ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2015Weltärztebund: Im Blick – Die Notlagen der Welt

POLITIK

Weltärztebund: Im Blick – Die Notlagen der Welt

Dtsch Arztebl 2015; 112(44): A-1816 / B-1501 / C-1465

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Flüchtlingskrise, staatliche Übergriffe auf Ärzte, mobile Gesundheits-IT und Transgender – Vertreter von 56 nationalen Ärzteorganisationen berieten in Moskau über eine Vielzahl von Themen.

Die Tagesordnung der Generalversammlung des Weltärztebunds ist traditionell prall gefüllt mit unterschiedlichsten Themen. In diesem Jahr in Moskau beherrschten jedoch die vielen Notlagen weltweit klar die Diskussion. „Wir haben deshalb auch drei dringliche Resolutionen verabschiedet“, erklärte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, nach seiner Rückkehr Ende Oktober gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Zum einen forderten die Vertreter von 56 nationalen Ärzteorganisationen eine unabhängige Untersuchung des Angriffs auf ein Krankenhaus der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen im afghanischen Kundus. Am 2. Oktober hatten US-amerikanische Kampfflieger die Klinik in Teilen zerstört. 22 Menschen starben. Der Weltärztebund verband seine Forderung mit einem Appell an die Weltgemeinschaft, medizinisches Personal und medizinische Einrichtungen auch im Krieg zu respektieren und zu schützen.

Verletzten wird Hilfe verwehrt

Anzeige

Eine zweite Resolution richtete sich an die türkische Regierung mit der Mahnung, Ärzte und Pflegepersonal nicht an der Ausübung ihrer beruflichen Pflichten zu hindern. Medienberichten zufolge sei es in den letzten zwei Monaten zu zahlreichen Übergriffen der Sicherheitskräfte auf medizinisches Personal gekommen, und Verletzten sei der Zugang zur medizinischen Versorgung verwehrt worden. Das sei ein klarer Verstoß gegen die Menschenrechte.

Die dritte Resolution zielt auf die aktuelle Flüchtlingskrise. Der Weltärztebund appelliert darin an die Staaten, Flüchtlinge aufzunehmen, ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen sowie Zugang zu grundlegenden Dingen wie Bildung und medizinische Versorgung zu gewährleisten. Außerdem müssten die Staaten vermehrt Fluchtursachen beseitigen, indem bewaffnete Konflikte beendet werden oder im Fall von Naturkatastrophen schnell Hilfe geleistet werde.

Risiken von Gesundheitsapps

Zwei Erklärungen hat die Bundes­ärzte­kammer in die Generalversammlung in Moskau eingebracht (siehe 3 Fragen an): zu Transgender und mobile Health (mHealth). Der Weltärztebund ruft darin Ärzte und Patienten auf, sorgsam mit den Anwendungen mobiler Gesundheits-IT umzugehen und sich der Risiken von Gesundheits-Apps und sogenannter Wearables bewusst zu sein. Zweck von mHealth müsse es sein, Lücken in der Gesundheitsversorgung zu schließen oder deren Qualität zu verbessern. Anwendungen, die medizinische Expertise voraussetzen, müssten wie Medizinprodukte behandelt und reguliert werden.

In der Erklärung zu Transgender betont der Weltärztebund, dass jeder Mensch das Recht hat, über sein soziales Geschlecht selbst zu bestimmen. Außerdem erklärt das Gremium, dass Gender-Inkongruenz keine psychische Erkrankung ist. Allerdings könne die Abweichung von der sozial zugeschriebenen Geschlechterrolle psychische Probleme verursachen, die als Gender-Dysphorie (DSM-5) beschrieben werde. Der Weltärztebund lehnt jede Form der Zwangsbehandlung von Transgender-Personen ab und spricht sich dafür aus, deren rechtliche Gleichstellung gesetzlich festzuschreiben.

Heike Korzilius

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK)

Die BÄK hat Erklärungen zu Transgender und mobiler Gesundheits-IT eingebracht. Warum ist es so wichtig, dass sich der Weltärztebund damit beschäftigt?

Montgomery: Es gibt kaum einen Bereich, der von Globalisierung so betroffen ist, wie die Digitalisierung. Deswegen brauchen wir eine globale Strategie, wie wir mit mobiler Gesundheits-IT umgehen. Bei Transgender ist es genauso. Das Thema wird durch rechtliche, kulturelle und religiöse Vorbehalte sehr kontrovers gesehen. Und der Weltärztebund soll kontroverse Themen nicht aussparen, sondern behandeln.

Das Transgender-Konzept spaltet auch westliche Gesellschaften. Im Weltärztebund sind aber Staaten wie Kuweit, Russland oder China vertreten. Wie gelingt es da, Konsens zu schaffen, und wie viel ist der im Alltag wert?

Montgomery: Nehmen wir das Beispiel Todesstrafe: Deren Ächtung durch den Weltärztebund führt natürlich nicht automatisch dazu, dass sie abgeschafft wird. Aber diese ärztliche Position befördert die Diskussion auch in den betroffenen Ländern, und durch unsere eindeutige Haltung stärken wir Kollegen den Rücken, die sich nicht an Hinrichtungen beteiligen wollen.

Unter Leitung der BÄK soll geprüft werden, ob das Genfer Gelöbnis zu überarbeiten ist. Warum ist das nötig?

Montgomery: Es gibt Punkte, die man ändern könnte. Zum Beispiel die Titelfrage. Viele wissen nicht, dass die moderne Form des Hippokratischen Eides „Genfer Gelöbnis“ heißt. Außerdem haben sich seit dessen Formulierung vor 60 Jahren die Verhältnisse zwischen Lehrenden und Studierenden, aber auch zwischen Ärzten und Patienten geändert. Darüber müssen wir eine weltweite ethische Diskussion beginnen. Ich bin jedenfalls immer wieder positiv überrascht, wie viele auch junge Ärzte den Hippokratischen Eid kennen. Das stiftet Identität.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema