ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2015Das Gespräch mit Dr. med. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereingung, und Dr. rer. med. Florian Fuhrmann, Geschäftsführer der KV Telematik GmbH Terminservice: Kein Wunschkonzert

POLITIK: Das Gespräch

Das Gespräch mit Dr. med. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereingung, und Dr. rer. med. Florian Fuhrmann, Geschäftsführer der KV Telematik GmbH Terminservice: Kein Wunschkonzert

Dtsch Arztebl 2015; 112(47): A-1966 / B-1626 / C-1578

Krüger-Brand, Heike E.

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Die umstrittenen Terminservicestellen werden im Januar 2016 ihre Arbeit aufnehmen. Um die Kassenärztlichen Vereinigungen bei der Umsetzung zu unterstützen, hat die KBV eine elektronische Plattform für die Terminvereinbarung entwickeln lassen.

KBV-Chef Andreas Gassen (links) und Florian Fuhrmann, Geschäftsführer der KV Telematik GmbH sind davon überzeugt, dass die KVen den gesetzlichen Auftrag termingerecht umsetzen werden. Fotos: Georg J. Lopata
KBV-Chef Andreas Gassen (links) und Florian Fuhrmann, Geschäftsführer der KV Telematik GmbH sind davon überzeugt, dass die KVen den gesetzlichen Auftrag termingerecht umsetzen werden.
Fotos: Georg J. Lopata

Zwar hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Deutschland erst jüngst bescheinigt, dass die Wartezeiten für Patienten im internationalen Vergleich „sehr gering“ sind – der stellvertretende OECD-Generalsekretär Stefan Kapferer bezeichnete die hiesige Termindiskussion gar als „Phantomdebatte“ –, doch der Gesetzgeber hat anders entschieden und auch den Protest der Ärzte ignoriert. Das am 23. Juli 2015 in Kraft getretene GKV-Versorgungsstärkungsgesetz (VSG) schreibt vor, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) bis zum 23. Januar 2016 Terminservicestellen einrichten müssen. Damit soll ein Steuerungsinstrument geschaffen werden, über das Patienten zeitnah einen Facharzttermin erhalten.

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Innerhalb von nur sechs Monaten müssen die KVen das Projekt über die Bühne bringen. Der Vorstoß der KV Thüringen, vor dem Hintergrund des Flüchtlingsproblems ein Moratorium zu gewähren, wurde seitens der Regierung abgelehnt. „Bedauerlicherweise“ meint Dr. med. Andreas Gassen. „Vor dem Hintergrund, dass wir derzeit mit mehreren hunderttausend Flüchtlingen konfrontiert werden, deren medizinische Versorgung ja keine Bagatelle ist, dann stellt sich in der Tat die Frage, ob man bei einem ohnehin nicht existierenden Problem noch eine solche Regelung scharf schaltet. Die Politik hätte sich sicherlich nicht verhoben, die Fristen auszusetzen.“

Dennoch lässt Gassen keinen Zweifel daran, dass die KVen den gesetzlichen Auftrag erfüllen werden. „Ich habe immer gesagt: Wir halten die Regelungen für unsinnig, aber wenn das Gesetz kommt, dann werden wir sie, bedingt durch unseren körperschaftlichen Status, eben umsetzen“, betont der KBV-Chef.

Kein grenzenloser Anspruch

Laut VSG sollen die Terminservicestellen dem Patienten innerhalb einer Woche einen Facharzttermin vermitteln, der innerhalb der nächsten vier Wochen stattfindet soll (Kasten). Allerdings gilt dies nicht grenzenlos: „Der Begriff Terminservicestellen lässt ja die Vermutung aufkommen, das wäre ein Serviceangebot. Die Terminservicestelle ist aber nur für Termine zuständig, die vom Überweiser als dringlich eingestuft werden, und dann greift eben die Kaskade der Fristen im Hinblick auf die entsprechende Fachgruppe“, erläutert Gassen. Das sei nicht zu verwechseln mit der Terminvermittlung beim Wunscharzt oder bei der Wunschpraxis um die Ecke, sondern in einer zumutbaren Entfernung, die man noch definieren müsse. „Letztlich geht es hier um einen gesetzlichen Auftrag für dringliche Termine und nicht um eine zusätzliche Serviceoption der Krankenkassen“, stellt Gassen klar

