ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2015Interview mit Yasmine Khaled, Dolmetscherin im Bundesverband der Übersetzer und Dolmetscher (BDÜ): „Man muss eine Art Vogelperspektive entwickeln“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Yasmine Khaled, Dolmetscherin im Bundesverband der Übersetzer und Dolmetscher (BDÜ): „Man muss eine Art Vogelperspektive entwickeln“

Bühring, Petra

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Die Dolmetscherin Yasmine Khaled hilft seit sieben Jahren, arabisch sprechende unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu verstehen – auch im Rahmen von Psychotherapie.

Foto: privat
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Wie sind Sie zum Dolmetschen mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen gekommen?

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Yasmine Khaled: Die Aufgabe ist an mich herangetragen worden als ich noch Studentin war. Es wurde ganz spezifisch nach einer weiblichen Dolmetscherin gesucht im Großraum Karlsruhe, um mit unbegleiteten minderjährigen Mädchen Gespräche zu führen.

Wie haben Sie Ihre spezifischen Kenntnisse, also medizinische und psychotherapeutische Fachbegriffe, erworben?

Khaled: Grundsätzlich gibt es Schwerpunkte im Studium, also auch ein Ergänzungsfach Medizin. Ich hatte im Studium Recht als Ergänzungsfach. Meine Diplomarbeit handelte allerdings von der medizinischen Gutachtenerstellung im Asylverfahren, und da kam ich zwangsläufig mit dem medizinischen Bereich in Berührung.

Beim Dolmetschen in einer psychotherapeutischen Situation mit Flüchtlingen hören Sie ja oftmals von Geschehnissen, die auch sehr belasten können. Wie gehen Sie damit um?

Khaled: Man muss lernen, eine Art Vogelperspektive zu entwickeln, um mit den Grenzen der eigenen Rolle flexibel umzugehen – auch für die eigene Psychohygiene. Man hört Dinge, die einem sehr nah gehen und Empathiefähigkeit gehört auf jeden Fall zur Dolmetschertätigkeit. Aber es darf nicht in übermäßiges Mitgefühl übergehen, damit ist niemandem geholfen. Dolmetschen in einer Psychotherapie erfordert eine gewisse Selbstsicherheit und eine Reife in der Tätigkeit. Es ist trotzdem sehr wichtig, Rücksprache mit dem Therapeuten zu halten und auch Pausen einzufordern, wenn es einem zu viel wird. Manchmal ist auch ein Nachgespräch nötig, um das Gehörte aufzuarbeiten.

. . . also eine Art Supervision. Sind die Therapeuten darauf vorbereitet?

Khaled: Die meisten schon. Die wenigsten Psychotherapeuten kommen zwar mit dem Thema Dolmetschen in ihrer Ausbildung in Berührung. Aber wenn beide Seiten sich auf diese Kommunikation zu dritt einlassen und sich ein Vertrauensverhältnis etabliert hat, dann funktioniert das meiner Erfahrung nach sehr gut.

Nichtsdestotrotz könnten Fortbildungen sicher eine noch konstruktivere Zusammenarbeit zwischen Dolmetschern und Therapeuten ermöglichen und auch eine weitere Annäherung. Der Bedarf an einer Kommunikation zu dritt wird ja eher zunehmen.

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie merken, dass religiöse oder kulturelle Hintergründe die Kommunikation erschweren?

Khaled: Wenn ich das Gefühl habe, dass kulturelle Erklärungen oder Ähnliches notwendig sind, dann muss ich als Dolmetscherin abwägen können, ob das so wichtig ist, dass man den Gesprächsfluss dafür unterbricht – gerade im therapeutischen Gespräch ist das eine umso gewichtigere Frage – , oder ob man das später anspricht. Meistens thematisieren die Therapeuten das aber von sich aus entweder in einem Nachgespräch oder auch vorher.

In welchem Verhältnis stehen Dolmetscher zu Sprach- und Integrationsmittlern?

Khaled: Wir stehen nicht in Konkurrenz. Für die Sprachen, die durch Sprach- und Integrationsmittler abgedeckt werden, gibt es meist kaum universitär ausgebildete Dolmetscher. Für Dari und Paschtu zum Beispiel, die in Afghanistan gesprochen werden, oder auch für Persisch. Auch kurdische Dialekte wie Kurmanci oder Sorani sind in unserer Ausbildung nicht vertreten. Für Arabisch gibt es ebenfalls sehr wenige Dolmetscher.

Die Fragen stellte Petra Bühring

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