ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2015Körperbilder: Morris Hirshfield (1872–1946) – Meister der zwei linken Füße

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Körperbilder: Morris Hirshfield (1872–1946) – Meister der zwei linken Füße

Schuchart, Sabine

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Seine Biografie ist so bemerkenswert wie seine künstlerische Karriere: 1872 im Gebiet des heutigen Polen geboren, wanderte Morris Hirshfield als 18-Jähriger nach New York aus und startete – nach Jahren als Arbeiter in einer Bekleidungsfabrik – 1902 mit seinem Bruder eine Fabrikation für Hausschuhe, die bis zu 300 Mitarbeiter beschäftigte. Nach langer Krankheit begann er mit 65 als Pensionär täglich zu malen – in seinem Schlafzimmer in Brooklyn, die Leinwand gegen den Spiegel seiner Ankleide gelehnt. Seine Sujets waren Tiere und Frauen. Bis zu seinem Tod schuf er circa 70 Gemälde, die in ihrer Flächigkeit und farbigen Ornamentik an byzantinische Mosaike erinnern und oft durch phantastisch wirkende symmetrische Kompositionen auffielen.

Zu seinen Bewunderern zählten neben Piet Mondrian und den Surrealisten auch einflussreiche amerikanische Kunstgrößen wie Peggy Guggenheim oder der Kurator und Kunsthändler Sidney Janis, die Hirshfield den Weg ins Museum of Modern Art ebneten, das damals sehr an der Kunst nicht-akademischer Maler interessiert war. 1941 – vier Jahre, nachdem Hirshfield die New Yorker Kunstbühne betreten hatte – erwarb das Museum zwei seiner Bilder, darunter „Girl in a Mirror“. Doch wirklich berühmt sollte er erst durch die Retrospektive werden, die das MoMA dem „Hersteller von Mänteln, Anzügen und Pantoffeln im Ruhestand“, so der Pressetext, 1943 widmete: Diese trug kurze Zeit später zur Absetzung von MoMA-Gründungsdirektor Alfred J. Barr bei. Die Kritik der Presse an der Ausstellung eines „Primitiven“ gipfelte in der Titulierung Hirshfields als „Meister der zwei linken Füße“. Pantoffelmuster habe es eben nur für linke Füße gegeben, entgegnete der ungerührt.

Inzwischen ist Hirshfield längst rehabilitiert und in großen Ausstellungen so genannter Outsider Art vertreten wie aktuell – kuratiert von Kaspar König und Falk Wolf – im Museum Folkwang. In der symmetrischen Organisation der Bildfläche in „Girl in a Mirror“ sieht Wolf, wie er im Katalog ausführt, Parallelen zum Werk von Marcel Duchamp: „Diese Fläche hat Hirshfield mit entwaffnender Konsequenz ernst genommen und damit eines der bildtheoretisch interessantesten Gemälde des 20. Jahrhunderts geschaffen.“ Sabine Schuchart

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Ausstellung

„Der Schatten der Avantgarde. Rousseau und die vergessenen Meister“

Museum Folkwang,
Museumsplatz 1, Essen

Di./Mi./Sa./So. 10–18 Uhr,
Do./Fr. 10–20 Uhr;
www.museum-folkwang.de
bis 10. Januar 2016

„Der Schatten der Avantgarde: Rousseau und die vergessenen
Meister“, Ausstellungskatalog, 328 S., Hatje Cantz 2015; 29,80 Euro

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