ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2015World Health Summit: Keime kennen keine Grenzen

POLITIK

World Health Summit: Keime kennen keine Grenzen

Dtsch Arztebl 2015; 112(43): A-1764 / B-1464 / C-1432

Korzilius, Heike

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Noch immer unter dem Eindruck der Ebola-Epidemie in Westafrika betonten Wissenschaftler und Politiker die Bedeutung globaler Gesundheitspolitik. Im Kampf gegen zunehmende Antibiotika-Resistenzen forderten sie größere Anstrengungen.

Hermann Gröhe: „Wir müssen auf globaler Ebene zusammenarbeiten, um bei der nächsten Krise besser vorbereitet zu sein.“ Foto: dpa
Hermann Gröhe: „Wir müssen auf globaler Ebene zusammenarbeiten, um bei der nächsten Krise besser vorbereitet zu sein.“ Foto: dpa

Das Medieninteresse am World Health Summit fiel sichtbar geringer aus als im vergangenen Jahr. Damals waren die Kameras der großen Sender auf die Veranstaltung gerichtet, weil sich die Ebola-Epidemie in Westafrika zu einer globalen Katastrophe auszuwachsen drohte. Mit rund 1 400 Teilnehmern aus 80 Ländern war das Interesse an globaler Gesundheitspolitik unter Wissenschaftlern, Politikern und Wirtschaftsvertretern jedoch so groß wie nie.

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Auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) betonte in seiner Eröffnungsrede beim inzwischen 7. World Health Summit vom 11. bis 13. Oktober in Berlin die Bedeutung globaler Gesundheitspolitik. Die Ebola-Krise in Westafrika mit mehr als 11 000 Toten habe der Welt in dramatischer Weise gezeigt, dass sie nicht ausreichend auf Gesundheitskrisen dieses Ausmaßes vorbereitet sei, sagte Gröhe. „Wir müssen auf globaler Ebene zusammenarbeiten, um bei der nächsten Krise besser vorbereitet zu sein.“

Der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter stellte vier Milliarden Euro über die nächsten fünf Jahre in Aussicht, um die Partner in den ärmeren Ländern dabei zu unterstützen, ihre Gesundheitssysteme zu stärken. Dazu gehöre die Ausbildung von Personal zum Management von Gesundheitskrisen ebenso wie der Aufbau eines schnell einsetzbaren Expertenteams, das schon bei ersten Anzeichen eines Krankheitsausbruchs vor Ort bei der Diagnostik und Bekämpfung helfen könne.

Resistenzen: 700 000 Tote

In der deutschen G7-Präsidentschaft sieht Gröhe die Chance, globale Gesundheitspolitik aktiv zu gestalten. Dazu gehöre der Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen sowie die Forschung und Entwicklung von Therapien gegen vernachlässigte Tropenerkrankungen. Nachhaltige Verbesserungen ließen sich aber nur erzielen, wenn die Gesundheitssysteme in den ärmeren Ländern gestärkt würden.

Die internationale Gemeinschaft muss vor allem im Kampf gegen zunehmende Antibiotika-Resistenzen größere Anstrengungen unternehmen, forderten Wissenschaftler und Gesundheitsexperten in den wissenschaftlichen Foren. Nach Angaben der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) sterben jährlich weltweit 700 000 Menschen, weil Antibiotika nicht mehr wirken, davon allein 10 000 in Deutschland. „Wenn wir im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen nicht bald handeln, bedeutet das das Ende der modernen Medizin“, erklärte Chief Medical Officer for England, Sally C. Davies. Selbst Routineoperationen würden dann wieder zu lebensgefährlichen Eingriffen. In den letzten 26 Jahren sei keine neue Klasse von Antibiotika mehr entdeckt worden, kritisierte Englands oberste Ärztin. Deshalb müsse mehr in Forschung und Entwicklung dieser wichtigen Medikamente investiert werden. Außerdem müssten Ärzte und Patienten sorgsamer mit den vorhandenen Antibiotika umgehen, um Resistenzentwicklungen möglichst zu vermeiden.

Für eine bessere Forschung über den Einsatz von Antibiotika sprach sich auch Dr. Manica Balasegaram von Ärzte ohne Grenzen (MSF) aus. „Wir müssen wissen, was vor Ort vor sich geht“, sagte er. Das gelte auch für ärmere Länder. Um den sorgsameren Umgang mit Antibiotika zu fördern, müsse verstärkt über Biomarker geforscht werden, mithilfe derer sich schnell klären lasse, ob es sich um einen bakteriellen oder einen viralen Infekt handelt. „Wir brauchen eine Art Fiebertest. Das würde Therapiemuster gerade in armen Ländern entscheidend verändern“, sagte Balasegaram. Denn dort kämen Patienten oft sehr krank von weit her und könnten sich nicht langwieriger Diagnostik unterziehen. Aber 90 Prozent der Biomarker würden für die Industrieländer entwickelt, weil das finanziell lukrativer sei. „Wir brauchen andere Anreizsysteme als die Marktexklusivität durch Patente“, forderte Balasegaram, der die MSF-Kampagne zum Zugang zu lebensnotwendigen Arzneimitteln leitet.

Antibiotika nur zur Therapie

Dass sich die sieben führenden Industrienationen für den Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen einsetzen, bezeichneten die Gesundheitsexperten einmütig als Fortschritt. Bei ihrem jüngsten Treffen in Berlin hatten die G7-Ge­sund­heits­mi­nis­ter in ihrer Abschlusserklärung bekräftigt, dass Antibiotika nur zu therapeutischen Zwecken verabreicht und einer generellen Verschreibungspflicht unterstellt werden sollten. Außerdem wollen sie neue Anreize für die Erforschung innovativer Antibiotika entwickeln.

Bereits im Mai hatte sich die Weltgesundheitsversammlung auf einen Aktionsplan zum Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen geeinigt. Die WHO-Mitgliedstaaten sollen die vereinbarten Ziele innerhalb von zwei Jahren in nationale Strategien umsetzen. Dazu gehört eine bessere Hygiene in Krankenhäusern, eine verbesserte Ausbildung von Ärzten und Landwirten über den Einsatz von Antibiotika, bessere Forschungsanreize für die Industrie und eine generelle Verschreibungspflicht.

Heike Korzilius

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