Was aber heißt „dringlich“ genau? „Das ist sicherlich sehr schwierig. Es ist ja im Grundsatz so, und das haben wir immer kritisch angemerkt, dass es eine medizinische Sinnhaftigkeit, binnen einer Woche einen Termin in vier Wochen zu machen, nicht gibt. Ist ein Termin wirklich dringend im Sinne von medizinisch dringend, dann heißt das eigentlich sofort oder innerhalb kurzer Zeit, und das ist überhaupt kein Problem in Deutschland. Wenn ein Patient in einer Arztpraxis für einen wirklich dringenden Akuttermin irgendwohin überwiesen werden muss, dann klappt das, und sei es, weil der Kollege oder die Kollegin das Telefon in die Hand nimmt. Diese Vier-Wochen-Frist ist beliebig und hat keinen medizinischen Hintergrund“, kritisiert Gassen.

Inwiefern es dem vertragsärztlich tätigen Facharzt überlassen bleibt, an dem Terminservice teilzunehmen und ein Terminkontingent hierfür zur Verfügung zu stellen oder nicht, ist Sache der einzelnen KVen. „Im Grundsatz können wir als KBV auf Bundesebene nur gewisse Vorgaben im Bundesmantelvertrag umsetzen, und wir können versuchen, den KVen Mittel an die Hand zu geben, damit sie die Terminservicestellen in maximaler Flexibilität und mit der geringstmöglichen Beeinträchtigung für die KVen und die Vertragsärzte in den KVen umsetzen können“, erläutert Gassen. Alles Weitere müsse dann regional erfolgen, denn: „Die Bedingungen sind in einer Stadt anders als in einer Flächen-KV.“

Muss der Facharzt, der nicht am Terminservice teilnehmen will, Sanktionen befürchten? Auch das muss letztlich jede KV für sich entscheiden. Es sei aber gut vorstellbar, dass die KVen versuchen werden, dies auf Basis von Freiwilligkeit zu regeln, meint Gassen. „Jetzt eine derart ungeliebte, uns übergestülpte Regelung auch noch mit einem Zwang für die Vertragsärzte zu verknüpfen, ist etwas, das wir überhaupt nicht schätzen.“

Denkbar sind ihm zufolge auch Incentivierungen, wie dies etwa in Sachsen schon seit Ende 2014 realisiert ist. Dort erhalten Hausärzte, die die Dringlichkeit einer Terminvergabe innerhalb von vier Wochen bescheinigen, einen Honorarzuschlag, ebenso wie Fachärzte, die zusätzlich Patienten annehmen. „Da sind der Fantasie der KVen keine Grenzen gesetzt. Ich kann mir gut vorstellen, dass KVen, die das in ähnlicher oder anderer Form schon im Portfolio haben, die Terminservicestellen mit solchen Angeboten verknüpfen werden. Das ist ihnen auch völlig freigestellt.“

Die Abstimmung auf Bundesebene im Bundesmantelvertrag ist laut Gassen weit gediehen. „Ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind, die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen und hier jetzt kein Wunschkonzert zu geben. Die Richtschnur ist die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben – und nicht mehr.“

Webportal vereinfacht Prozess

Zur Unterstützung der Terminvermittlung hat die KV Telematik GmbH im Auftrag der KBV eine elektronische Lösung entwickelt. Zentrale Komponente ist ein Webportal, auf dem einerseits Fachärzte Termine melden und andererseits die Servicestellen Termine recherchieren und buchen können. „Die Entwicklung ist fast abgeschlossen“, berichtet Florian Fuhrmann.

