ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2015Kinderradiologie: Technische Innovationen können Personaldefizite nicht ausgleichen

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Kinderradiologie: Technische Innovationen können Personaldefizite nicht ausgleichen

Zylka-Menhorn, Vera

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Die pädiatrische Radiologie arbeitet inzwischen mit sehr schonenden und schnellen Bildgebungstechniken. Aber aufgrund von Nachwuchsmangel ist eine flächendeckende Versorgung von Kindern und Jugendlichen nicht gegeben.

Die radiologischen Techniken werden immer mehr an die Bedürfnisse der Patienten im Wachstumsalter angepasst. Foto: picture alliance
Die radiologischen Techniken werden immer mehr an die Bedürfnisse der Patienten im Wachstumsalter angepasst. Foto: picture alliance

Kinder und Jugendliche machen etwa 20 Prozent der deutschen Bevölkerung aus. Ihre Anatomie und ihre Erkrankungen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von denen Erwachsener, sodass es für diese Patientengruppe eines Fachwissens bedarf, das im allgemeinradiologischen Bereich wenig vorhanden ist. Zudem ist ein hohes Maß an Empathie, Kommunikationsfähigkeit, Zeit und Geduld gefordert. Kinderradiologinnen und -radiologen betreuen sowohl Frühgeborene mit einem Gewicht von unter 500 Gramm als auch übergewichtige Jugendliche mit mehr als 150 Kilogramm. Dieses breite Patientenspektrum stellt enorme Anforderung an das ärztliche Können, aber auch an die Geräteausstattung.

Sensibilität ist gewachsen

Die Kinderradiologie bietet heute ein breit gefächertes Spektrum bildgebender Methoden – abgestimmt auf die besonderen Bedürfnisse und Ansprüche der kleinen Patienten. Dabei wurden sowohl etablierte Verfahren wie konventionelles Röntgen und Sonographie kontinuierlich verbessert, neue Applikationen und Entwicklung an Kinderbedürfnisse angeglichen, als auch neuere Methoden, wie MRT, Mehrzeilen-CT und PET, eingeführt und an die Erfordernisse pädiatrischer Patienten angepasst.

Die Sensibilität gegenüber den potenziellen Gefahren ionisierender Strahlung ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. Doch die Technik der modernen Hochleistungsgeräte wie Röntgengeräte, Durchleuchtungsanlagen und CT hat sich enorm verbessert. Neue Verfahren, wie beispielsweise die gepulste Durchleuchtung mit digitaler Technik, gestatten es, die Dosis bei entsprechenden Untersuchungen des kindlichen Magen-Darm-Traktes oder Urogenitaltraktes um bis zu 70 Prozent zu reduzieren.

Die CT wird in der Kinderradiologie zwar selten eingesetzt, gewinnt aber durch die Einführung hocheffektiver Dosisreduktionsalgorithmen eine zunehmende Rolle. Gängig war es lange Zeit, bei Frakturverdacht ein Röntgenbild zu veranlassen. „Doch die Niedrigdosis-CT beziehungsweise die ,Cone-beam-Radiographie‘ ist viel genauer und liefert eine überlagerungsfreie Darstellung der knöchernen Strukturen in 3-D“, sagte Priv.-Doz. Dr. med. Jörg D. Moritz, Kiel, kürzlich beim Kongress der Gesellschaft für Pädiatrische Radiologie (GPR) in Bochum. „Dadurch kann man beispielsweise einen Frakturverlauf in der Gelenkfläche oder der Epiphysenfuge besser beurteilen. Und bei komplexeren Frakturen können wir die Stellung der einzelnen Fragmente zueinander erkennen. Das ist wichtig um kinderspezifische Risiken wie Fehlwachstum oder Funktionseinschränkungen zu vermeiden.“

