ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2015Infektionsprophylaxe: Update Nadelstichverletzungen

MEDIZINREPORT

Infektionsprophylaxe: Update Nadelstichverletzungen

Wicker, Sabine; Rabenau, Holger F.

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Nach einer fraglichen Exposition sollte jeder Mitarbeiter umgehend auf HIV getestet werden. Weitere Untersuchungen nach 6 und 12 Wochen sind zu empfehlen. Der bisher übliche HIV-Test nach 6 Monaten kann entfallen.

Nachuntersuchungen nach berufsbedingten Blutkontakten dienen dem Schutz der Beschäftigten und der Patienten. Bei den betroffenen Mitarbeitern muss bei Virustransmission umgehend eine etwaige Behandlungsindikation geprüft werden. Auch Ansprüche gegenüber den zuständigen Unfallversicherungsträgern sind gegebenenfalls geltend zu machen (1). Die Patienten müssen vor etwaigen nosokomialen Infektionsübertragungen durch unerkannt infizierte Beschäftigte geschützt werden.

Die erforderlichen Nachuntersuchungen nach Nadelstichverletzungen (NSV) werden jedoch oftmals nur unzureichend wahrgenommen (2, 3). Aus diesem Grunde ist es von besonderem Interesse, dass die Nachuntersuchungsintervalle rational und evidenzbasiert sind.

HIV-Test bereits 6 Wochen nach Exposition verlässlich

Eine Stellungnahme der gemeinsamen Diagnostikkommission der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten (DVV) und der Gesellschaft für Virologie (GfV) kommt nun zu dem Schluss, „dass ein negatives Ergebnis im HIV-Screeningtest eine HIV-Infektion mit hoher Sicherheit ausschließt, wenn die letzte potenzielle HIV-Exposition länger als 6 Wochen zurückliegt (bei Verwendung von Testsystemen der 4. Generation) beziehungsweise länger als 12 Wochen bei Verwendung von Testsystemen der 3. Generation oder von Schnelltests. Wird eine antiretrovirale Postexpositionsprophylaxe (HIV-PEP) durchgeführt, beginnt das Zeitfenster von 6 beziehungsweise 12 Wochen erst nach Beendigung der HIV-PEP“ (4).

Die Formulierung „HIV-Infektion mit hoher Sicherheit ausschließt“ bedeutet: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient mit einem negativen HIV-Test tatsächlich nicht mit HIV infiziert ist, beträgt 99,999999 %. Der Berechnung dieses „negativen prädiktiven Vorhersagewertes“ liegen die hierzulande üblicherweise eingesetzten HIV-Screeningtests zugrunde (5). Der Vorhersagewert gilt allerdings nur mit Einschränkungen bei Personen mit Immunsuppression oder Immundefekt, bei denen es zur zeitlich verzögerten Antikörperbildung kommen kann.

Die Stellungnahme von DVV und GfV hat Auswirkungen auf die Nachuntersuchungsintervalle nach NSV. Während es in den USA seit 2013 Empfehlungen gibt, die HIV-Untersuchungen nach NSV nach 3 bis 4 Monaten zu beenden (6, 7), wurden die deutschen Vorgaben noch nicht angepasst.

Unfallversicherung sollte Empfehlungen anpassen

Eine Überarbeitung der deutschen Empfehlungen seitens der Fachgesellschaften und Unfallversicherungsträger ist dringend erforderlich. Ansonsten werden weiterhin Nachuntersuchungen stattfinden, die nach aktuellem Kenntnisstand nicht notwendig sind.

Das Nachuntersuchungsintervall sollte dahingehend geändert werden, dass beim exponierten Mitarbeiter an Tag 0 (Nullwert-Bestimmung) sowie nach 6 und 12 Wochen ein HIV-Screeningtest der 4. Generation durchgeführt wird. Die bisherige Untersuchung nach 6 Monaten kann in Zukunft entfallen. Wird eine HIV-PEP durchgeführt, verschiebt sich dieses Nachuntersuchungsintervall um den Zeitraum der 4-wöchigen HIV-PEP (Tabelle).

Untersuchungsintervalle nach Exposition: Evidenzbasiertes Vorgehen
Tabelle
Untersuchungsintervalle nach Exposition: Evidenzbasiertes Vorgehen

Gleichzeitig ist zu überlegen, ob für Hepatitis B und Hepatitis C aufgrund der in den letzten Jahren verbesserten virologischen Tests die Nachuntersuchungsintervalle ebenso verkürzt werden können.

Da medizinische Beschäftigte durch Nadelstichverletzungen auch psychische Belastungen erfahren (8), würde eine Verkürzung der Nachuntersuchungsintervalle den Mitarbeiter emotional entlasten. Darüber hinaus ließen sich dadurch Kosten sparen.

