ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2015Indien: Land der Gegensätze

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Indien: Land der Gegensätze

Dtsch Arztebl 2015; 112(47): A-1990 / B-1642 / C-1594

Vesper, Johannes

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Die indische Wirtschaft boomt, doch die breite Bevölkerung profitiert davon kaum. Die wenigsten können sich eine medizinische Versorgung leisten. Seit 30 Jahren versorgen die German Doctors in den Slums von Kalkutta die Ärmsten.

Reich und arm: 75 Prozent der Haushalte in Indien verdienen weniger als 70 Euro im Monat. Fotos: laif; Johannes Vesper
Reich und arm: 75 Prozent der Haushalte in Indien verdienen weniger als 70 Euro im Monat. Fotos: laif; Johannes Vesper

Zu Besuch in Neu Dehli, unterwegs zwischen dem Regierungsviertel, dem Humayun-Mausoleum und dem prächtigen Lodi-Park passiert das Taxi endlose, schattige, breite Alleen. Hinter weißen, mit Stacheldraht oder spitzen Zäunen gekrönten Mauern kann man die Villen und teuren Wohnanlagen nur erahnen. Die indische Wirtschaft boomt, und das riesige Land ist, gemessen am Wirtschaftswachstum, auf die vorderen Plätze der erfolgreichsten Volkswirtschaften der Welt gerückt. Aber es gibt kaum ein anderes Land, in welchem die breite Bevölkerung so wenig von dieser an sich ja günstigen Entwicklung profitiert.

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Dieses indische Paradoxon wird von aktuellen Statistiken belegt. Danach verdienen 75 Prozent der Haushalte weniger als 5 000 Rupien im Monat, was umgerechnet etwa 70 Euro entspricht. Die Armutsgrenze liegt bei 35 Rupien, rund 50 Cent, pro Tag und Person in der Stadt und bei 26 Rupien auf dem Land. 36 Prozent der Inder sind Analphabeten und nur drei Prozent verfügen über einen universitären Bildungsabschluss („Graduate“). 55 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zu einer Toilette.

Versorgt wird, wer zahlen kann

Und im Gesundheitswesen? Der Impfschutz indischer Kinder ist einer der niedrigsten weltweit, die Zahl der untergewichtigen Kinder dagegen weltweit eine der höchsten. Die durchschnittliche Lebenserwartung der indischen Bevölkerung ist mit 66 Jahren niedriger als im Nachbarland Bangladesch (70 Jahre), obwohl in Indien das Bruttoinlandsprodukt doppelt so hoch ist.

Bei der medizinischen Versorgung der Bevölkerung hat Indien auf ein Privatversicherungssystem gesetzt. Seit 2008 werden nach dem Rahtriya Swasthia Bhima Yojana (RSBY) Familien unterhalb der Armutsgrenze vom Staat privat versichert und können dann Leistungen in einer Höhe von bis zu 370 Euro pro Jahr in akkreditierten Kliniken und Gesundheitszentren in Anspruch nehmen. Dabei versucht die Politik durchaus, die Preise für Arzneimittel erschwinglich zu halten. So erlaubt es zum Beispiel das indische Patentrecht, Generika schneller auf den Markt zu bringen.

Medizinische Kompetenz und medizintechnische Ausstattung stehen demjenigen, der bezahlen kann, im Übermaß zur Verfügung. Auf großen Leuchtreklamen liest man in Kalkutta, in welchem privaten Krankenhaus man bei Schlaganfall, Herzinfarkt oder zur Krebsvorsorge am besten aufgehoben ist. Auf einem der zahlreichen Plakate wird für ein Spiral-CT des Abdomens geworben. Der Preis: 1 600 Rupien, rund 24 Euro. Der größte Teil der Bevölkerung kann sich eine ausreichende medizinische Versorgung aber nicht leisten. Das ist der Grund, warum die Hilfsorganisation German Doctors seit 30 Jahren in den Slums von Kalkutta die Ärmsten medizinisch versorgt.

Die Ambulanz Tikiapara liegt zwischen Bahndamm und einer stark befahrenen Straße beziehungsweise zwischen Schlammwäschereien und einer Obdachlosensiedlung. An diesem Tag warten bei unserer Ankunft etwa 150 Patienten vor der Ambulanzhütte, als plötzlich ein Monsunstarkregen losbricht. Schirme helfen kaum, aufgeregt drängen sich die Menschen unter dem Plastikvordach.

Wir können die mitgebrachten Tische und Kisten mit Impfstoffen und Medikamenten zunächst nicht ausladen. Das Regenwasser läuft durch das kleine Untersuchungszimmer und weicht den gestampften Boden auf. Krankenpfleger Vincent bringt einige Ziegelsteine, damit Ärzte und Übersetzer die Füße im Trockenen abstellen können. Schlag auf Schlag werden die Patienten zur Untersuchung hereingeholt. Einer der ersten scheint ein Alkoholdelir zu entwickeln, krampft kurz und wird mit unserem Ambulanzwagen in ein staatliches Krankenhaus gebracht. Dort bezahlt der Staat für die Unterkunft und die ärztliche Betreuung, die Kosten für Zusatzuntersuchungen wie zum Beispiel Labor, EKG oder Röntgen übernehmen die German Doctors.

