ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2015Arthur Miller (1915–2005): Enthüllen, was verleugnet wird

KULTUR

Arthur Miller (1915–2005): Enthüllen, was verleugnet wird

Krämer, Sandra

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Er zeigte das Scheitern des American Way of Life – jener Traumwelt, die als Abbild der zeitgenössischen amerikanischen Gesellschaft aufgefasst werden kann, aber die schon lange nicht mehr in der Realität existierte.

Mit kritischem Blick auf die US-amerikanische Gesellschaft: Arthur Miller. Foto: picture alliance
Mit kritischem Blick auf die US-amerikanische Gesellschaft: Arthur Miller. Foto: picture alliance

Die Entlarvung der Scheinwelt des American Way of Life war Programm. Sein erfolgreichstes Drama Death of a Salesman wurde am Broadway rauf und runter gespielt. Mit gerade 33 Jahren erhielt er den Pulitzer-Preis und den Tony Award. Und durch seine Ehe mit dem Hollywoodstar Marylin Monroe geriet er in die Schlagzeilen der Boulevardpresse. Am 17. Oktober dieses Jahres wäre Arthur Miller 100 Jahre alt geworden.

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Die Protagonisten seiner Dramen sind kleinbürgerlicher Herkunft, der Schauplatz ist stets die Familie, die ausgetragenen Konflikte generationenbedingter, geschlechtlicher und existentieller Natur. Mit epischen und expressionistischen Elementen durchbricht der Autor jedoch den vordergründigen Realismus seiner Literatur und stellt so den Zusammenhang zwischen privater und gesellschaftlicher Welt her. Focus (1945), All My Sons (1947), A View from the Bridge (1955), After the Fall (1964), Incident in Vichy (1964) und The Price (1968) sind nur einige Titel seines sozial- und zeitkritischen Gesamtwerkes.

Arthur Millers kritischer Blick auf die Gesellschaft und die Zustände in den USA bestimmt seine gesamte Dramatik und Prosa. Wusste der Autor, nachhaltig geprägt durch die Depressionszeit der 30er Jahre, doch genau, wovon er schrieb. Als Sohn eines erfolgreichen emigrierten jüdischen Textilunternehmers wurde Miller am 17. Oktober 1915 im New Yorker Stadtteil Harlem geboren. Der Bankrott des Familienunternehmens in der Weltwirtschaftskrise zwang die ehemals gutsituierte und nun verarmte Familie zu einem unfreiwilligen Umzug nach Brooklyn. Nach Abschluss der High School schlug Miller sich mit Gelegenheitsjobs durch, bevor er sich 1934 an der University of Michigan immatrikulierte. Bereits während des Studiums begann er, nachhaltig beeinflusst durch die Werke Ibsens, Dostojewskis und Strindbergs, zu schreiben. 1938 schloss er sein Studium der Anglistik ab und kehrte nach New York zurück, wo er Mitglied des Federal Theatre Project wurde. Sein Durchbruch am Broadway 1947 war der Auftakt zu einer erfolgreichen Karriere Millers, der zu Recht als gesellschaftskritischer Autor der modernen Zeit in der Nachfolge Ibsens in die Bühnen- und Filmgeschichte einging.

Flucht in Scheinwelten

„Es ist die Tragödie eines Menschen, der wirklich glaubte, dass nur er allein die Forderungen nicht erfüllte, die die Apostel des freien Wettbewerbs in den Spitzenpositionen der Rundfunkanstalten und Werbeagenturen an die Menschen stellen“, resümierte der Autor selbst über sein wohl bekanntestes Stück. Death of a Salesman (1949) richtet sich gegen die angeblich angenehmen Seiten der modernen kapitalistischen Industriegesellschaft, und entlarvt den viel beschworenen American Way of Life als ein inhumanes Wirtschaftssystem, das den Menschen als Wegwerfware behandelt, sobald er seinem Effizienzdenken nicht mehr gerecht wird. Hauptprotagonist: der 60-jährige Handlungsreisende Willy Loman, der jahrelang für dieselbe Firma schuftet und schließlich von dieser entlassen wird. Ein Mann, der seine ganze Kraft nur aus der Illusion schöpft, ein überall beliebter und erfolgreicher „Mordskerl“ zu sein, und der, um seine Selbstachtung zu wahren, sich nicht eingestehen will, dass er den Traum von Glück und Erfolg, den er von Jugend an bedingungslos akzeptiert hat, nicht hat verwirklichen können. Seiner lebenserhaltenden Lügen beraubt begeht er Selbstmord. „Für mich (A. M.) besteht die Tragödie Willy Lomans darin, dass er sein Leben hergab und sogar verkaufte, um die Verschwendung desselben zu rechtfertigen.“ Lomans Schicksal steht demnach auch stellvertretend für ein Scheitern am American Dream. Jene Traumwelt, die als Abbild der zeitgenössischen amerikanischen Gesellschaft aufgefasst werden kann, aber die schon lange nicht mehr in der Realität existiert, sondern lediglich als Überbleibsel von ersehnten Zuständen aufrechterhalten wird.

