ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2015OECD-Gesundheitsbericht: Keine Gewinner, keine Verlierer

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OECD-Gesundheitsbericht: Keine Gewinner, keine Verlierer

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Statistische Vergleiche von Gesundheitsdaten sind kein Anlass für Wettkampf-Betrachtungen, sondern Gegenstand für Analysen. Die jeweilige Einordnung ist interpretationsbedürftig. Insofern ist der jetzt vorgestellte OECD-Gesundheitsbericht für das Jahr 2015 in all seinen Facetten alles andere als ein Platz für Gewinner oder Verlierer und bietet keinen Anlass, positive Spitzenreiter zu feiern oder „Loser“ zu bedauern.

Für Deutschland bliebe aus dieser Warte in vielen von den Statistikern aufgestellten Charts ohnehin nur ein Platz im Mittelfeld, sieht man einmal von den Arzneimittelausgaben ab. Hier haben die Deutschen – trotz Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetz (AMNOG) – einen fünften Rang im internationalen Ranking. Mit kaufkraftbereinigten 678 US-Dollar pro Kopf liegen die Deutschen mit ihren Ausgaben für Arzneimittel um 30 Prozent über dem OECD-Durchschnitt, getoppt nur noch von Kanada, Griechenland, Japan und den USA.

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Die Ursachen dafür sind vielfältig: Einzelne neuere Medikamente wie etwa die Hepatitis C-Präparate sind teuer und sprengen den Kostenrahmen. Auch die von der pharmazeutischen Industrie den Krankenkassen zu gewährenden Rabatte sind seit 2014 wieder gesunken. Das kostet. Trotzdem: Wir Deutsche nehmen im internationalen Vergleich viele Medikamente ein. Blutdrucksenker oder Antidiabetika werden hierzulande weit häufiger eingesetzt als in anderen Staaten. Ähnliches gilt, so die OECD-Statistik, für Antidepressiva. Hier liegt Deutschland zwar mit 53 Tagesdosen noch unterhalb des Durchschnitts von 58, aber der Zuwachs ist seit Jahrhundertbeginn von damals 21 Tagesdosen enorm. Natürlich sind die Begründungen für solche Entwicklungen genau so multifaktoriell und komplex wie Ansätze, die die Arzneimittelkosten in den Griff bekommen sollen, siehe zum Beispiel das AMNOG. Auch die können wirksam sein und die Kosten steuern. Trotzdem sind sie mit über 17 Prozent wie in Deutschland oder einem Fünftel der gesamten Gesundheitsausgaben wie in der OECD ausgesprochen hoch.

Mit Prävention könnte man hier sicherlich gegensteuern. Aber wie erfolgreich sind die OECD-Staaten mit ihren Maßnahmen, Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum und Übergewicht zu reduzieren? In der Vermeidung von Übergewicht bei Kindern attestieren die OECD-Statistiker Deutschland einen guten Stand. Der fällt allerdings bei Tabak- und Alkoholmissbrauch und dem Übergewicht Erwachsener drastisch ab. Hier bleibt für die Gesellschaft viel zu tun. Auch andere Bewertungsfaktoren, wie Qualität oder flächendeckende Versorgung, weisen für Deutschland Verbesserungsbedarf aus.

Die OECD-Vergleichszahlen geben aber auch Anlass, nationale Diskussionen zu hinterfragen. Ein Beispiel: Während in der Bundesrepublik nach wie vor gestritten wird, ob der Zugang zu medizinischer Betreuung schnell genug funktioniert, weisen die OECD-Zahlen der deutschen Versorgung einen hohen Standard aus: Die gesetzliche Initiative, Terminservicestellen einzurichten, ist mit Blick auf die OECD-Vergleichszahlen tatsächlich Gejammer auf extrem hohen Niveau. Das Gegenteil stimmt: In Sachen Zugang zur medizinischen Versorgung steht Deutschland im internationalen Vergleich auffällig gut da. Hier lassen die Zahlen der OECD kaum Freiraum für andere Interpretationen.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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