Bei Untersuchungen mit ionisierender Strahlung wird die Röntgendosis heute durch geeignete Vorbereitung und Auswahl der Parameter auf ein Minimum begrenzt. Dennoch: Um einen Überblick über die gesammelte Gesamtstrahlenbelastung zu bekommen, sollte jedes Kind einen Röntgenpass haben, in dem alle Untersuchungen dokumentiert sind. „Wir erleben es immer wieder, dass Kinder doppelt oder dreifach untersucht werden, weil unklar ist, welche Untersuchungen schon gemacht wurden. Ein Pass kann helfen, das zu verhindern und die Strahlenbelastung möglichst gering zu halten“, betonte Prof. Dr. med. Hans-Joachim Mentzel, Universitätsklinikum Jena.

Soweit möglich, greifen die Kinderradiologen auf Ultraschall oder die MRT zurück. Insbesondere die Sonographie ist aufgrund der anatomischen und physiologischen Gegebenheiten bei Kindern für die Bildgebung gut geeignet. Als technische Weiterentwicklungen werden derzeit unter anderem etabliert:

  • der Kontrastmittelultraschall (Contrast Enhanced UltraSound, CEUS). Hierfür werden dem Patienten mikroskopisch kleine, gasgefüllte Bläschen als Suspension intravenös oder intrakavitär (zum Beispiel Harnblase) verabreicht. Diese erreichen nach wenigen Sekunden die Organe und verstärken dort die Reflexionen des Ultraschalls,
  • die Elastografie (bildet die visko-elastischen Eigenschaften von Gewebe ab) und
  • der quantitative Ultraschall (QUS) zur Messung der Knocheneigenschaften.

In der MRT erlauben bereits jetzt hochauflösende Bildgebungstechniken wie die Diffusionswichtung (diffusion weighted imaging, DWI) Einblicke bis auf molekulare Ebene. Für die frühzeitige Erfassung angeborener Erkrankungen im Mutterleib hat sich die fetale MRT zum integralen Bestandteil der kinderradiologischen Diagnostik entwickelt. „Postpartal ermöglicht der MR-Inkubator, Früh- und Neugeborene zu untersuchen, ohne dass sie die schützende Hülle des Inkubators verlassen müssen. Dadurch sind auch längere Untersuchungszeiten möglich, was die Diagnostik von komplexen Erkrankungen – wie unklare Störungen des Nervensystems, onkologische Erkrankungen oder Fehlbildungssyndrome – verbessert“, erläuterte Mentzel.

Als neue Modalität wird die PET-MR in Zukunft eine wichtigere Rolle bei kinderonkologischen Patienten spielen, weil sie Strahlenschutzvorteile gegenüber der PET-CT bietet. „Erste Ergebnisse für den Einsatz der PET-MR in der Kinderonkologie sind bestechend“ so Prof. Dr. Franz Wolfgang Hirsch, Universitätsklinikum Leipzig: „Einzelne Kinderradiologen haben sich zeitig diesem Thema gewidmet. Erste Publikationen zur PET-MRT in der Kinderonkologie kamen interessanterweise zuerst von Kinderradiologien und Nuklearmedizinern deutscher Universitäten.“

Perspektiven schaffen

Doch technische Innovationen können Personaldefizite nicht ausgleichen. Für die Versorgung von Millionen Kindern und Jugendlichen in Deutschland stehen nur rund 125 Kinderradiologinnen und -radiologen zur Verfügung. Das heißt, selbst an großen Kliniken besteht ein Defizit. „Die Zukunft dieser unverzichtbaren Spezialisierung des Mutterfaches Radiologie wird in hohem Maße davon abhängen, inwieweit man entsprechende Rahmenbedingungen und Anreize schafft, um jungen Kollegen eine berufliche Perspektive bieten zu können“, so Priv.-Doz. Dr. med. Christoph M. Heyer, St. Josef-Hospital, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum.

