SUPPLEMENT: Perspektiven der Diabetologie

Diabetesprävention: Beratung auf Rädern

Dtsch Arztebl 2015; 112(43): [26]; DOI: 10.3238/PersDia.2015.10.23.08

Allrath, Gaby; Kofahl, Christopher

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Erste Erfahrungen mit dem Diabetes-Info-Mobil

Foto: diabetesDE - Deutsche Diabetes Hilfe
Foto: diabetesDE - Deutsche Diabetes Hilfe

Die bundesweite, bevölkerungsrepräsentative Studie des Robert Koch-Instituts zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) der Jahre 2008–2011 ermittelte auf der Grundlage von Selbstangaben in computergestützten ärztlichen Interviews eine diagnostizierte Diabetesprävalenz von 7,2 Prozent unter den Erwachsenen im Alter von 18–79 Jahren, – der weitaus größte Teil betrifft hier den Typ-2-Diabetes (1). Diese Zahl gilt allerdings bedingt durch unspezifische oder fehlende Symptome als unterschätzt (2). Aber nicht nur der diagnostizierte, sondern auch der unentdeckte Diabetes ist mit einer erhöhten Sterblichkeit assoziiert (3). Um die Entstehung von Folgeerkrankungen zu verhindern, ist es deshalb wichtig, eine sich entwickelnde Diabeteserkrankung so früh wie möglich zu erkennen und entsprechende Therapien zu beginnen.

Anzeige

Die Umsetzung entsprechender Maßnahmen scheitert jedoch oftmals daran, dass gerade die Personen, die aufgrund geringer Bildung, Sprach- und Gesundheitskompetenzen sowie weiterer sozioökonomischer Faktoren besonders gefährdet sind, die existierenden Präventionsangebote nicht in Anspruch nehmen (4, 5). Das gilt zum einen für die türkeistämmige Bevölkerung in Deutschland (6). Obwohl es kaum belastbare Zahlen gibt, legen Vorarbeiten nahe, dass der prozentuale Anteil der Diabeteserkrankungen bei Menschen mit türkischem Migrationshintergrund fast doppelt so hoch ist wie in der Durchschnittsbevölkerung (7). Zum anderen gibt es in Deutschland eine (fach)ärztliche Unterversorgung in ländlichen Regionen, die – so die Annahme des Projekts – ebenfalls Auswirkungen auf die Rate der unentdeckten Diabeteserkrankungen hat. So benötigen in einigen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns die Menschen mehrere Stunden Fahrtzeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum nächsten Hausarzt. Die „Diabetesberatung auf Rädern“ schließt eine Lücke in der Diabetesversorgung, denn sie bringt das Präventionsangebot direkt zu den Risikogruppen.

Ziel ist, ein niedrigschwelliges Angebot für die diesen Personenkreis schaffen. Das Diabetes-Info-Mobil, ein zum Labor umgebauter Kleintransporter, fährt in ausgewählte Städte und Regionen, klärt die Menschen vor Ort über Diabetes auf und bietet ein Screening an. Durch Einsatz des FINDRISK-Fragebogens als validiertes psychometrisches Screeninginstrument (8, 9) wird zunächst das individuelle Diabetesrisiko der Besucher ermittelt. Bei hohem Risiko und/oder entsprechender Familienanamnese schließt sich die Bestimmung von Blutzucker, HbA1c und Lipiden an. Bei Verdacht werden Betroffene an fachliche Ansprechpartner vor Ort verwiesen und erhalten zielgruppengerechtes Informationsmaterial. Im Nachgang zu jedem Einsatz werden alle Teilnehmer telefonisch kontaktiert, um zu ermitteln:

  • ob ein Arztbesuch stattgefunden hat,
  • ob sich der Diagnoseverdacht bestätigt hat und
  • welche Maßnahmen und Untersuchungen eingeleitet wurden.

Die Hälfte der Teilnehmer wird einmal nach drei Monaten kontaktiert, die andere Hälfte zusätzlich bereits fünf bis sieben Tage nach dem Besuch im Info-Mobil. So soll eruiert werden, ob eine zeitnahe Kontaktaufnahme nach positivem Screeningergebnis den empfohlenen Arztbesuch befördert.

Im Rahmen des Projekts sind insgesamt 100 Einsätze über einen Zeitraum von vier Jahren geplant, davon je 50 in der Gruppe der türkeistämmigen Mi-granten und 50 in der Gruppe der ländlichen Bevölkerung. Es sind jeweils zwei Diabetesberater bei jedem Einsatz dabei, bei Einsätzen in Regionen mit einem hohen Anteil von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund davon einer, der selbst mit der türkischen Sprache und Kultur gut vertraut ist.

