ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2015Patiententötungen: Wie ein Pfleger zum Mörder wurde

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Patiententötungen: Wie ein Pfleger zum Mörder wurde

Dtsch Arztebl 2015; 112(43): A-1774 / B-1472 / C-1438

Klinkhammer, Gisela

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Der 38-jährige Krankenpfleger Niels H. wurde wegen mehrfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Ärzte und Politiker nehmen Stellung dazu, wie es so weit kommen konnte und wie sich solche Taten verhindern lassen.

Foto: dpa
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Das Landgericht Oldenburg hatte Niels H. im Februar zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der frühere Krankenpfleger sich des zweifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs sowie gefährlicher Körperverletzung in einem weiteren Fall schuldig gemacht hat. „Herr H., der Job in der Klinik hat Sie überfordert und emotional abstumpfen lassen“, sagte der Richter in seiner Urteilsbegründung. Der 38-jährige Krankenpfleger hatte während des Prozesses gestanden, 90 Patienten am Klinikum Delmenhorst eine Überdosis eines Herzmedikaments gespritzt zu haben, um eine Kreislaufkrise herbeizuführen. Bis zu 30 Menschen sollen zwischen 2003 und 2005 daran gestorben sein. Eine Sonderkommission ermittelt in 200 weiteren Fällen. Ziel des Angeklagten sei es gewesen, sich danach bei Reanimationen präsentieren zu können, sagte der Sprecher des Landgerichts Oldenburg, Daniel Mönnich.

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Doch wie konnte es so weit kommen, und wie lassen sich solche Fälle künftig verhindern? Die Abgeordneten des niedersächsischen Landtages waren jedenfalls „entsetzt über die Machenschaften dieses Pflegers“, berichtete die SPD-Abgeordnete Dr. med. Thela Wernstedt dem Deutschen Ärzteblatt. Deshalb habe der Landtag einen Sonderausschuss „Stärkung der Patientensicherheit und des Patientenschutzes“ eingesetzt, um sich einen Eindruck zu verschaffen und vor allem auch, um darüber zu beraten, welche Schutzmaßnahmen es gibt. Außerdem haben die Geschäftsführer der betroffenen Kliniken in Pressekonferenzen Stellung bezogen. Auf diese Weise ergibt sich ein Bild von den Vorgängen, von den Konsequenzen, die aus den Fällen gezogen wurden sowie von der Persönlichkeit des Täters.

Von 1999 bis 2002 ist Niels H. am Klinikum Oldenburg beschäftigt. Dessen Geschäftsführer, Dr. med. Dirk Tenzer, geht davon aus, dass „Herr H. möglicherweise für zwölf Todesfälle an unserem Klinikum verantwortlich ist“. Auf einer Pressekonferenz sagt Tenzer: „Es konnte kein Beweis geführt werden. Und es war einfach auch für viele undenkbar, dass jemand aus unseren Reihen solche Taten begehen könnte.“

Immer wieder Kritik am persönlichen Verhalten

Trotz seiner Qualifikation habe es aber immer wieder Kritik am persönlichen Verhalten von Herrn H. gegeben, heißt es in einer Stellungnahme von Tenzer. „Dies führte dazu, dass er von der Intensivstation in die Anästhesie wechselte. Nachdem trotz diesen Wechsels die Klagen über ihn als Person nicht aufhörten und aufgrund eines seinerzeit ungeklärten Vorfalls im Aufwachraum, der sich in der Beurteilung des Gutachters heute als unauffällig darstellt, entschied sich die Leitung des Klinikums zu einem Trennungsgespräch mit anschließender Freistellung.“ Letztlich sei man froh gewesen, „dass er weg war“.

Von März 2003 bis Juni 2005 ist der Krankenpfleger auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst tätig. Am 22. Juni 2005 war Niels H. zufällig beim Spritzen von Gilurytmal entdeckt worden. Sein Opfer konnte noch gerettet werden, und er kam das erste Mal vor Gericht. Wegen versuchten Mordes verurteilte ihn schließlich das Landgericht Oldenburg im Jahr 2008 zu siebeneinhalb Jahren Haft. Anschließend verzögerten sich die Ermittlungen weiter bis zur Urteilsverkündung in diesem Jahr. Das Gericht habe festgestellt, dass Verzögerungen stattgefunden hätten, sagte Gerichtssprecher Mönnich. Dafür habe sich der Richter entschuldigt.