Prof. Dr. med. Sabine Wicker,
Betriebsärztlicher Dienst,
Universitätsklinikum Frankfurt

Prof. Dr. rer. med. Holger F. Rabenau,
Institut für Medizinische Virologie,
Universitätsklinikum Frankfurt

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4515
oder über QR-Code

1.
Himmelreich H, Rabenau HF, Rindermann M, et al.: The management of needlestick injuries. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(5): 61–7 VOLLTEXT
2.
Eskandarani HA, Kehrer M, Christensen PB: No transmission of blood-borne viruses among hospital staff despite frequent blood exposure. Dan Med J 2014; 61: A4907 MEDLINE
3.
Vieira D, Escudero S, Furtado GHC, Medeiros A: Healthcare worker adherence to follow-up after occupational exposure to blood and body fluids at a teaching hospital in Brazil. Ann Occup Hyg 2015; 59: 566–71 MEDLINE PubMed Central
4.
Gemeinsame Diagnostikkommission 2015: Stellungnahme der Gemeinsamen Diagnostikkommission der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten e.V. (DVV e.V.) und der Gesellschaft für Virologie e.V. (GfV e.V.) in Kooperation mit: Deutsche AIDS Gesellschaft e.V. (DAIG e.V.), Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter e.V. (DAGNÄ e.V.), Berufsverband der Ärzte für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie e.V. (BÄMI e.V.): Nachweis einer Infektion mit Humanem Immundefizienzvirus (HIV): serologisches Screening mit nachfolgender Bestätigungsdiagnostik durch antikörper-basierte Testsysteme und/oder durch HIV-Nukleinsäure-Nachweis. Bundesgesundheitsblatt 2015; 58: 877–86.
5.
Rabenau HF: Neuer Testalgorithmus für den labordiagnostischen HIV-Erstnachweis. Retroviren Bulletin 1.2015: 2–6. (http://www.kgu.de/fileadmin/redakteure/institute/hygiene/virologie/pdf/retrovi ren_bulletin_ausgabe_ 1–2015.pdf).
6.
Kuhar DT, Henderson DK, Struble KA, et al.: Updated US Public Health Service guidelines for the management of occupational exposures to human immunodeficiency virus and recommendations for postexposure prophylaxis. Infect Control Hosp Epidemiol 2013; 34: 875–92.
7.
New York State Department of Health AIDS Institute: HIV prophylaxis following occupational exposure. (http://www.hivguidelines.org/wp-content/uploads/2015/08/ HIV-Prophylaxis-Following-Occu pational-Exposure_8–17–15.pdf)
8.
Wicker S, Stirn A, Rabenau HF, v. Gierke L, Wutzler S, Stephan C: Needlestick injuries: causes, preventability and psychological impact. Infection 2014; 42: 549–52.
Untersuchungsintervalle nach Exposition: Evidenzbasiertes Vorgehen
Tabelle
Untersuchungsintervalle nach Exposition: Evidenzbasiertes Vorgehen
1.Himmelreich H, Rabenau HF, Rindermann M, et al.: The management of needlestick injuries. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(5): 61–7 VOLLTEXT
2.Eskandarani HA, Kehrer M, Christensen PB: No transmission of blood-borne viruses among hospital staff despite frequent blood exposure. Dan Med J 2014; 61: A4907 MEDLINE
3.Vieira D, Escudero S, Furtado GHC, Medeiros A: Healthcare worker adherence to follow-up after occupational exposure to blood and body fluids at a teaching hospital in Brazil. Ann Occup Hyg 2015; 59: 566–71 MEDLINE PubMed Central
4.Gemeinsame Diagnostikkommission 2015: Stellungnahme der Gemeinsamen Diagnostikkommission der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten e.V. (DVV e.V.) und der Gesellschaft für Virologie e.V. (GfV e.V.) in Kooperation mit: Deutsche AIDS Gesellschaft e.V. (DAIG e.V.), Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter e.V. (DAGNÄ e.V.), Berufsverband der Ärzte für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie e.V. (BÄMI e.V.): Nachweis einer Infektion mit Humanem Immundefizienzvirus (HIV): serologisches Screening mit nachfolgender Bestätigungsdiagnostik durch antikörper-basierte Testsysteme und/oder durch HIV-Nukleinsäure-Nachweis. Bundesgesundheitsblatt 2015; 58: 877–86.
5.Rabenau HF: Neuer Testalgorithmus für den labordiagnostischen HIV-Erstnachweis. Retroviren Bulletin 1.2015: 2–6. (http://www.kgu.de/fileadmin/redakteure/institute/hygiene/virologie/pdf/retrovi ren_bulletin_ausgabe_ 1–2015.pdf).
6. Kuhar DT, Henderson DK, Struble KA, et al.: Updated US Public Health Service guidelines for the management of occupational exposures to human immunodeficiency virus and recommendations for postexposure prophylaxis. Infect Control Hosp Epidemiol 2013; 34: 875–92.
7.New York State Department of Health AIDS Institute: HIV prophylaxis following occupational exposure. (http://www.hivguidelines.org/wp-content/uploads/2015/08/ HIV-Prophylaxis-Following-Occu pational-Exposure_8–17–15.pdf)
8. Wicker S, Stirn A, Rabenau HF, v. Gierke L, Wutzler S, Stephan C: Needlestick injuries: causes, preventability and psychological impact. Infection 2014; 42: 549–52.

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