ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2015Von schräg unten: Indikation

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Indikation

Dtsch Arztebl 2015; 112(46): [72]

Böhmeke, Thomas

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Auch wenn unser Blickfeld immer häufiger durch Regressdrohungen und Budgetierung, Verordnungen und Richtlinien kataraktoid getrübt ist: Unser Augenmerk gilt an erster Stelle dem Wohl unserer Schutzbefohlenen. Denn ist es unsere hohe Kunst, alle möglichen, unsere Patienten betreffenden Aspekte mit höchster Sorgfalt und Empathie in unsere Entscheidungen und Empfehlungen mit einfließen zu lassen. Dies mit dem Ziel, eine wirklich umfassende, ganzheitliche, dem kranken Menschen in allen Belangen höchst gerechte Lösung für seine Probleme anbieten zu können. Auch in der Kardiologie ist dieses überaus sorgfältige Abwägen eine tägliche Herausforderung, um den bestmöglichen Weg zu finden.

Wie auch heute bei meiner Patientin, bei der ich über die Notwendigkeit einer invasiven Nachkontrolle nach koronarer Stent-Implantation zu entscheiden habe. Eine solche Herzkatheterkontrolle sollte nicht dem okulostenotischen Reflex gehorchend durchgeführt werden, so erläutere ich ihr, sondern nur nach penibelster Abwägung, auf dass sie in jeder Hinsicht davon profitiere! Schauen wir uns zunächst die medizinische Indikation an: Wie hoch ist das Risiko einer Restenose? Nun, man hat ihr einen groß dimensionierten, medikamentös beschichteten Stent in einem Segment implantiert, das nicht für wild wuchernde Verwachsungen bekannt ist. Nein, hier ist kein Kontrollkatheter notwendig! Kommen wir zur Klinik: Wie fühlt sie sich jetzt, hat sie irgendwelche Beschwerden? Nein, die Stenokardien, die Luftnot sind wie weggeblasen, sie kann sich wieder freudevoll belasten. Also auch hier lautet mein Kommentar: Knicken Sie sich den Katheter! Streifen wir die prognostische Indikation: Hat sie eine Hauptstamm-stenosierung, gar mit 3-Gefäß-Befall? Mitnichten, alle übrigen Gefäße waren glatt berandet, wie frisch geputzt, also: Bleiben Sie dem Katheterlabor fern!

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Was in den Leitlinien nicht gelistet, aber für den Einzelnen unglaublich wichtig ist: die psychologische Indikation! Viele meiner Schutzbefohlenen können ihr Leben erst wieder genießen, wenn sie auf dem Bildschirm sich befreit sehen von koronaren Katastrophen; sich vergewissert haben, dass die bösartige Engstelle, der drohende Infarkt für immer hinter Gitter gesperrt worden ist. Aber derartige Zweifel nagen nicht an ihr, daher: Genießen Sie Ihr Leben auch ohne Kontrastmittel in den Koronarien! Schauen Sie nach Ihren Risikofaktoren, und spielen Sie sonst frei auf!

„Frei aufspielen ist gut, aber wie meinen Sie das mit den Risikofaktoren?“ Nun, Blutfette und Blutdruck sollten ideal sein, genau wie ihr Gewicht; Sport ist täglich auszuüben, und Rauchen sollte sie auch nicht mehr. „Also hören Sie mal, das habe ich aber nicht vor!“ Ist aber notwendig. Denn die koronare Herzerkrankung ist in ihrem Wesen eine progressive Erkrankung, die gelegentlich mit Granaten um sich wirft. Dem muss man Rechnung tragen, vor allem durch die konsequente Einstellung der Risikofaktoren. „Das, was Sie da von mir wollen, ist aber ein bisschen zu viel verlangt! Außerdem bin ich jetzt repariert, und Sie müssen Sorge tragen, dass alles so bleibt!“ So? Meint sie das wirklich?

Wenn sie weitermacht wie bisher, so muss ich eine Progression ihrer Koronarerkrankung befürchten, und im Fall akuter Komplikationen wird sie mir diese anlasten wollen. Da ich aber nicht vorhabe, ein Opfer der Beweislastumkehr zu werden, muss ich meine bisherigen Ausführungen zur Indikation der invasiven Kontrolle ihres Koronarbefundes revidieren. „Und was heißt das jetzt?!“ Ich werde für sie einen Termin in einer kardiologischen Klinik zur invasiven Diagnostik ausmachen. „Grade eben haben Sie mir noch was völlig anderes erzählt! Was für eine obskure Indikation ist das denn jetzt?!“ Die juristische Indikation.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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