Rechtsanwalt Erich Joester, der nach eigenen Angaben von der Klinik Delmenhorst als Berater gerufen wurde, empfiehlt, gerade in Bezug auf eine Prophylaxe, mit „voreiligen Schlüssen in Bezug auf die Motivlage sehr vorsichtig zu sein“. Das Gericht sei davon ausgegangen, dass Niels H. seine Taten aus Langeweile begangen habe. Joester bezweifelt dies allerdings: „Sie müssen sich vorstellen: Der war auf einer hoch anstrengenden Intensivstation. Nebenbei ist er noch nachts oder am Tage Notarztwagen gefahren. Zusätzlich hat er ein kleines Kind, das gerade geboren war, ein paar Monate alt. Jeder, der ein kleines Kind zu Hause hat, das gerne auch mal alle vier Stunden schreit, weiß, dass ihm nicht langweilig gewesen ist“, so Joester vor dem Ausschuss. Hinzu komme, dass die Pfleger „hochprofessionalisiert“ seien. „Wenn jemand über viele Jahre in solchen Stresssituationen ist, dann muss er auch einmal Ruhephasen kriegen.“

„Sehr hohe Hemmschwelle im Krankenhaus“

Obwohl in beiden Krankenhäusern schon früh der Verdacht bestand, dass etwas mit Niels H. nicht stimmt, hatte es weiterhin Tötungen gegeben. Wernstedt erklärt dies mit einer „sehr hohen Hemmschwelle im Krankenhaus. Jemandem vorzuwerfen, dass er Menschen umbringt, könnte schließlich bei Unschuldigen schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. „Und dann gibt es vonseiten der Vorgesetzten im ärztlichen und pflegerischen Bereich auch eine Closed-Shop-Mentalität nach dem Motto: In meiner Abteilung geschehen so schlimme Dinge nicht.“ Gerade im Rettungsdienst und auf Intensivstationen müsse man sich hundertprozentig aufeinander verlassen können. „Da ist es möglich, dass das Vertrauen durch einen solchen Verdacht enorm gestört wird.“

Und welche Konsequenzen hat man aus dem Fall gezogen? Der Geschäftsführer des Klinikums Oldenburg, Dirk Tenzer, berichtet, dass im Oldenburger Krankenhaus in den letzten Jahren in Bezug auf Qualitäts- und Risikomanagement viel getan worden sei. So seien zum einen die „Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen eingeführt worden, die seit vielen Jahren existieren und im letzten Jahr noch einmal systematisiert worden sind.“ Im Rahmen dieser Konferenzen werden Todesfälle, aber auch Zwischenfälle, Komplikationen oder Therapieverläufe, bei denen ein Optimierungspotenzial zu erwarten ist, interdisziplinär besprochen. Auch die niedersächische Landtagsabgeordnete und Ärztin Thela Wernstedt begrüßt diese Konferenzen: „Ich kenne das aus einer meiner früheren ärztlichen Tätigkeiten, aus der Chirurgie. Dort gab es nur wenig Todesfälle. Aber wir haben sie uns regelmäßig angeschaut und gemeinsam nach Erklärungen gesucht, wie es dazu gekommen ist.“

Außerdem würde in Oldenburg mit Hilfe einer Arznei­mittel­kommission der Medikamenteneinsatz überwacht. Darüber hinaus habe man Patientenfürsprecher eingeführt. Die niedersächsischen Krankenhäuser sollen künftig sogar vom Gesetzgeber verpflichtet werden, ehrenamtliche Patientenfürsprecher in den Krankenhausalltag zu integrieren, berichtete Wernstedt. „Diese können sicher keine Mordtaten verhindern. Aber wir glauben, dass es sinnvoll ist, falls Angehörige oder Patienten Klagen haben, dass sie sich dann an eine direkte Ansprechperson wenden können.“ Außerdem wolle das Land Niedersachsen einen Landesbeauftragten für Patientenrechte installieren, kündigte die Landtagsabgeordnete an.

Qualifizierte Leichenschau eingeführt

Die Delmenhorster Krankenhäuser haben am 1. August als erste Kliniken in Deutschland nach eigener Aussage die sogenannte qualifizierte Leichenschau eingeführt. Dadurch werde eine gezielte Untersuchung des Verstorbenen durch einen Rechtsmediziner durchgeführt. „So soll vermieden werden, dass ein unnatürlicher Tod infolge krimineller Handlungen unentdeckt bleibt“, teilte das Klinikum Delmenhorst mit.

Mit einer Bundesratsinitiative zur Stärkung der Patientensicherheit will die niedersächsische Landesregierung den Bund dazu auffordern, seine Möglichkeiten zur Unterbindung kriminellen Handelns an Kliniken auszuschöpfen: Künftig soll es nicht mehr möglich sein, dass eine Pflegekraft ein Ersatzdokument für die Berufsurkunde erhält, ohne dass ein erweitertes Führungszeugnis vorgelegt wird. Außerdem soll der Gemeinsame Bundes­aus­schuss in die derzeit laufende Überarbeitung der Richtlinie zum Risikomanagement in Krankenhäusern auch gezielt Maßnahmen zur Vermeidung vorsätzlichen kriminellen Handelns aufnehmen. Die Kliniken sollten dafür sensibilisiert werden, Gefahren für ihre Patientinnen und Patienten frühzeitig zu erkennen und unverzüglich Maßnahmen zur Vermeidung einzuleiten. Eine Tötungsserie, wie sie sich in Niedersachsen im zurückliegenden Jahrzehnt ereignet habe, dürfe nie wieder so viele Familien ins Unglück stürzen, begründete Niedersachsens Ge­sund­heits­mi­nis­terin Cornelia Rundt den Vorstoß.

Gisela Klinkhammer

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