ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2015Debattenkultur: Eine gute Woche

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Debattenkultur: Eine gute Woche

Dtsch Arztebl 2015; 112(46): A-1909

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Suizidbeihilfe, Palliativmedizin, Organspende und Asylkompromiss: Vier Themen, die Politik, Medien und Öffentlichkeit vor allem in der letzten Woche beschäftigt haben. Und sie haben deutlich gemacht, wie wichtig ein politischer und gesellschaftlicher Diskurs über solch sensible Sachverhalte ist, bei denen eine Bewertung nicht einfach mit richtig oder falsch erfolgen kann. Denn sie sorgen für Ängste, Unsicherheit und Diskussionen, die auch schnell – siehe Asylkrise und Pegida – in kaum erträgliche Parolen abgleiten können.

Umso wohltuender war die Bundestagsdebatte zur Suizidbeihilfe, auch wenn es keine parlamentarische Sternstunde war. Ohne Fraktionszwang tauschten die Abgeordneten ihre Argumente emotional und sachgerecht aus, berichteten über eigene familiäre Schicksale. Überraschend eindeutig sprachen sie sich gegen eine Liberalisierung der Sterbehilfe und für ein Verbot der geschäftsmäßigen Suizidbeihilfe aus. (Seite 1918).

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Dass der gesellschaftliche Diskurs zwar intensiv, aber ausgewogen geführt wurde, lag auch an den oft gescholtenen Medien. In Talkshows, auf den Feuilletonseiten der Tagespresse oder in digitalen Medien gab es reichhaltige Informationen und Einschätzungen von Politikern, (Palliativ-)Medizinern, Ethikern, Kirchenvertretern und Bürgern. All das schuf zusammen mit einer positiven Debattenkultur eine gute Grundlage für die Meinungsbildung zu einer so wichtigen Entscheidung um Leben und Tod.

Zugleich rückte diese mediale Präsenz noch ein zweites Gesetzesvorhaben ins öffentliche Bewusstsein, das untrennbar mit der Suizidbeihilfe verbunden ist: die Verbesserung der Palliativversorgung und Hospizarbeit. Hierüber gab es einen uneingeschränkten Konsens. Auch hier war die Informationsvermittlung durch die Medien wichtig. Denn sie machte die Möglichkeiten, aber auch Grenzen der Palliativmedizin deutlich. Richtig ist es, die Ängste in der Bevölkerung, mit Schmerzen und allein ohne Fürsorge sterben zu müssen, zu verringern. Gute Palliativmedizin schafft Vertrauen und ist ein anerkanntes Mittel gegen Suizidbeihilfe. Der Bundestag beschloss folgerichtig das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung (Seite 1920).

Die Organspende hatte angesichts der beiden genannten Entscheidungen nicht die mediale Aufmerksamkeit, doch gab es durchaus Positives zu vermelden: Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Organspender um 3,2 Prozent leicht an. Es zeichnet sich erstmals seit vier Jahren nach einem deutlichen Rückgang wieder eine leichte Aufwärtsbewegung ab, auch wenn der medizinische Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation, Dr. med. Axel Rahmel, nicht von einer Trendwende sprechen wollte. Das Vertrauen der Bevölkerung zur Organspende, das durch den Transplantationsskandal gelitten hatte, muss aber weiterhin zurückgewonnen werden. Wichtige Arbeit hierbei leisten die beiden Kommissionen, die von Bundes­ärzte­kammer, Deutscher Krankenhausgesellschaft sowie GKV-Spitzenverband getragen werden. Deren Vorsitzende erläutern ihre Arbeit in dieser Ausgabe. (Seite 1932).

Letzte Woche hat der Bundestag Entscheidungen zum Wohle der Patienten getroffen, die oftmals nicht mehr selbst für sich sorgen können. Den Politikern ging es um die Sache und nicht um ihre Parteiinteressen, wie zuletzt zu oft in der Asylpolitik, was sie dort an der Sacharbeit hinderte. Und darum war es eine gute Woche!

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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