 100 Meter in nord-südlicher Richtung und 70 Meter in ost-westlicher Richtung“ beschrieben. Nach dem End-Ausbau sollten in einem Zwei-Schichten-Betrieb an sechs Tagen bis zu 120 Patienten behandelt werden. Auf der Rechengrundlage von 1 200 Patienten pro Jahr hatte Rhön in das Projekt investiert. Doch offenbar stellte sich erst später heraus, dass die Anlage dieses Ziel nicht erreichen konnte. 300 Patienten jährlich hätten zunächst bestrahlt werden können, in Heidelberg sind es zu dem Zeitpunkt jährlich etwa 600 Menschen.

2011 stieg Siemens aus dem Projekt aus und kaufte dem Klinikkonzern Rhön die Anlage wieder ab. „Im Verlauf der Entwicklungsarbeit haben wir festgestellt, dass wir bei der wirtschaftlichen Umsetzung dieser Technologie in der Breitenversorgung zu ambitioniert waren“, erläuterte der damalige Vorstand von Siemens Healthcare, Hermann Requardt. Fast gleichzeitig wurde auch der Plan zum Aufbau solch einer Anlage am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel fallengelassen.

Das Land Hessen aber pochte auf die Inbetriebnahme der Anlage und der Patientenversorgung in Marburg. Die Frist dafür wurde zunächst auf 2012, dann auf Ende 2013 verschoben. Letztendlich nutzte der Technologiekonzern die Anlage nur für die eigene Forschung. Das Land Hessen hatte aber in Versorgung investiert. 2013 gab es Berichte, dass Siemens einen Antrag auf Abbau der Anlage beim dafür zuständigen hessischen Umweltministerium gestellt habe, denn die strahlenschutzrechtliche Genehmigung für solch eine Anlage liegt beim Umweltministerium.

Ende 2013 – sechs Jahre nach Grundsteinlegung – drohte das Land Hessen der Rhön Klinikum AG damit, eine Klage über die Rückzahlung von 107 Millionen Euro für die Förderung der Anlage einzureichen. Schließlich wurde das Versprechen, die Ionenstrahlanlage aufzubauen, nie eingehalten. Dieses Versprechen soll aber Teil des Privatisierungsvertrages des Uniklinikums Marburg-Gießen zwischen dem Land Hessen und dem Klinikkonzern im Jahr 2007 gewesen sein und mit ein Grund, warum Rhön den Zuschlag für die Privatisierung vor seinen Konkurrenten bekommen hatte.

Millionenschwere Technik: Der Teilchenbeschleuniger benötigt eine große Halle in der Nähe der Behandlungsräume.
Millionenschwere Technik: Der Teilchenbeschleuniger benötigt eine große Halle in der Nähe der Behandlungsräume.

Das zuständige Wissenschaftsministerium setzte allen Beteiligten eine knappe Frist für ein neues, tragbares Betriebskonzept. Kurz vor Ablauf der Frist im April 2014 wurde ein erstes Absichtsabkommen unterzeichnet, im September 2014 schließlich rund 35 umfangreiche Verträge zwischen allen bisher Beteiligten und dem Uniklinikum Heidelberg als neuem Betreiber der Anlage geschlossen.

Das Konstrukt sieht vor, dass das Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum (HIT) mit 75,1 Prozent an der neuen Betreibergesellschaft MIT beteiligt ist. Die Rhön-Klinikum AG hält 24,9 Prozent der Anteile. Die neue MIT GmbH kauft dem Technologiekonzern Siemens als Besitzer die Anlage auf den Marburger Lahnbergen ab. Die Geschäftsführung der neuen Gesellschaft liegt in Heidelberg, umfangreiche Kooperationsverträge über Forschungsprojekte zwischen den Unikliniken Heidelberg und Gießen-Marburg sowie den jeweiligen Medizinfakultäten wurden zusätzlich vereinbart. Damit sollen die beiden einzigen Anlagen dieser Art in Europa möglichst eng in der Patientenversorgung sowie in der Forschung zusammenarbeiten. Weltweit gibt es solche Anlagen nur an fünf Standorten – drei in Japan sowie die beiden in Deutschland.

Schlechtes Zeichen

Die künftige Zusammenarbeit kann sich für beide Standorte rechnen. „Wenn man zwei Anlagen betreibt, können beide effizienter arbeiten“, erklärt Prof. Dr. med. Jürgen Debus, Ärztlicher Direktor der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie am Uniklinikum Heidelberg, im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. So brauchen die Anlagen gemeinsam beispielsweise nur zwei Experten in Vakuumtechnik, die an beiden Standorten eingesetzt werden können. Ein weiterer praktischer Grund für die Zusammenarbeit: Klinische Studien können auf zwei Anlagen besser durchgeführt werden als auf einer. „Außerdem wäre es für die Methode und die Radioonkologie ein sehr schlechtes Zeichen gewesen, hätte man die Anlage in Marburg einfach abgebaut. Dort ist sehr viel Mühe und Geld in das Projekt gesteckt worden“, so Debus.