Flucht in Depression

„Wir sind alle in der Hoffnung erzogen worden, dass aus uns mal etwas ganz Wunderbares wird . . . wurde es aber nicht.“ Ähnlich die ernüchternde Bilanz der vier Protagonisten aus Der letzte Yankee (1993), die in einer staatlichen psychiatrischen Klinik aufeinandertreffen. Leroy, Nachfahre eines der Gründerväter der Vereinigten Staaten und damit Mitglied einer alteingesessenen, angesehenen Familie, die an den einfachen Werten des traditionellen Amerika festhalten. Ihm gegenüber der erfolgreiche Unternehmer Frick, für den materieller Wohlstand und beruflicher Erfolg das Wichtigste sind. Beide besuchen sie ihre Ehefrauen in der Klinik. Patricia, verständnislos über einen Ehemann, der keinerlei Ehrgeiz entwickelt in der sozialen Hackordnung aufzusteigen, sondern sich mit Heim und Familie begnügt. Konträr die Mitpatientin Karen, kinderlos und vernachlässigt vom Ehepartner, für den nur Gewinn und Karriere zählen. Die beiden Frauen, enttäuscht vom Leben verfallen in Lethargie und Verzweiflung. Der Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik und ein Leben mit Psychopharmaka und Depressionen sind für sie längst zur Routine geworden. „In diesem Land muss ja jeder depressiv werden, der ein bisschen gesunden Menschenverstand hat.“ So die abschließende Botschaft von Millers Kammerspiel, das gesellschaftskritisches Zerrbild und die private Geschichte zweier depressiver Frauen verknüpft. Verkörpern die persönlichen Schicksale seiner Figuren letztlich doch nur die Übel, an denen die ganze Gesellschaft krankt.

Flucht in Wahn

Aber auch aktuelle politische Querelen übersetzte der Dramatiker virtuos in die Bühnensprache. In The Crucible (1953) führt Miller vor, wie eine geschickt inszenierte Massenpsychose eine ganze Stadt und seine Einwohner in den grausamsten Verfolgungswahn hineinzutreiben vermag. Hexenjagd ist Millers schärfste Abrechnung mit der fanatischen Kommunistenhatz der McCarthy Ära und ihres „Komitee gegen unamerikanische Umtriebe“. Es basiert auf einer wahren Begebenheit im Jahre 1692. In dem kleinen Städtchen Salem (heutiger Bundesstaat Massachusetts), deren Bewohner Nachfahren der Pilgrim Fathers und denen Vergnügen jeglicher Art verboten waren, überrascht der Pfarrer einige Mädchen bei einem okkulten Tanzritual im Wald. Nach ihrer Entdeckung „erkranken“ die Mädchen, die um der extremen Strafen wissen, die ihr verbotenes Tun nach sich ziehen würden, schwer. Sie erleiden Ohnmachten oder Anfälle, schreien und krümmen sich am Boden, glauben sich in Tiere verwandelt. Die Hysterie springt über und erfasst weitere Mädchen. Hilflos steht der Dorfarzt dieser „mysteriösen Krankheit“ gegenüber. Da eine medizinische Erklärung ausbleibt, bekommt dieses Mysterium schnell einen Namen: „Hexerei“. Die Mädchen, die ihre Krankheit nur vorgetäuscht haben, erkennen; ein Geständnis der eigenen Besessenheit und Benennung der Teufelsanbeter, die sie zu ihrem verbotenen Tun angestiftet haben, ermöglicht das Entkommen vor Strafe und Tod. Die Dorfbewohner ihrerseits, beständig in Angst vor einer möglichen Bedrohung ihrer religiösen Gemeinschaft durch dunkle Mächte, wiederum sind froh, eine Erklärung für die „mysteriöse Krankheit“ ihrer Kinder gefunden zu haben. Das Gericht wird eröffnet und halb Salem als Hexen denunziert und hingerichtet. Bald ist der Verlauf der Ereignisse unaufhaltsam, da keiner gegen diesen Wahn mehr ankommt. Hexenjagd ist ein Stück über den schlimmsten Ausbruch des Hexenwahns westlich des Atlantiks in der frühen Neuzeit, der das amerikanische Bewusstsein veränderte. Hexenjagd ist aber auch eine eindringliche Studie über die psychologischen Ursachen von Massenhysterie und geschürten gesellschaftlichen Ängsten.

Flucht in Paralyse

„Eines Tages sah ich das Bild dieser Frau vor mir: sie sitzt da, unfähig sich zu bewegen, und niemand weiß warum. Und es schien mir ein genaues Bild für die Lähmung, die wir alle damals angesichts Hitlers zeigten (. . .)“. Auch in seinem letzten Drama Broken Glass (1994) entlehnt Miller symbolträchtige Bilder der Medizin. Brooklyn 1938: Der Arzt Dr. Hyman soll die Ursache für die plötzliche Beinparalyse der amerikanischen Jüdin Sylvia Gellburg ergründen. Er erkennt schnell, die Krankheit ist nicht organisch disponiert, sondern eine Folge der Nachrichten aus Deutschland: die Schrecken der Reichskristallnacht. Millers Sinnbild für die lähmenden Grausamkeiten des Holocaust ist medizinhistorisch belegt. Muss der Autor doch später „erfahren, dass es zu dieser Zeit eine Menge – nicht nur jüdische – Frauen gab mit hysterischer Paralyse“. Ein medizinisches Erscheinungsbild, das für Miller jedoch nicht nur das eigene und das Empfinden der Juden in den USA kurz vor dem Zweiten Weltkrieg thematisiert, sondern auch die gesellschaftliche Lähmung, „(. . .) die wir jetzt zeigen angesichts der ganzen ethnischen Problematik“.

Von ihrer analytischen Schärfe und beklemmenden Aktualität haben die Werke des 2005 verstorbenen Arthur Millers auch bis heute nichts eingebüßt.

Sandra Krämer

Sandra.Kraemer@studium.uni-hamburg.de

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