ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2015Flüchtlingskrise: Bewährungsprobe

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Flüchtlingskrise: Bewährungsprobe

Dtsch Arztebl 2015; 112(47): A-1959 / B-1619 / C-1571

Korzilius, Heike

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Heike Korzilius, Politische Redaktion
Heike Korzilius, Politische Redaktion

Europa ist erschüttert. Bei einer Serie von Anschlägen in Paris starben am vergangenen Freitagabend mindestens 132 Menschen. Inzwischen steht fest, dass hinter den Taten Terroristen des Islamischen Staats steckten. Vermutlich gelangten zwei der Täter als Flüchtlinge getarnt über die sogenannte Balkanroute nach Europa. Umgehend mahnte deshalb der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD), man dürfe die Anschläge von Paris nicht mit der aktuellen Flüchtlingsdiskussion vermischen. Die meisten Flüchtlinge seien nämlich genau vor dieser Art von Terror nach Europa geflohen.

Selbstverständlich sind nicht alle Flüchtlinge oder Muslime Terroristen, genauso wenig wie alle Deutschen Nazis sind. Doch in Europa bereitet zurzeit eine Mischung aus Verunsicherung angesichts der schieren Zahl der Schutzsuchenden und der Angst vor weiteren Terroranschlägen den Boden für fremdenfeindliche Parolen und Vorurteile. Und während Pegida in deutschen Städten marschiert, lässt auch ein Markus Söder (CSU) es sich nicht nehmen, die Anschläge in Paris für die eigenen politischen Zwecke zu instrumentalisieren. „ParisAttacks ändert alles. Wir dürfen keine illegale und unkontrollierte Zuwanderung zulassen“, twitterte der bayerische Finanzminister am Tag nach den Attentaten. Er zielte damit nicht nur auf das Wählerpotenzial am rechten Rand, sondern auch auf die in seinen Augen allzu liberale Flüchtlingspolitik der eigenen Regierungskoalition in Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gerät wegen ihrer „Willkommenskultur“ immer stärker unter Druck. Das führt dazu, dass ein klarer Kurs kaum noch zu erkennen ist.

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Woran es in der Flüchtlingspolitik aber von Anfang an krankte: es gab und gibt kein echtes Konzept zur Versorgung und Betreuung der Hunderttausenden, die in Deutschland Schutz suchen. Vieles funktioniert nur, weil zahllose ehrenamtliche Helfer, oft organisiert über die sozialen Netzwerke, vor Ort anpacken. Ärztinnen und Ärzte aus Praxen und Krankenhäusern, Medizinstudierende, sogar Ärzte im Ruhestand unterstützen die klassischen Hilfswerke wie Rotes Kreuz, Caritas oder Diakonie bei der medizinischen Versorgung der Flüchtlinge. Sie setzen sich ein nach Dienstschluss, am Wochenende und im Urlaub, damit all denen geholfen werden kann, die Hilfe benötigen. Organisationen wie die Bundes­ärzte­kammer werben für die Gesundheitskarte für Flüchtlinge, damit diejenigen, die krank sind, ungehinderten Zugang zur Gesundheitsversorgung erhalten.

Diese Kultur der Hilfe und des ehrenamtlichen Engagements ist wichtig für jede Gesellschaft. Bedenklich wird es, wenn sie in der Krise unentbehrlich wird, weil Länder, Städte und Gemeinden überfordert sind. Ehrenamtliche Helfer brauchen verbindliche und professionelle Strukturen, damit sie nicht überfordert werden und Hilfe verlässlich und langfristig organisiert werden kann. Dazu gehört beispielsweise, dass jemand im Hintergrund für die Sprechstunde in der Flüchtlingsunterkunft Dienstpläne schreibt, Vertretungen und Material organisiert und Verwaltungsabläufe koordiniert. Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung schrieb dazu am 13. November: „Die Zivilgesellschaft in Deutschland agiert in der Flüchtlingskrise weit couragierter als die deutsche Bundesregierung. Aber auch das beste zivilgesellschaftliche Netzwerk ersetzt nicht gute Staatsverwaltung und gescheite Leitlinien.“

Heike Korzilius
Politische Redaktion

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 1. Dezember 2015, 00:16

Danke an EEBO für die Unterstützung!

Auch ich halte den SEITE EINS-Kommentar von Heike Korzilius für politisch klug, weitsichtig und ausgewogen. Das Bild vom trauernden Eiffelturm [© jean jullien@jean_jullien] kann man hier leider nicht wiedergeben. Politisch formulierte Einschätzungen müssen einfach sein. Selbst die Pharmafirmen haben politische und gesundheits- bzw. krankheitspolitische Stabsabteilungen.

Wesentlich für die europäische Flüchtlingskrise und die Migrationsbewegungen als Flucht vor Krieg, Terror, Unterdrückung und Not weltweit ist die Tatsache, dass echte Demokratien offene, transparente Gesellschaften sein müssen.