Der Nachwuchsmangel werde durch die lange zusätzliche Ausbildungszeit (zusätzlich drei Jahre nach dem Facharzt für Radiologie) weiter verstärkt. Es gebe aber auch finanzielle Gründe (siehe „3 Fragen an . . .) „Mit mangelnder kinderradiologischer Präsenz und Expertise wird für die Zukunft eine qualitativ hochwertige Kinder- und Jugendmedizin mit all ihren Subdisziplinen nicht zu gewährleisten sein“, betont GPR-Vorsitzender Prof. Dr. med. Michael Riccabona, Universitätsklinikum Graz.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

3 Fragen an . . .

Priv. Doz. Dr. med. Friederike Körber, Leiterin Bereich Kinderradiologie, Uniklinik Köln

Wo ist der Mangel an Kinderradiologen besonders eklatant?

Körber: Nun, eine Zunahme der Anzahl an Kinderradiologen ist insgesamt dringend erforderlich, insbesondere aber für größere Kinderkliniken und Kinderzentren mit Notfallbetreuung. Der Mangel an Kinderradiologen führt zu einer Einschränkung der Patientenversorgung. In der Schweiz beispielsweise ist die Expertise der Kinderradiologie durch gesetzliche Auflagen gesichert. Dort muss jede Kindereinheit mit einer Notfallaufnahme eine kinderradiologische Versorgung haben – sonst bekommt sie keine Betriebsgenehmigung.

Im ambulanten Bereich sollten radiologische Untersuchungen insbesondere bei kleinen Kindern nur durchgeführt werden, wenn eine entsprechende Spezialausbildung vorliegt. De facto ist dies nicht flächendeckend der Fall und die kinderradiologischen Einheiten an größeren Zentren sind meist schon mit der Versorgung der klinikeigenen Patienten ausgelastet.

Welche direkten Folgen hat der Nachwuchsmangel?

Körber: Die Arrosion der universitären Kinderradiologien in den letzten Jahren hat zu einem erheblichen Aus- und Weiterbildungsproblem geführt. Ohne akademische kinderradiologische Zentren an den Universitäten, die die kinderspezifischen Aspekte der Bildgebung weiter entwickeln, stagniert der Fortschritt.

Außerdem sind solche Zentren notwendig, um bereits Studierenden die Inhalte der Kinderradiologie zu vermitteln und so wenigstens eine Basis für den Nachwuchs zu schaffen. Ein großes Problem besteht auch in der Weiterbildung von Radiologen im Schwerpunkt Kinderradiologie, die nur erfolgen kann, wenn genügend Kinderradiologen die Weiterbildungsermächtigung haben. Eine hinreichende Anzahl solcher Zentren, die eine adäquate Geräte- und Personalausstattung aufweisen, ist dringend zu fordern.

Welche Maßnahmen sind für eine Trendwende notwendig?

Körber: Wichtige Schritte sind von der neuen Weiter­bildungs­ordnung zu erwarten – mit zwei wesentlichen Aspekten: die Reintegration kinderradiologischer Prüfungsinhalte in die Weiter­bildungs­ordnung aller Radiologen. Und die Möglichkeit zur Verkürzung der kinderradiologischen Spezialisierungszeit von derzeit drei auf zwei Jahre. Ein weiteres Jahr kann in die Facharztzeit integriert werden, wenn es bei einem Kinderradiologen mit Weiterbildungserlaubnis absolviert wurde.

Aber auch diese Maßnahmen werden nur greifen können, wenn jungen Kolleginnen und Kollegen attraktive Zukunftsaussichten geboten werden. Solange die Zusatzausbildung zum Kinderradiologen eher zu einer Einschränkung der Karriereentwicklung wie auch der pekuniären Verhältnisse führt, werden wir auf Dauer junge Akademiker nicht von diesem Weg überzeugen können. Dies wäre sehr schade, denn das Fach ist nicht nur ungeheuer spannend und vielfältig, sondern auch für die gesundheitliche Versorgung unserer Kinder und Jugendlichen von großer Bedeutung.

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