MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Postoperative Erholung: Musik hilft, Ängste und Schmerzen zu reduzieren

Dtsch Arztebl 2015; 112(47): A-1995 / B-1647 / C-1598

Siegmund-Schultze, Nicola

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Seit längerem ist bekannt, dass Musik den systolischen Blutdruck und die Herzfrequenz senken und schmerzstillend wirken kann. Um analgetische Effekte zu erzielen, wird Musik vereinzelt angewandt, auch in Deutschland, aber in chirurgischen Abteilungen ist Musik zur Verbesserung des Wohlbefindens nach operativen Eingriffen nicht verbreitet. Nun haben britische Forscher in einer systematischen Suche nach randomisierten kontrollierten Studien (RCT) in den großen medizinischen Datenbanken Medline, Embase, Cinahl und Cochrane Central 72 Studien mit insgesamt 6 902 erwachsenen Teilnehmern in eine quantitative Metaanalyse einbezogen. Es sei die bislang umfangreichste Auswertung von Untersuchungen zur perioperativen Anwendung von Musik, so die Autoren. Eingeschlossen waren Studien, bei denen Musik prä-, intra- oder postoperativ angewandt wurde und in denen es mindestens eine Kontrollgruppe mit postoperativer Standardtherapie oder Kopfhörern ohne Musik- oder mit Geräuscheinspielung oder andere Formen der Nachsorge ohne Musik gab. Berücksichtigt wurden Endpunkte wie postoperativer Schmerz, Analgetikaverbrauch, Angst und Dauer des stationären Aufenthalts, jeweils bis 6 Wochen postoperativ. Subgruppenanalysen bezogen sich auf Schmerzen vor der OP und solche bis zu 4 Stunden danach, Zeitpunkt und Dauer der Musikanwendung über Lautsprecher, Kopfhörer oder Musikkopfkissen und die Frage, ob Patienten die Musik selbst gewählt hatten oder nicht. Diese Anwendung sei nicht zu verwechseln mit Musiktherapie in der Rehabilitation, so die Forscher. Bei differierenden Bewertungsskalen wurde die Effektstärke von Musik als standardisierte mittlere Differenz (SMD) angegeben. Musik reduzierte postoperativen Schmerz (45 RCTs; SMD: –0,77 [95-%-Konfidenzintervall [[95-%-KI]]: –0,99 bis –0,56), Angstgefühl (43 RCTs; SMD: –0,68 [95-%-KI: –0,95 bis –0,41]), Analgetikaverbrauch (34 RCTs; SMD: –0,37 [95-%-KI: –0,54 bis –0,20]) und verbesserte das Wohlbefinden (16 RCTs; +1,09 [95-%-KI: +0,51 bis +1,68]) aber beeinflusste nicht die Dauer des Klinikaufenthaltes. Bei den Zeitpunkten des Musikhörens gab es folgende Rangfolge der Effektstärke: Am größten war sie bei Musikhören vor der OP (SMD: –1,28), gefolgt von der intraoperativen Musikeinspielung (SMD: –0,89) und Musik postoperativ (SMD: –0,71). Musik hatte also selbst in Vollnarkose einen Effekt, möglicherweise weil Teile des Hörsystems perzeptionsfähig bleiben, so die Autoren.

Fazit: Bei einem stationären Aufenthalt kann Musik chirurgischen Patienten angeboten werden, um Schmerzen und Ängste in der postoperativen Phase zu reduzieren. Im Begleitkommentar zur Studie heißt es, die Datenqualität sei nun gut genug, um Musik auf chirurgischen Stationen zu etablieren. Form und Zeitpunkt sollte den Bedürfnissen des Patienten und des ärztlichen und pflegerischen Personals angepasst sein. Die Kommunikation des Personals miteinander und mit Patienten müsse unbeeinträchtigt bleiben. Dem Patienten könne angeboten werden, Musik mitzubringen oder aus Standardlisten auszuwählen.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

1. Hole J, Hirsch M, Ball E, Meads C: Music as an aid for postoperative recovery in adults: a systematic review and meta-analysis. Lancet 2015; 386: 1659–71.

2. Glasziou P: Music in hospital. Lancet 2015; 386: 1609–10.

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