Mitarbeiter kehren zurück

Künftig sollen die Patienten, für die eine Ionentherapie infrage kommt, zwischen Heidelberg und Marburg aufgeteilt werden. In Heidelberg werden nach Angaben von Debus bereits jährlich 700 Patienten bestrahlt, in Marburg sollen es in diesem Jahr noch 30 bis 40 werden. Die Auslastung der Anlage müsse langsam hochgefahren werden, daher planen die Betreiber für 2016 etwa 200 Patienten, in ein bis zwei Jahren könnten es auch in Marburg 700 Menschen pro Jahr sein. „Die Bestrahlung von 1 000 Patienten pro Jahr ist für beide Anlagen die Obergrenze“, so Debus.

Um ein Forschungszentrum über beide Standorte zu verwirklichen, haben die Heidelberger im Frühsommer dieses Jahres nochmalige Umbauarbeiten an der Raumaufteilung des Gebäudes in Marburg vorgenommen. „Damit sollen unsere Betriebsabläufe auch in Marburg implementiert werden können“, so Debus. Daher wurden in den letzten Monaten Türen und Wände ausgetauscht, Großraumbüros wurden in kleinere Räume verwandelt.

Viele Mitarbeiter und Experten hatten nach dem vorläufigen Aus der Ionenstrahltherapie Marburg wieder verlassen. Inzwischen konnte man offenbar einige Experten wieder für das Projekt gewinnen. „Das ist die übliche Aufbauarbeit, viele Mitarbeiter im technischen Bereich sind wieder zurückgekommen“, so Debus. Künftig wird es eine Art Pendelverkehr zwischen Heidelberg und Marburg geben, Videokonferenzen sind geplant. „In zwei Jahren wollen wir soweit sein, dass die beiden Anlagen kompatibel sind und dass wir beide Anlagen weiterentwickeln können“, sagt Debus.

Rebecca Beerheide

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Avatar #612077
EEBO
am Sonntag, 25. Oktober 2015, 15:33

Natürlich

gehört es dazu, daß die Medien die Pressemitteilungen selektieren - wird schon immer so gemacht... Daher ist's auch schön, wenn es eine vielfältige Presselandschaft gibt, die unterschiedliche Akzente setzt.

Was den Artikel hier angeht (soll ja nicht vergessen werden): Ich wünsche den Kollegen in Marburg erstens, daß es keinen Absturz wie in Kiel gibt; zweitens, daß die Partikelanlage segensreich in Patientenversorgung und Forschung wirkt.

Und nebenbei: Alle, die die Presse als Lügner beschimpfen, sollen doch einmal schauen, welche verfl... Aasgeier sich bei BLÖGIDA & Cie tummeln: http://www.rbb-online.de/politik/thema/fluechtlinge/berlin/2015/10/makler-aufforderung-wohnung-verkaufen-fluechtlinge-bundesallee.html
Avatar #79783
Practicus
am Samstag, 24. Oktober 2015, 22:18

NaNa

Was der "Journalistenklasse" richtig erscheint! In normalen Nachrichtensendungen werden 5, maximal 10 aus 10.000 Meldungen gesendet - Zensur wäre dagegen Kindergarten...
Politik folgt in der Regel den Medien, nicht umgekehrt...
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 24. Oktober 2015, 10:55

Was soll denn dieser Quatsch?

Die medizinische Fakultät wurde am 18.6.1966 mit den Aachener Städtischen Kliniken gegründet, das Aachener Klinikum 1985, also vor 30 Jahren, eröffnet.
Die Gründung der Universität Bremen war vor 44 Jahren 1971.

Das kann man beim besten Willen nicht mit einem Ionenstrahl-Therapiezentrum in Marburg, das 2010 fertig gebaut und jetzt erst in Betrieb genommen werden konnte, vergleichen!

Es sei denn, man liest keine Tages-Zeitung oder informiert sich gar nicht erst richtig über aktuelle Groß-Projekte bzw. deren logistische Schwierigkeiten und Hintergründe. Sondern schreibt lieber gleich ebenso Ahnungs- wie Kenntnis-frei im Deutschen Ärzteblatt Unsinn.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #555822
j.g.
am Freitag, 23. Oktober 2015, 21:52

german Planung?

Erinnern wir uns noch an den holperigen Beginn des Klinikums in Aachen oder dem langen Verweilen im Geburtskanal bei der Gründung der Uni Bremen?

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