Hinzu kommen als weitere Komponente Überweisungscodes: Mit ihnen werden Überweisungen zum Facharzt so gekennzeichnet, dass sie zur Inanspruchnahme einer Terminservicestelle berechtigen. „Die Hausärzte beziehungsweise die überweisenden Fachärzte bekommen hierfür Bögen mit Überweisungscodes zugesandt. Alternativ können sie die Überweisungscodes auch selbst im Portal generieren und auf Etiketten drucken und auf die Überweisung aufkleben“, erläuterte Fuhrmann. Der in Viererblöcken unterteilte, zwölf Zeichen umfassende Code wird der Terminservicestelle telefonisch übermittelt. Die Länge des Codes ist Fuhrmann zufolge aus kryptografischen Gründen erforderlich. „Wir haben uns aber bemüht, die Ziffern und Buchstaben herauszulassen, die leicht verwechselt werden können“, so Fuhrmann. Für den Start sei geplant, 15 Millionen Codes zu drucken und bei den Ärzten in Umlauf zu bringen.

Als weitere Ausbaustufe des Systems wird zusätzlich eine KV-Connect-Schnittstelle entwickelt, mit der die Prozesse auch direkt aus dem Praxisverwaltungssystem (PVS) heraus unterstützt werden. Dann können beispielsweise direkt aus dem PVS Termine gemeldet werden.

Der Start des Systems im Januar birgt noch einige Überraschungen: So ist unklar, wie stark die Terminservicestellen tatsächlich von Patienten beansprucht werden und wie hoch die Meldebereitschaft bei den Ärzten ausfallen wird. Die verpflichtende Evaluation könnte zudem ergeben, dass Fachgruppen fehlen. „Das wäre das einzige, wirklich realistische Problem“, sagt Gassen. „Unterm Strich werden wir wahrscheinlich herausbekommen, dass es in einigen Regionen einen Mangel einzelner Fachgruppen gibt. Das wird keine große Überraschung sein. Und die fehlenden Fachgruppen werden durch die Terminservicestellen dann auch nicht hingezaubert.“

Vorbereitungen laufen

Derzeit sind alle KVen dabei, sich auf den Start des Termindienstes im Januar vorzubereiten. Die beiden KVen in Nordrhein-Westfalen beispielsweise haben bereits gemeldet, dass sie das auf jeden Fall schaffen werden. „Die KVen haben unterschiedliche Herangehensweisen, was das Thema angeht“, betont Fuhrmann. Da sei die Webplattform sehr hilfreich, weil die Servicestelle nicht mehr bei den Ärzten anrufen und nach einem Termin fragen müsse. „Das ist schon eine klare Vereinfachung.“ Fuhrmann zufolge ist das System so ausgelegt, dass es gegebenenfalls auch eine hohe Inanspruchnahme durch die Patienten bewältigen kann.

Auch die Spezifikation für die integrierte PVS-Lösung ist bereits fertig. „Wenn die Inanspruchnahme der Terminservicestelle durch die Patienten sehr hoch ist und viele Termine gemeldet werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die PVS-Anbieter dies entsprechend zügig in ihren Systemen anbieten“, meint Fuhrmann. Näheres könne man erst im ersten oder zweiten Quartal 2016 abschätzen.

Da für die regionale Umsetzung die KVen zuständig sind, werden diese auch ihre KV-Mitglieder informieren und ihre Lösungen für die Terminvergabe vorstellen, etwa wie Termine zu melden sind und ob es dafür Sondervergütungen gibt.

Heike E. Krüger-Brand

Elektronischer Terminservice

Termine melden

Webanwendung: Die Facharztpraxis wählt sich auf der Webseite mit dem Kennwort ein, das sie auch für andere KV-Anwendungen nutzt beziehungsweise mit dem KV-Connect-Passwort. Auf der ersten Seite werden die Profilinformationen der Praxis und die zuständige KV angezeigt.

Um einen Termin einzutragen, gibt es verschiedene Optionen: Die einfachste ist, den Kalender aus dem Praxisverwaltungssystem (PVS) in einem Fenster neben der Terminservice-Website zu öffnen. Letztere orientiert sich wie die Terminvergabe in der Praxis an der Kalenderwoche. Dann werden Beginn und Ende eines freien Zeitintervalls eingetragen. Es können auch Unterintervalle ausgewählt werden, da die Zeiten etwa für eine Anamnese je nach Fachgruppe variieren können. Zudem kann angegeben werden, wie viele Termine in einem Zeitintervall zur Verfügung stehen sollen. Es können einmalige Termine oder auch regelmäßige Terminfolgen eingetragen werden, und es lassen sich Termine kurzfristig blockieren.

