ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2015Interview mit Prof. Dr. med. Michael Seidel, ehemaliger Ärztlicher Direktor der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel: „Intensiver Austausch im Team“

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Interview mit Prof. Dr. med. Michael Seidel, ehemaliger Ärztlicher Direktor der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel: „Intensiver Austausch im Team“

Dtsch Arztebl 2015; 112(47): A-1986 / B-1640 / C-1591

Klinkhammer, Gisela

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Der Bielefelder Psychiater erläutert unter anderem, wie Medizinische Zentren für Erwachsene mit geistiger Behinderung arbeiten und welche Zielgruppen mit ihnen erreicht werden sollen.

Herr Prof. Seidel, was ist das Besondere an Medizinischen Zentren für Erwachsene mit geistiger und schwerer Mehrfachbehinderung, kurz MZEB?

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Michael Seidel war bis vor kurzem Ärztlicher Direktor im Stiftungsbereich Bethel. regional der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Seit Jahren setzt er sich für die Belange von Erwachsenen mit Behinderung ein. Seit fast 20 Jahren arbeitet er für die Etablierung der MZEB. Foto: Oliver Krato/picture alliance
Michael Seidel war bis vor kurzem Ärztlicher Direktor im Stiftungsbereich Bethel. regional der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Seit Jahren setzt er sich für die Belange von Erwachsenen mit Behinderung ein. Seit fast 20 Jahren arbeitet er für die Etablierung der MZEB. Foto: Oliver Krato/picture alliance

Seidel: Das Besondere an diesen Zentren ist, dass sie eine multiprofessionelle und interdisziplinäre ambulante Arbeit ermöglichen. Es findet dort ein intensiver Austausch im Team statt, der in koordiniertes Handeln mündet. Das kann dann auch dazu führen, dass diese Zentren als Kompetenzzentren für das Regelversorgungssystem wirksam werden.

Kann denn mit Hilfe dieser Zentren die von Ihnen schon seit langem beklagte Versorgungslücke geschlossen werden?

Seidel: Wir hoffen, dass die MZEB in der Lage sein werden, das Regelleistungssystem zu unterstützen. Was immer im Versorgungssystem verantwortungsvoll und sachgerecht zu erledigen ist, soll dort stattfinden. Wir werden es selbstverständlich nicht schaffen, dass hinter jeder Straßenecke ein MZEB steht. Und deswegen liegt es auf der Hand, dass nur spezielle Fragestellungen in einem solchen Zentrum bearbeitet werden.

Was sind die Zielgruppen für diese Zentren?

Seidel: Wir haben zwei Zielgruppen. Zum einen die Menschen, die von Kindheit an behindert sind und die möglicherweise ein Sozialpädiatrisches Zentrum besucht haben, dort aber altersbezogen an der Zuständigkeitsgrenze angekommen waren. Zum zweiten die Gruppe der Menschen, die erst im Erwachsenenalter aufgrund eines erworbenen Hirnschadens die Merkmale einer komplexen Behinderung erfüllt.

Sind die Anforderungen an die Behandlung von Erwachsenen mit Behinderung anderes als bei Kindern?

Seidel: Das lebensweltliche Setting ist natürlich ein anderes. Die Menschen kommen nicht mit ihrer Herkunftsfamilie im Hintergrund in die Behandlung, sondern leben entweder mit fachlicher Unterstützung allein in Wohnungen, oder sie leben sogar wegen der Komplexität der Behinderung in stationären Angeboten der Behindertenhilfe.

Muss denn Ihrer Ansicht nach die Qualifikation der Ärzte, die Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung behandeln, verbessert werden?

Seidel: Es gibt heute schon Ärztinnen und Ärzte, die diese Zielgruppe aufmerksam und kompetent behandeln. Wir haben aber ein Problem. Wenn sich Kolleginnen und Kollegen durch einen großen Einsatz für Menschen mit Behinderungen hervortun, dann geraten sie in Gefahr, dass sie gern in Anspruch genommen werden. Das wiederum führt dazu, dass sie damit betriebswirtschaftliche Risiken hinnehmen müssen. Der Mehraufwand, der in der Regel gegeben ist, wird nämlich nicht adäquat vergütet.

Könnten Sie noch einmal kurz die Rahmenkonzeption erläutern, die im Dezember beschlossen wird?

Seidel: Seit den 1990er Jahren drängen die Fachverbände für Menschen mit Behinderung darauf, dass die gesundheitliche Versorgung von Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung deutlich verbessert wird. Die deutsche Ärzteschaft hat sich diesen Forderungen angeschlossen. Nachdem die MZEB jetzt vom Gesetzgeber endlich ermöglicht wurden, haben wir eine Rahmenkonzeption erarbeitet, die unter anderem Trägern, die ein solches Zentrum gründen wollen, Orientierung geben sollen. Am 14. Dezember soll eine Bundesarbeitsgemeinschaft gegründet werden.

Die Fragen stellte Gisela Klinkhammer

@Die Rahmenkonzeption MZEB unter: www.aerzteblatt.de/151986

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