So wie in unseren Kliniken und Praxen jederzeit die Türen offen stehen, um Rat-suchende Patienten einzulassen und medizinisch zu versorgen, müssen auch die Grenzen des Schengen-Raums geöffnet bleiben. Diese Durchlässigkeit beinhaltet auch immer ein gewisses Risiko, das es abzuschätzen und zu begrenzen gilt.

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen, mich eingeschlossen, versuchen trotz voller Praxis zusätzlich Migranten aufzunehmen,um die Flüchtlingsversorgung sicherzustellen. Dazu braucht es dringender denn je politische Statements der "politischen Redaktion" des Deutschen Ärzteblatts.

Wenn sich jemand allerdings aufregt, dass "die Ärzteschaft weiterhin horrende [Ärztekammer-] Jahresbeiträge zahlt, um Artikel wie diese zu finanzieren" geht der Schuss nach hinten los: Die Staffelungen der Landes-ÄK beweisen, wer horrende Beiträge zahlen muss, hat auch horrende Einkünfte aus ärztlicher Tätigkeit. Fürchtet da jemand um seine Privilegien?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Garmisch-Partenkirchen)
Avatar #612077
EEBO
am Montag, 30. November 2015, 20:37

@gibi1

Selten drücke ich den Button, bei Ihrem Kommentar ganz gewiß nicht, denn ich sehe hier weder unerlaubte Werbung, noch rassistische oder beleidigende Inhalte.
Der Kleinkindvergleich fällt gewiß auf seinen Urheber zurück.
Mir ging es vor allem darum, festzuhalten, daß Ihre Aussage nicht stimmt. Im übrigen ist das vor kurzem auch schon mal in einem Kommentar von der Redaktion geradegerückt worden. Darum ging's, und nicht darum, Ihre Meinung hier aus dem Forum herauszuschmeißen.
Die Inkonsequenz, sich einerseits aufzuregen, andererseits das Forum trotzdem zu nutzen, zeugt evtl. von Langeweile oder dem Schrei nach Beachtung.
Aus Ihren bisherigen Kommentaren konnte ich besonders eines lesen: Abgrundtiefe Verbitterung - daher meine Einschätzung. Weiter werde ich mich dazu nicht äußern, es lohnt nicht. Außerdem: Sie kommentieren sich so wunderbar selbst...
Avatar #663235
gibi1
am Sonntag, 29. November 2015, 19:45

@EBOO

Auweia, allerunterste Schublade, Ihr Kommentar.
Ja, ja , die Anonymität der Foren. Da kann mal richtig schön rumpöbeln, gelle ?
Allerdings schafft Ihr post Klarheit. Sie outen sich (wahrsch. unbeabsichtigt) als das, was Sie sind: ein/e Denunziant/in.
Ein Ihnen nicht genehmer Kommentar reicht, und Sie rennen wie ein beleidigtes Kleinkind zu Papi und Mami von der Redaktionsleitung, um zu petzen. Wie armselig.
Haben Sie auch eine eigene Meinung, die Sie artikulieren können ? Oder können Sie hier nur unflätige Beleidigungen absondern ?
Ich werde meinen account nicht schliessen und weiterhin meine Meinung äussern. Ob es Ihnen oder Redaktionsmitgliedern passt, ist mit gerade mal egal.
Avatar #612077
EEBO
am Samstag, 28. November 2015, 11:07

Tach noch einmal, Redaktion...

Auch wenn es vergebene Liebesmüh sein mag, und eine Klarstellung vor kurzem in einem anderen Kommentar schon geschehen ist: Sie sollten sich doch gegen User wie Gibi1, diesen Misanthropen, in dessen Hausarztpraxis mich keine ganze Kavalleriebrigade hinbringen könnte, zur Wehr setzen -

Noch einmal für alle Gibis dieser Onlinewelt, die es nicht besser kapieren können:
Das Deutsche Ärzteblatt finanziert sich nicht, wie oftmals fälschlich angenommen, durch die Kammerbeiträge der Ärzte, sondern über die Einnahmen durch Anzeigen.

Wenn Gibi1 das DÄB nicht mehr haben mag, dann soll er seinen Account im Forum schließen, und er möge dem Dt. Ärzte-Verlag schreiben, daß die Printausgabe ihm nicht mehr zugestellt werden soll.

Was den Kommentar von Frau Korzilius angeht: Selbstverständlich soll, nein, es muß das DÄB eine Stellung zu zeitpolitisch wichtigen Themen beziehen. Alleine schon die Vorstellung, im Gesundheitswesen, aber auch sonst, "streng unpolitisch" daherzukommen, ist lächerlich.
Avatar #663235
gibi1
am Dienstag, 24. November 2015, 22:22

DÄB- Propaganda

Der ein oder andere Leser dürfte sich fragen, warum die Ärzteschaft weiterhin horrende Jahresbeiträge zahlt, um Artikel wie diese zu finanzieren.
Ich bin nicht mehr bereit, einseitige politische Statements der "politischen Redaktion" zu finanzieren.
Die DÄB-Redaktion muss sich darauf beschränken, der Ärzteschaft berufsbezogene und wissenschaftliche Informationen zu vermitteln.
Einfältige Leitartikel wie dieser werden dem komplexen Thema Massenmigration nicht gerecht.


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