Integrierte Lösung: Über die KV-Connect-Schnittstelle soll es künftig auch möglich sein, den Prozess direkt im PVS zu verankern. Drei Systemhäuser werden eine entsprechende Lösung bereits im ersten Quartal implementieren und testweise zur Verfügung stellen, weitere werden voraussichtlich im zweiten und dritten Quartal folgen. Die Umsetzung ist für die PVS-Anbieter freiwillig.

Termine buchen

Servicestelle: Die freien Termine werden auf einem zentralen Server gespeichert und den Terminservicestellen über das sichere Netz der KVen (SNK) zur Verfügung gestellt. Für die Terminbuchung gibt die Servicestelle den Überweisungscode und die Postleitzahl des Wohnortes des Versicherten an. Eine Ausnahme sind Termine beim Augen- und Frauenarzt – hier kann der Termin direkt gebucht werden. Anschließend wird die gesuchte Facharztgruppe ausgewählt.

Daraufhin werden die verfügbaren Termine angezeigt. Für die Buchung werden der Überweisungscode, die Postleitzahl und die gesetzlich vorgegebene Vermittlungsfrist angezeigt. Die Vermittlungsstelle kann verschiedene Entfernungsradien angeben, die Profile der Praxen abrufen und eine Kartenansicht für die Auswahl nutzen. Nach der Speicherung des Termins durch die Servicestelle wird die Facharztpraxis benachrichtigt.

Patienten-Selfservice: Es besteht technisch die Möglichkeit, dass auch der Patient selber Termine buchen kann. Dies kann aber nicht im ersten Schritt umgesetzt werden.

Das steht im gesetz

§ 75 SGB V Inhalt und Umfang der Sicherstellung

Terminservicestellen: Laut VSG umfasst der Sicherstellungsauftrag „auch die angemessene und zeitnahe Zurverfügungstellung der fachärztlichen Versorgung“. Daher müssen die Kassenärztlichen Vereinigungen bis zum 23. Januar 2016 Terminservicestellen einrichten, die sie auch in Kooperation mit den Landesverbänden der Krankenkassen betreiben können.

Überweisung: Die Terminservicestelle hat Versicherten bei Vorliegen einer entsprechend gekennzeichneten Überweisung innerhalb einer Woche einen Behandlungstermin bei einem Facharzt zu vermitteln. Die Wartezeit auf den zu vermittelnden Behandlungstermin darf vier Wochen nicht überschreiten. Die Überweisung ist nicht nötig, wenn es um einen Behandlungstermin bei einem Augenarzt oder einem Frauenarzt geht. Die Entfernung zwischen Wohnort des Versicherten und dem vermittelten Facharzt muss zumutbar sein. Ein Anspruch von Patienten auf Terminvermittlung bei einem bestimmten Arzt besteht nicht.

Fristüberschreitung: Kann die Terminservicestelle keinen Behandlungstermin innerhalb der Frist vermitteln, hat sie einen ambulanten Behandlungstermin in einem zugelassenen Krankenhaus anzubieten (Ausnahme: Psychotherapie-Termine). Lässt sich ein Versicherter in der Klinik behandeln, kann er auch ambulante Folgetermine dort wahrnehmen, „wenn diese dazu dienen, den Behandlungserfolg zu sichern oder zu festigen“.

Einschränkende Rahmenbedingungen: Im Bundesmantelvertrag ist noch genau festzulegen, unter welchen Voraussetzungen die KV einen Termin vermitteln muss. So ist etwa zu bestimmen, was eine zumutbare Entfernung für den Versicherten bedeutet (je nach Arztgruppe), in welchen Fällen keine medizinische Dringlichkeit vorliegt und wann weitere Behandlungen notwendig sind.

Evaluation: Die KBV muss die Auswirkungen der Terminservicestellen jährlich evaluieren und erstmals zum 30. Juni 2017 einen Bericht vorlegen. Dieser soll über den Anteil fristgerechter Vermittlungen, die Inanspruchnahme und die Vermittlungsquote informieren.

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