ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2015Krankenhausreform: Der Personalmangel wird bleiben

POLITIK

Krankenhausreform: Der Personalmangel wird bleiben

Dtsch Arztebl 2015; 112(45): A-1859 / B-1537 / C-1497

Osterloh, Falk

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Mit einer großen Reform wollen Bund und Länder die stationäre Versorgung verbessern. Experten sind sich jedoch einig: Vor allem die Pläne zum Personalaufbau greifen zu kurz.

Entkräftet: Viele Ärzte und Pflegekräfte arbeiten bis zur Erschöpfung. Ein Grund dafür ist die dünne Personaldecke. Foto: picture alliance
Entkräftet: Viele Ärzte und Pflegekräfte arbeiten bis zur Erschöpfung. Ein Grund dafür ist die dünne Personaldecke. Foto: picture alliance

Etwa 6 000 Vollzeitkräfte wollen Bund und Länder zusätzlich ans Patientenbett bringen. Dafür sollen die Krankenhäuser 660 Millionen Euro erhalten, verteilt auf drei Jahre. So steht es im Krankenhausstrukturgesetz, das der Bundestag am 5. November verabschieden will (nach Redaktionsschluss). Dem Präsidenten des Deutschen Pflegerates, Andreas Westerfellhaus, ist das nicht genug. „Wenn da infolge des Förderprogramms zwei oder drei neue Kollegen in einem Krankenhaus eingestellt werden: Das merken wir nicht einmal“, sagte er am 29. Oktober auf dem „Fach- und Praxisform 2015 Personalbedarf“ des Marburger Bundes (MB) in Berlin.

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Darüber hinaus wollen Bund und Länder den Versorgungszuschlag in Höhe von 500 Millionen Euro pro Jahr, den die Krankenhäuser seit 2013 als Nothilfe erhalten, in Form eines „Pflegezuschlages“ im System belassen. Das sei „natürlich ein Fortschritt“, so Westerfellhaus weiter. Doch das löse die Probleme nicht. Denn zwischen dem Ende der 1990er und der Mitte der 2000er Jahre seien 50 000 Pflegestellen abgebaut und dabei 2,5 Milliarden Euro eingespart worden. Das seien die Dimensionen, um die es gehe.

Es fehlen 50 000 Pflegekräfte

Hier ist er sich einig mit dem Präsidenten des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands, Dr. rer. soc. Josef Düllings. „Unseren Berechnungen zufolge benötigen wir bis zum Jahr 2018 etwa 56 000 Vollzeitpflegestellen mehr im Krankenhaus als heute“, erklärte Dülling. Diese Zahl ergebe sich aus dem höheren Versorgungsbedarf, der dann bestehe. So bleibe trotz des Förderprogramms eine Lücke von 50 000 Mitarbeitern im Krankenhaus.

Auf den Zusammenhang von der Personalbesetzung im stationären Bereich und der dort erbrachten Qualität wies die Vorsitzende des MB-Landesverbandes Hessen, Dr. med. Susanne Johna, hin: „Wer sich heute hinstellt und mehr Qualität fordert, der muss auch mehr Personal fordern.“ Sie kritisierte, dass Deutschland unter Bedarf ausbilde: „Wir brauchen mehr Studienplätze an öffentlichen Universitäten. Wir müssen eigenen Nachwuchs generieren.“ Es reiche nicht aus, Fachkräfte aus dem Ausland zu holen. Ein weiteres Problem sei das Outsourcing. „Wenn die Reinigung outgesourct wird, hat das Konsequenzen auf die Hygiene im Krankenhaus“, betonte Johna.

Darüber hinaus kritisierte sie ein systemimmanentes Problem, das bei der Krankenhausreform ausgeblendet wird. „Die jungen Kollegen erleben im ersten Jahr einen Kulturschock“, berichtete sie. „Sie kommen von den Universitäten, sind hoch motiviert, müssen aber dann erleben, dass gar nicht der Patient im Mittelpunkt steht, sondern ökonomische Daten.“ Die Entscheidungskompetenz des Geschäftsführers müsse da aufhören, wo die Berufsordnung der Ärzte beginne. „Wenn wir dort wieder hinkommen, haben wir auch die Qualität, die die Politik einfordert“, betonte Johna.

Enger zusammenrücken

Mit der Reform wollen Bund und Länder auch Krankenhäuser schließen, um eine angenommene Überversorgung zu reduzieren. „Wer hat je die Nulllinie definiert, wie viele Krankenhäuser wir in Deutschland eigentlich brauchen?“, fragte Johna. Solange dies nicht geschehen sei, könne man weder von Über- noch von Unterversorgung sprechen. „Wenn wir die Strukturen jetzt abbauen, werden wir sie in einigen Jahren für viel Geld wieder aufbauen müssen“, sagte sie.

Die Vertreter von Ärzteschaft, Pflege und Krankenhäusern betonten abschließend, dass sie ihre gemeinsamen Interessen künftig auch gemeinsam vertreten wollten. „Wir müssen verstehen, welche Ressourcen darin liegen, wenn Ärzte, Pflegende und andere Berufsgruppen gemeinsam auftreten und klarmachen, was geschieht, wenn wir nicht mehr können“, erklärte Westerfellhaus. Die Berufsgruppen müssten daher noch enger zusammenrücken. Und Düllings meinte: „Wir glauben, wir können im Jahr 2017 sehr viel bewegen, wenn wir eine Allianz schmieden.“

Falk Osterloh

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