ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2015Anästhesie: Für eine sichere Narkose im Notfall

MEDIZINREPORT

Anästhesie: Für eine sichere Narkose im Notfall

Bernhard, Michael; Böttiger, Bernd W.; Hossfeld, Björn

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Handlungsempfehlungen für Notfallmediziner und rettungsdienstliches Fachpersonal zur prähospitalen Notfallnarkose beim Erwachsenen.

Foto: traumateam e.V.
Foto: traumateam e.V.

Atemwegssicherung, Beatmung und Narkose sind zentrale therapeutische Maßnahmen in der Notfallmedizin. Jeder Notarzt muss – unabhängig von der Fachrichtung – die Fertigkeit besitzen, selbstständig eine Notfallnarkose bei verschiedenen Verletzungsmustern, Krankheitsbildern und Risiken unter den prähospital erschwerten Umständen sicher und auf allgemein akzeptiertem professionellen Niveau durchzuführen. Ergänzend muss das rettungsdienstliche Fachpersonal in der Lage sein, bei einer Notfallnarkose sicher zu assistieren. Unter diesem Aspekt erscheint vor allem für nichtanästhesiologische Kollegen und Assistenzpersonal eine Empfehlung hilfreich, die eine sichere Vorgehensweise unter den komplexen Bedingungen im Notarztdienst beschreibt und geeignete Narkosemedikamente unter Berücksichtigung verschiedener Patientenkollektive vorschlägt.

Vor diesem Hintergrund hat der Arbeitskreis Notfallmedizin der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) eine Handlungsempfehlung zur prähospitalen Notfallnarkose beim Erwachsenen entwickelt. Mit Zustimmung des Präsidiums der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) konnten die Inhalte dieser Handlungsempfehlung als S1-Leitlinie „Prähospitale Notfallnarkose beim Erwachsenen“ formuliert werden.

Primäre und sekundäre Ziele

Die primären Ziele der Notfallnarkose sind Hypnose, Analgesie, Schaffung einer Möglichkeit zu Oxygenierung und Ventilation durch Toleranz der Atemwegssicherung (Kasten). Sekundäre Ziele der Notfallnarkose sind Amnesie, Anxiolyse, Reduktion von Sauerstoffverbrauch und Atemarbeit, Protektion vitaler Organsysteme sowie Vermeidung sekundärer myokardialer und zerebraler Schäden. Eine solide und kritische Überprüfung der Indikationsstellung zur prähospitalen Notfallnarkose hat vor dem Hintergrund von patienten-, einsatz- und anwenderbezogenen Faktoren zu erfolgen.

Die Einleitung einer Notfallnarkose als Rapid Sequence Induction (RSI) beinhaltet die Präoxygenierung, ein Standardmonitoring, eine standardisierte Vorbereitung der Notfallnarkose (Narkose-/Notfallmedikamente, Atemwegs- und Beatmungsequipment), die Medikamentenapplikation, (wenn nötig) die passagere Aufhebung einer HWS-Immobilisation mittels konsequenter manueller Inline-Stabilisation (MILS) während des Intubationsmanövers sowie die Atemwegssicherung und die absolut obligatorische Tubuslagekontrolle mittels Kapnographie.

Die Präoxygenierung sollte bei jedem spontanatmenden Notfallpatienten für einen Zeitraum von mindestens 3–4 min mit dichtsitzender Gesichtsmaske mit Sauerstoffreservoir und einem Flow von 12–15 L Sauerstoff/min oder mit Beatmungsbeutel und Demand-Ventil mit 100% Sauerstoff erfolgen. Alternativ kann die Präoxygenierung auch mittels nicht-invasiver Beatmung mit 100% Sauerstoff durchgeführt werden.

Die standardisierte Narkosevorbereitung umfasst das Aufziehen und die Kennzeichnung der Narkose- und Notfallmedikamente, die Kontrolle des Beatmungsbeutels inklusive Maske, die Vorbereitung eines Endotrachealtubus inklusive Blockerspritze mit einliegendem Führungsstab, Stethoskop und Fixierungsmaterial, die Bereitstellung alternativer Instrumente zur Atemwegssicherung sowie den Check von Absaugvorrichtung, Beatmungsgerät und Standardmonitoring inklusive Kapnographie.

Als Standardmonitoring zur prähospitalen Notfallnarkose sollen das Elektrokardiogramm, die automatische/manuelle Blutdruckmessung und die Pulsoxymetrie zur Anwendung kommen. Eine kontinuierliche Kapnographie erfolgt immer und ohne Ausnahme zur Lagekontrolle der Beatmungshilfen, zur Erkennung von Diskonnektion und Dislokation im Beatmungssystem sowie zum indirekten Monitoring der Hämodynamik. Es sind möglichst zwei periphervenöse Verweilkanülen vor Narkoseeinleitung zu etablieren.

Ergänzt wird die vorliegende S1-Leitlinie durch zahlreiche Kapitel, die Narkosekonzepte für häufige Notfallsituationen (zum Beispiel schweres Trauma/Polytrauma, isoliertes Neurotrauma/Schlaganfall/intrakranielle Blutung, den kardialen Risikopatienten, den respiratorisch insuffizienten Patienten) sowie das Management von Komplikationen beinhalten. Eine Darstellung geeigneter Medikamente für die prähospitale Notfallnarkose und Lagerungshinweise runden die Leitlinie ab.