Bislang sind von den geplanten 100 Einsätzen 52 durchgeführt worden, unter anderem in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Berlin, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. An den jeweiligen Einsatzorten wird über Aushänge, Flyer und regionale Medien auf das Projekt hingewiesen. Vor allem in den ländlichen Regionen weckt die Ankündigung in kostenlosen Wochenzeitschriften viel Interesse – circa zwei Drittel finden über diesen Weg zum Info-Mobil. Wo immer möglich, erfolgt zudem die Einbindung der örtlichen Gesundheitsämter, der Apotheken und Arztpraxen. Beim Teilprojekt „türkeistämmige Migranten“ werden außerdem Multiplikatoren innerhalb der Gruppe der Migranten genutzt. Mehrere Einsätze, die in der Nähe von Moscheen stattfanden, wurden vorab im Rahmen des Freitagsgebets angekündigt.

Die ersten 18 Monate des Projekts haben gezeigt, dass das Angebot des Info-Mobils in der jeweiligen Zielbevölkerung gut angenommen wird, wobei die Zahl der Besucher stark schwankt (zwölf bis 101 Besucher pro Einsatztag). Insgesamt traten bislang 1 771 Personen in Kontakt mit dem Info-Mobil.

Im ersten Projektjahr mussten zahlreiche Widrigkeiten bewältigt werden – zum Beipiel nicht erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit, unterschiedliches Rollenverständnis der jeweils vor Ort tätigen Diabetesberater, aufwändige und teils recht unterschiedliche Anträge für Aufstellgenehmigungen bei Behörden und Ämtern sowie strategische Erwägungen bezüglich des „idealen“ Standortes.

Inzwischen wurden im Rahmen der Prozessevaluation Arbeits- und Projektabläufe präzisiert und standardisierte Ablauf-Algorithmen implementiert, aber auch das Rollenverständnis und die jeweiligen Zuständigkeiten in den jeweiligen Praxiseinsätzen vereinheitlicht. Diese Veränderungen haben dazu geführt, dass im zweiten Projektjahr mehr Interessierte am Info-Mobil bedient werden konnten.

Aufgrund der bisherigen Entwicklungsdynamik wäre es verfrüht, die vorliegenden Ergebnisse als gesichert zu betrachten. Um einen Anhaltspunkt zu geben: Je nach Einsatzgebiet und Zielgruppe liegt eine nicht unerhebliche Neuentdeckungsrate (Diabetesverdacht) von fünf bis 20 Prozent. Hierzu ist anzumerken, dass viele Menschen, die das Info-Mobil aufsuchen, wahrscheinlich schon eine Vermutung haben, die sie aber – aus welchen Gründen auch immer – mit ihrem Hausarzt noch nicht abgeklärt hatten.

Für 2016 sind 32 Einsätze geplant, für 2017 weitere 16. Ziel ist es, im Rahmen der Gesamtlaufzeit des Projekts Einsätze in allen Bundesländern durchzuführen, um den regionalen Unterschieden in der Diabetesprävalenz Rechnung zu tragen und bundesweit Ergebnisse zusammenzutragen.

Schließlich hat sich das Projekt „Diabetesberatung auf Rädern“ zum Ziel gesetzt, eine Blaupause für ähnliche Projekte zu entwickeln. So kann die hier skizzierte Herangehensweise auch für andere Erkrankungen sowie für weitere ethnische Gruppen (zum Beispiel arabischstämmige oder russischstämmige Migranten) adaptiert werden.

DOI: 10.3238/PersDia.2015.10.23.08

Dr. Gaby Allrath

diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe

Dr. Christopher Kofahl

Institut für Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Das Projekt wird durchgeführt von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe gemeinsam mit dem Landesverband Nordrhein-Westfalen der Deutschen Diabetes-Hilfe – Menschen mit Diabetes (DDH-M), mit Unterstützung des Verbandes der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD). Die wissenschaftliche Begleitung erfolgt durch das Institut für Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (IMS). Die Finanzierung erfolgt teils aus Spenden der Diabetes-Charity-Gala, teils durch Förderung des Bundesministeriums für Gesundheit.

Interessenkonflikt: Die Autoren erklären, dass keine Interessenskonflikte vorliegen.