Die Eisenbahn pfeift und knirscht, auf der Straße lärmen die Signalhörner der Lastwagen im Dauereinsatz, und die Patienten vor unserer Hütte streiten sich lautstark um ihre Reihenfolge in der Warteschlange. Bei dem kleinen Mädchen mit Schüttelfrost und Fieber ohne weitere Symptomatik kann im Schnelltest eine Malaria vivax diagnostiziert werden. Verletzungswunden werden versorgt. Ein Zehnjähriger ist bei der Arbeit mit seiner gesamten linken Hand in eine Maschine zum Heißprägen von Plastik geraten. Nach vier Wochen täglichem Verbandswechsel scheint die Wunde jetzt tatsächlich abzuheilen. Bei jedem länger als zwei Wochen andauernden Husten schließen wir eine Tuberkulose aus.

Ein Tuberkulosepatient wartet vor der Ambulanz in Tikiapara. In der Einkaufstüte eines Modelabels bewahrt er seine medizinischen Befunde auf.
Ein Tuberkulosepatient wartet vor der Ambulanz in Tikiapara. In der Einkaufstüte eines Modelabels bewahrt er seine medizinischen Befunde auf.

Geld ist genug im Land

Andere Ambulanzen der German Doctors liegen in freundlicherer Umgebung. Nach Chengai, auf der anderen Seite des Hooghly River, fahren wir mit dem Zug und nehmen alle Utensilien mit. Bei unserer Ankunft dort laufen wir wie alle anderen quer über die Gleise und erreichen die Ambulanz neben dem Bahnhof in wenigen Schritten.

Ein Ambulanzfahrzeug mit Martinshorn fährt vor. Drei Männer bringen auf einer Trage eine 50-Jährige in das blau gekälkte, luftige Untersuchungszimmer. Die Patientin hatte zwei Wochen zuvor einen Schlaganfall erlitten mit Hemiplegie rechts, und war bereits aus dem Krankenhaus entlassen worden. Die Angehörigen hofften, dass ein Konzept für die weitere Therapie erstellt werden könnte. Wir folgen erst einmal der Empfehlung des Krankenhauses und schicken sie zum Neurologischen Zentrum nach Kalkutta. Ob eine Reha möglich ist, wird sich nach dem Besuch dort ergeben. Eine Pflege zu Hause müssten die Angehörigen übernehmen.

Die chronisch kranken Patienten, die überwiegend an Hypertonie, Diabetes oder auch an Epilepsie leiden, erhalten ihre Medikation jeweils für vier Wochen. Danach wird geklärt, ob sie so fortgesetzt oder geändert werden muss. German Doctors zahlt maximal für vier Medikamente, ab dem 5. Medikament muss der Patient selbst bezahlen. An diesem Tag kommen etliche junge Frauen mit Nackenschmerzen und Schwindel in die Sprechstunde. Und gelegentlich kommt die psychosomatische Ursache für die Rückenschmerzen heraus: sechs kleine Kinder, der Ehemann vor vier Wochen verstorben.

Ist Indien mit dem Projekt der German Doctors (Slogan: „Hilfe, die bleibt“) zu helfen? Der Arzt hilft zunächst einmal seinem individuellen Patienten, nicht Indien und nicht dem dortigen Gesundheitswesen. Nachhaltigkeit sieht anders aus. Aber in Gesprächen, bei Untersuchungen und durch die Dankbarkeit der Patienten bestätigt sich, „dass es über die Völkergrenzen und Erdteile hinweg nur eine Menschheit gibt“ (Hermann Hesse).

Armut ist den Vereinten Nationen zufolge eine der Hauptursachen für Flucht und Vertreibung. Und in Indien, wie in der Welt, scheint Armut vor allem Folge der ungehemmten Aktivität weltweit agierender Finanzkasten zu sein, die nicht mit Gebeten an die hinduistische Göttin des Reichtums Lakshmi, sondern durch Korruption, Gewalt und Ausbeutung Gewinne zum eigenen Vorteil maximieren. Mit Wirtschaftswachstum, Marktmanie und Rezepten einer Mainstreamökonomie ist Indien jedenfalls nicht zu helfen. Geld ist genug im Land. Eine Änderung der gesellschaftlichen Kultur und des politischen Willens müsste her. Nicht nur in Indien.

Dr. med. Johannes Vesper

Johannes Vesper hat seinen Einsatz mit den German Doctors ausführlich in fünf E-Postkarten aus Indien unter www.musenblaetter.de geschildert.

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