Für die Autoren und die Arbeitsgruppe „Notfallnarkose“ des Arbeitskreises Notfallmedizin der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI):

Priv.-Doz. Dr. med. Michael Bernhard,

Zentrale Notaufnahme, Universität Leipzig

Prof. Dr. med. Bernd W. Böttiger,
Klinik für Anästhesiologie und Operative
Intensivmedizin, Universitätsklinikum Köln

Dr. med. Björn Hossfeld,

Klinik für Anästhesiologie und Intensiv-
medizin, Bundeswehrkrankenhaus Ulm

Diese S1-Leitlinie „Prähospitale Notfallnarkose beim Erwachsenen“ ist auf der Homepage der AMWF unter der Registernummer 001–030 einzusehen und herunterzuladen (1).
Die DGAI-Handlungsempfehlung ist als Kurz- und Langversion allgemein verfügbar (2, 3).

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4715
oder über QR-Code.

Zentrale Handlungsempfehlungen

  • Kritische Überprüfung der Indikationsstellung zur prähospitalen Notfallnarkose vor dem Hintergrund von patienten-, einsatz- und anwenderbezogenen Faktoren.
  • Rapid Sequence Induction mit Präoxygenierung, standardisiertem Vorgehen bei der Notfallnarkose mit Vorbereitung von Narkose-/Notfallmedikamenten und Atemwegs- und Beatmungsequipment, Standardmonitoring, Gefäßzugängen, Medikamentenapplikation, passagerer Aufhebung einer (eventuell bestehenden) HWS-Immobilisation unter konsequenter manueller Inline-Stabilisation während des Intubationsmanövers, Atemwegssicherung und obligate Tubuslagekontrolle mittels Kapnographie.
  • Präoxygenierung bei jedem spontanatmenden Notfallpatienten für einen Zeitraum von 3–4 min mit 12–15 L Sauerstoff/min und dichtsitzender Gesichtsmaske mit Sauerstoffreservoir oder Demand-Ventil beziehungsweise nicht-invasiver Beatmung (NIV/CPAP)
  • Standardisierte Vorbereitung von Narkose- und Notfallmedikamenten, Beatmungsbeutel mit Reservoir oder Demandventil inklusive Maske, Endotrachealtubus inklusive Blockerspritze, Führungsstab und Fixation, Vorhaltung alternativer Atemwegsinstrumente, Stethoskop, Check von Absaugvorrichtung, Beatmungsgerät und Standardmonitoring inklusive Kapnographie.
  • Standardmonitoring bei der prähospitalen Notfallnarkose umfasst Elektrokardiogramm, automatische Blutdruckmessung, pulsoxymetrische Sauerstoffsättigung und Kapnographie.
  • Obligate Kapnographie zur Tubuslage-, Diskonnektions- und Dislokationskontrolle sowie zum indirekten Monitoring der Hämodynamik.
  • Möglichst zwei periphervenöse Verweilkanülen vor Narkoseeinleitung.
1.
www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/001–030.html
2.
www.ak-notfallmedizin.dgai.de/arbeitsgruppen/ag-notfallnarkose.html
3.
Bernhard M, Bein B, Böttiger BW, Bohn A, Fischer M, Gräsner JT, Hinkelbein J, Kill C, Lott C, Popp E, Roessler M, Schaumberg A, Wenzel V, Hossfeld B: Handlungsempfehlung: Prähospitale Notfallnarkose beim Erwachsenen. Anästh Intensivmed 2015; 56: 317–35.
4.
www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/012–019.html
5.
Timmermann A, Byhahn C, Wenzel V, Eich C, Piepho T, Bernhard M, Dörges V: Handlungsempfehlung für das präklinische Atemwegsmanagement. Für Notärzte und Rettungsdienstpersonal. Anästh Intensivmed 2012; 53: 294–308.
6.
Bernhard M, Gräsner JT, Gries A, et al.: Die intraossäre Infusion in der Notfall-medizin. Empfehlung des Wissenschaftlichen Arbeitskreises Notfallmedizin und des Wissenschaftlichen Arbeitskreises Kinderanästhesie der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Anästh Intensivmed 2010; 51: 615–20.
1.www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/001–030.html
2.www.ak-notfallmedizin.dgai.de/arbeitsgruppen/ag-notfallnarkose.html
3.Bernhard M, Bein B, Böttiger BW, Bohn A, Fischer M, Gräsner JT, Hinkelbein J, Kill C, Lott C, Popp E, Roessler M, Schaumberg A, Wenzel V, Hossfeld B: Handlungsempfehlung: Prähospitale Notfallnarkose beim Erwachsenen. Anästh Intensivmed 2015; 56: 317–35.
4.www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/012–019.html
5.Timmermann A, Byhahn C, Wenzel V, Eich C, Piepho T, Bernhard M, Dörges V: Handlungsempfehlung für das präklinische Atemwegsmanagement. Für Notärzte und Rettungsdienstpersonal. Anästh Intensivmed 2012; 53: 294–308.
6.Bernhard M, Gräsner JT, Gries A, et al.: Die intraossäre Infusion in der Notfall-medizin. Empfehlung des Wissenschaftlichen Arbeitskreises Notfallmedizin und des Wissenschaftlichen Arbeitskreises Kinderanästhesie der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Anästh Intensivmed 2010; 51: 615–20.

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