MEDIZINREPORT

Wiederbelebung: Viele Änderungen im Detail

Dtsch Arztebl 2015; 112(43): A-1780 / B-1476 / C-1442

Böttiger, -Bernd W.; Dirks, Burkhard

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Die wichtigsten Aussagen der aktualisierten, internationalen Leitlinien zur kardiopulmonalen Reanimation im Überblick.

Seit dem 15. Oktober stehen für die Versorgung von Patienten mit Kreislaufstillstand die neuen Leitlinien zur kardiopulmonalen Reanimation zur Verfügung. Sie wurden vom European Resuscitation Council (ERC) erstellt und sind ab sofort über die Homepage des Deutschen Rates für Wiederbelebung (German Resuscitation Council, GRC) auch in deutscher Sprache verfügbar. Während zentrale Aussagen zur Reanimation in wesentlichen Punkten beibehalten wurden, haben sich im Vergleich zu den Leitlinien aus dem Jahr 2010 viele wichtige Bewertungen und Details geändert.

  • Zur Herzdruckmassage empfehlen die Leitlinien eine Drucktiefe von ungefähr 5 cm (und nicht mehr als 6 cm).
  • Die Frequenz soll weiterhin bei 100 bis 120 pro Minute liegen. Pausen von mehr als zehn Sekunden führen zu einer Verschlechterung der Prognose und müssen daher vermieden werden.
  • Adrenalin wird weiterhin empfohlen. Auch bei anderen Medikamenten haben sich keine Änderungen ergeben.
  • Erfahrene Experten sollen zur Reanimation eine Intubation vornehmen – möglichst ohne dabei die Herzdruckmassage zu unterbrechen. Als Alternativen gelten supraglottische Atemwegshilfen.
  • Eine Kapnographie ist ohne Ausnahme obligat.
  • Für Kliniken werden Notfallteams („Rapid response teams“) empfohlen, die bei definierten Zuständen alarmiert werden, um so einen Kreislaufstillstand zu verhindern. Ein regelmäßiges Debriefing des Teams verbessert die Performance und führt zu einer Steigerung der Überlebensrate.

„Cardiac Arrest“-Zentren: Nach prähospitalem Kreislaufstillstand ist die Überlebensrate höher, wenn die Patienten – im Einzelfall sogar unter laufender Reanimation – in spezielle Zentren eingeliefert werden, die eine höhere Zahl von Reanimationspatienten versorgen. Solche „Cardiac Arrest“-Zentren müssen unter anderem jederzeit die Möglichkeit zur akuten Koronarintervention haben, denn mehr als jeder zweite Kreislaufstillstand ist Folge eines Herzinfarkts. Wenn bei diesen Patienten die betroffenen Koronarien innerhalb von maximal zwei Stunden dilatiert werden, verbessert dies deutlich die Prognose.

Temperaturmanagement: Die neuen Leitlinien enthalten auch aktualisierte Empfehlungen für das Temperaturmanagement nach Kreislaufstillstand: Bewusstlose Patienten sollen unabhängig vom initialen Herzrhythmus oder dem Ort des Stillstandes für mindestens 24 Stunden auf 33 oder auf 36 Grad Celsius gekühlt werden. Fieber muss, ebenso wie eine Hyperoxie, in jedem Fall für 72 Stunden vermieden werden. Eine Prognosestellung bei weiterhin bewusstlosen Patienten ist frühestens nach 72 Stunden sinnvoll, hier gibt es ganz neue Vorgaben.

Telefonreanimation: Alle Leitstellen sollen die Laien am Notruftelefon in Herzdruckmassage instruieren. Diese Telefonreanimation ist extrem effektiv. Auch intelligente Gesamtsysteme, in denen Ersthelfer in der Nähe zum Beispiel per Smartphone gleichzeitig mit dem Rettungsdienst alarmiert werden und zum Patienten eilen, werden empfohlen.

Reanimationshilfen: Die manuelle Reanimation ist mindestens genauso effektiv wie die Verwendung mechanischer Reanimationshilfen. Einige Studien zeigen sogar ein schlechteres neurologisches Ergebnis bei Verwendung mechanischer Systeme. Der Einsatz solcher Systeme führt unvermeidlich zu einer gewissen Unterbrechung der Herzdruckmassage, die so kurz wie möglich sein muss. Die neuen Leitlinien empfehlen den Einsatz solcher Geräte für besondere Situationen beziehungsweise zum Schutz des Personals, wie im Herzkatheterlabor, bei Reanimation während eines Transportes und gegebenenfalls bei sehr langer Reanimationsdauer.

Laienreanimation: Meist passiert ein Kreislaufstillstand zu Hause, ein sofortiger Beginn von Reanimationsmaßnahmen durch Laien kann daher ganz entscheidend helfen. Bei Erwachsenen reichen in den ersten Minuten alleinige Thoraxkompressionen meist völlig aus. Wenn Laien darin ausgebildet sind und es auch möchten, dann werden Herzdruckmassage und Beatmung im Verhältnis 30 : 2 empfohlen.

Schülerausbildung: Erstmals wird auch die Ausbildung von Schülern empfohlen. Eine Doppelstunde pro Jahr ab der 7. Klasse ist hier ausreichend. Die Schüler können von medizinischem Personal aber genauso gut auch von entsprechend ausgebildeten Lehrern unterrichtet werden. Die deutsche Kultusministerkonferenz und die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) empfehlen ebenfalls die Ausbildung von Schülern in Wiederbelebung. Der GRC hat gemeinsam mit allen Hilfsorganisationen ein entsprechendes Ausbildungscurriculum publiziert (www.grc-org.de).

Univ.-Prof. Dr. med. Bernd W. Böttiger

Vorsitzender des Deutschen Rates für
Wiederbelebung (GRC)
Direktor der Klinik für Anästhesiologie und
Operative Intensivmedizin, Universität Köln

Dr. rer. nat. Dr. med. Burkhard Dirks

Altvorsitzender des GRC

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