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4315

1.
Heidemann C, Du Y, Schubert I, Rathmann W, Scheidt-Nave C: Prävalenz und zeitliche Entwicklung des bekannten Diabetes mellitus. Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 2013; 56: 668–77 CrossRef MEDLINE
2.
Tamayo T, Rathmann W: „Epidemiologie des Diabetes in Deutschland“. In Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2015: „Die Bestandsaufnahme“. Mainz (2014), 8–16.
3.
Kowall B, Rathmann W, Heier M, et al.: Categories of glucose tolerance and continous glycemic measures and mortality. Eur J Epidemiol 2011; 26: 637–45 CrossRef MEDLINE
4.
Dierks M-L, Seidl G: Die Nutzer der Modellprojekte nach § 65 b – erste Ergebnisse der Nutzerdokumentation. Vortrag im Rahmen der Tagung „Armut und Gesundheit“. In: Robert Koch Institut, Herausgeber. Gesundheit in Deutschland. Berlin: RKI; 2006. S. 210.
5.
Parmakerli-Czemmel B, Kalvelage B, Demirtas A: Zur Lage der Migranten mit Diabetes mellitus in Deutschland. Diabetol Stoffwechs 2007; 2: 46–52 CrossRef
6.
Kofahl C, von dem Knesebeck O, Hollmann J, Mnich E: Diabetesspezifische Gesundheitskompetenz: Was wissen türkischstämmige Menschen mit Diabetes mellitus 2 über ihre Erkrankung? Gesundheitswesen 2013; 75: 803–11 CrossRef MEDLINE
7.
Laube H, Bayraktar H, Gökce Y, Akinci A, Erkal Z, Bödeker RH, Bilgin Y: Zur Diabeteshäufigkeit unter türkischen Migranten in Deutschland. Diabetes Stoffwechs 2001; 10: 51–6.
8.
Cosson E, Chiheb S, Hamo-Tchatchouang E, Nguyen M-T, Aout M, Banu I, et al.: Use of clinical scores to detect dysglycaemia in overweight or obese women. Diabetes Metab 2012; 38: 217–24 CrossRef MEDLINE
9.
Martin E, Ruf E, Landgraf R, Hauner H, Weinauer F, Martin S: FINDRISK questionnaire combined with HbA1c testing as a potential screening strategy for undiagnosed diabetes in a healthy population. Horm Metab Res Horm Stoffwechselforschung Horm Métabolisme 2011; 43: 782–7 CrossRef MEDLINE
1.Heidemann C, Du Y, Schubert I, Rathmann W, Scheidt-Nave C: Prävalenz und zeitliche Entwicklung des bekannten Diabetes mellitus. Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 2013; 56: 668–77 CrossRef MEDLINE
2.Tamayo T, Rathmann W: „Epidemiologie des Diabetes in Deutschland“. In Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2015: „Die Bestandsaufnahme“. Mainz (2014), 8–16.
3. Kowall B, Rathmann W, Heier M, et al.: Categories of glucose tolerance and continous glycemic measures and mortality. Eur J Epidemiol 2011; 26: 637–45 CrossRef MEDLINE
4.Dierks M-L, Seidl G: Die Nutzer der Modellprojekte nach § 65 b – erste Ergebnisse der Nutzerdokumentation. Vortrag im Rahmen der Tagung „Armut und Gesundheit“. In: Robert Koch Institut, Herausgeber. Gesundheit in Deutschland. Berlin: RKI; 2006. S. 210.
5. Parmakerli-Czemmel B, Kalvelage B, Demirtas A: Zur Lage der Migranten mit Diabetes mellitus in Deutschland. Diabetol Stoffwechs 2007; 2: 46–52 CrossRef
6.Kofahl C, von dem Knesebeck O, Hollmann J, Mnich E: Diabetesspezifische Gesundheitskompetenz: Was wissen türkischstämmige Menschen mit Diabetes mellitus 2 über ihre Erkrankung? Gesundheitswesen 2013; 75: 803–11 CrossRef MEDLINE
7.Laube H, Bayraktar H, Gökce Y, Akinci A, Erkal Z, Bödeker RH, Bilgin Y: Zur Diabeteshäufigkeit unter türkischen Migranten in Deutschland. Diabetes Stoffwechs 2001; 10: 51–6.
8.Cosson E, Chiheb S, Hamo-Tchatchouang E, Nguyen M-T, Aout M, Banu I, et al.: Use of clinical scores to detect dysglycaemia in overweight or obese women. Diabetes Metab 2012; 38: 217–24 CrossRef MEDLINE
9.Martin E, Ruf E, Landgraf R, Hauner H, Weinauer F, Martin S: FINDRISK questionnaire combined with HbA1c testing as a potential screening strategy for undiagnosed diabetes in a healthy population. Horm Metab Res Horm Stoffwechselforschung Horm Métabolisme 2011; 43: 782–7 CrossRef MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote