ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2015Methamphetaminabhängigkeit: Heterogene Konsumentengruppen

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Methamphetaminabhängigkeit: Heterogene Konsumentengruppen

Bühring, Petra

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Die Behandlungszahlen von Crystal-Meth-Abhängigen steigen. Die Bundesdrogenbeauftragte widmete dem Thema ihre Jahrestagung. Bundes­ärzte­kammer und das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin erarbeiten einen Behandlungsleitfaden.

Trotz aller Maßnahmen ist Crystal Meth in Deutschland weiter auf dem Vormarsch, ganz besonders in den Grenzregionen zu Tschechien, aber auch zunehmend in Großstädten. Auch die Behandlungszahlen in der Notfallmedizin, der Psychiatrie und der Suchtberatung steigen rasant.“ Grund genug für die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler dieses Thema für ihre Jahrestagung zu wählen, die am 6. November in Berlin stattfand.

„Die Zahl der Sicherstellungsfälle von Crystal Meth ist zwischen 2008 und 2014 von 400 000 Fällen auf vier Millionen gestiegen“, berichtete Peter Henzel, Vizepräsident des Bundeskriminalamtes (BKA). Die Zahl der Erstkonsumenten sei besonders zwischen 2013 und 2014 vor allem in Sachsen stark angestiegen. Die Droge werde größtenteils in Tschechien produziert und dort auf grenznahen „Asia-Märkten“ verkauft. Auch Polen und die Niederlande gelten als Lieferanten. Gehandelt werde Crystal Meth zudem über das Internet in sogenannten B2B-Onlineshops. „Auch der Handel in Webshops und Plattformen im ‚Dark-net‘ ist für die Polizei schwer zugänglich“, betonte Henzel.

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Klassische Suchthilfe erreicht wenige Crystal-Konsumenten

„Es gibt bisher sehr wenig wissenschaftliche Daten aus Deutschland“, berichtete Prof. Dr. med. Norbert Wodarz, Zentrum für Suchtmedizin der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Bezirksklinikum Regensburg. „Wir wissen aber, dass die klassische Suchthilfe nur wenige Crystal-Konsumenten erreicht, auch weil die Konsumentengruppen sehr heterogen sind“. Die größte Gruppe sind nach Wordarz sehr junge Polytoxikomane. Die Grenze zur Gruppe der Partykonsumenten, die ebenso wenig homogen ist, verläuft fließend. Betroffen sind auch alleinerziehende Frauen und Schwangere; diese seien überproportional häufig traumatisiert. Konsumiert wird die Droge außerdem von „Männern, die Sex mit Männern haben“, häufig verbunden mit riskantem Sexualverhalten. Auch zur vermeintlichen Leistungssteigerung in Studium und Beruf wird die Droge konsumiert. „In Suchthilfe und Entwöhnung brauchen wir für all diese Gruppen spezialisierte Angebote“, forderte der Suchtmediziner.

„Crystal-Konsumenten haben ein sehr hohes Risiko für Psychosen, besonders wenn sie die Droge in Kombination mit Alkohol konsumieren“, erklärte Wodarz. Aggressive Durchbrüche, Gewalttätigkeit und sehr riskantes Verhalten seien ebenfalls typische Erscheinungen. „Sie wollen sich im Notfall meist nicht helfen lassen und werden deshalb häufig in Polizeibegleitung in die Notaufnahmen gebracht.“

Die Methamphetaminabhängigkeit ist gut behandelbar, so die einheitliche Meinung der Experten der Arbeitsgruppe, die sich bei der Tagung mit der ambulanten Behandlung beschäftigt hat. Es gebe wirksame psychotherapeutische Ansätze. Die unterschiedlichen Konsumenten brauchten jedoch individuelle Angebote je nach ihrer Lebenswelt. Entscheidend verbessert werden müssten die Erreichbarkeit und die Haltequote. Ebenso optimiert werden sollten die Schnittstellen zwischen Prävention, ambulanter Behandlung und stationärer Reha.

Es gibt auch gute Angebote der stationären Entwöhnungsbehandlung für Erwachsene, so die Experten der entsprechenden Arbeitsgruppe. Allerdings müssten die Abhängigen besser und früher erreicht werden. Für Kinder und Jugendliche fehlten entsprechende Angebote. Die Behandlung müsse mögliche neurokognitiven Einschränkungen und auch die Auswirkungen auf die Sexualität thematisieren, um erfolgreich zu sein.

Petra Bühring

leitfaden bei Crystal-Meth-Abhängigkeit

Eine gemeinsame Arbeitsgruppe von Bundes­ärzte­kammer und dem Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) erarbeitet seit Mai Empfehlungen für die medizinische und psychosoziale Behandlung der Methaphetaminabhängigkeit. Erste Ergebnisse dieses Leitfadens, der auf wissenschaftlicher Evidenz beruht, stellte Prof. Dr. med. Ephrosyne Gouzoulis-Mayfrank, Köln, bei der Jahrestagung der Bundesdrogenbeauftragten vor. Zur Diagnostik: „Informationen zur Risikoabschätzung des Konsums sollen auch von Hausärzten und Durchgangsärzten erhoben werden, die dann bei den Konsumenten die Bereitschaft wecken sollen, sich in suchtspezifischen Einrichtungen vorzustellen.“ Die Akuttherapie soll in einer ruhigen reizabschirmenden Umgebung mit personeller Begleitung stattfinden. Zwei bis vier Wochen werden für die stationäre Behandlung empfohlen. „Hochpotente Antipsychotika sollten nicht zur Behandlung eingesetzt werden, es sei denn, es liegt auch eine andere Symptomatik vor“, so Gouzoulis-Mayfrank. Auch Ärzte in Gynäkologie und Geburtshilfe müssten für die Problematik des Konsums von Schwangeren fortgebildet werden. Bei Patienten, die ihren Konsum nicht reduzieren wollen, sollten Ärzte zumindest „safer-use“-Maßnahmen empfehlen. Der vollständige Behandlungsleitfaden wird voraussichtlich im April 2016 erscheinen.

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