ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2015Psychotherapeutische Versorgung von Flüchtlingen: Koordinierungsstellen bitte

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Psychotherapeutische Versorgung von Flüchtlingen: Koordinierungsstellen bitte

Bühring, Petra

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Das Schicksal der Flüchtlinge, die jeden Tag zu Tausenden nach Deutschland kommen, lässt nicht unberührt: Frierende Kleinkinder an den Grenzen nach Bayern oder nachts in den Schlangen am Lageso, dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales, um Wartemarken für einen Termin beim Sachbearbeiter am nächsten Morgen ziehen zu können. Unbegleitete jugendliche Flüchtlinge, die den Journalisten berichten, dass sie tagelang nichts mehr gegessen haben. Die Bilder bleiben haften, und die Liste der unsäglichen Zustände ließe sich fortsetzen.

Von Psychotherapie und gar von Richtlinienpsychotherapie sind selbst die schwerst traumatisierten der ankommenden Flüchtlinge noch meilenweit entfernt. Eine warme Unterkunft, Essen, Kleidung, Sicherheit, der Asylantrag, zu erfahren, was mit den Angehörigen ist – all das ist zunächst viel wichtiger. Doch spätestens, wenn die Geflüchteten nachts schreiend aus Albträumen aufwachen oder eigen- und fremdaggressives Verhalten aufweisen, wird die Notwendigkeit für Hilfe offensichtlich. Flüchtlinge, die aufgrund von Folter, Vergewaltigung oder sonstiger Gewalt psychisch erkrankt sind, sind zudem nach einer EU-Aufnahmerichtlinie „besonders schutzbedürftig“ und ihren besonderen Bedürfnissen soll Rechnung getragen werden.

Der Zugang zur psychotherapeutischen und psychiatrischen Versorgung ist sehr vielen dieser Schutzbedürftigen aber aus den verschiedensten Gründen verwehrt (siehe „Krieg, Verlust und Gewalt“, PP, Heft 10). Deutschland und die Länder der EU müssen die Richtlinie in nationales Recht umsetzen, und deshalb tut sich etwas: Kassenärztliche Vereinigungen und Krankenkassen sind gerade mit der Asylrechtsreform verpflichtet worden, mehr Psychotherapeuten, Ärzte und psychosoziale Einrichtungen befristet und speziell für die Behandlung traumatisierter Flüchtlinge zu ermächtigen. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) hat auf ihrer Homepage einen Ratgeber veröffentlicht, wie eine solche Ermächtigung beantragt werden kann.

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Um die Versorgung psychisch kranker Flüchtlinge zu verbessern, haben zudem BPtK und Bundes­ärzte­kammer zusammen ein Modellprojekt vorgeschlagen, das aus Bundesmitteln finanziert werden soll. Kern des Modellprojekts sind drei aufein-ander abgestimmte Module. Das erste Modul sieht den Aufbau eines bundesweiten Dolmetscher- und Sprachmittlerpools vor, weil Psychotherapie ohne finanzierte Sprachmittlung kaum möglich ist (siehe hierzu Seite 487). Als zweites Modul schlagen die beiden Kammern in jedem Bundesland eine Koordinierungsstelle vor. Diese soll für die Beantragung, Begutachtung, Genehmigung und Vergütung von Psychotherapien bei Flüchtlingen zuständig seit. Die Begutachtung soll durch unabhängige und qualifizierte Gutachter erfolgen. Auf Grundlage deren Votums soll die Koordinierungsstelle die Therapie genehmigen und die Ausgaben dafür mit den verantwortlichen Behörden abrechnen. Ein drittes Modul sieht die Qualifizierung von Ärzten und Psychotherapeuten vor, die rechtliche Aspekte kennen sollten, die der Asylstatus mit sich bringt. Diese Kompetenzen könnten die Landesärzte- und Psychotherapeutenkammern vermitteln. Dieses Konzept liegt zurzeit dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium vor. Man sollte erwarten, dass der Entscheidungsprozess nicht allzu lange dauert.

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