ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2015Kurzfassung der Stellungnahme der Bundes­ärzte­kammer „Normungsvorhaben von Gesundheitsdienstleistungen aus ärztlicher Sicht“

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Kurzfassung der Stellungnahme der Bundes­ärzte­kammer „Normungsvorhaben von Gesundheitsdienstleistungen aus ärztlicher Sicht“

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Bekanntmachungen

Der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer hat in seiner Sitzung vom 25.09.2015
auf Empfehlung des Wissenschaftlichen Beirats beschlossen:

Normen sind in unserem Gesundheitswesen allgegenwärtig. Insbesondere im medizintechnischen Bereich tragen sie zur Patientensicherheit und Versorgungsqualität bei. Die EU-Kommission verfolgt jedoch zunehmend die Strategie, Gesundheitsdienstleistungen – so auch ärztliche Tätigkeiten – ebenfalls zum Gegenstand von Normung zu machen. Dies zeigen die von der Kommission für die europäische Normung beschlossenen Arbeitsprogramme insbesondere für das Jahr 2014 (COM(2013) 561 final).

Anzeige

Die Stellungnahme der Bundes­ärzte­kammer zu Normungsvorhaben von Gesundheitsdienstleistungen beleuchtet die Problematik aus wissenschaftlich-ärztlicher Sicht. Sie befasst sich mit den zentralen Fragen,

  • was eine individuelle, dem Stand der Wissenschaft entsprechende medizinische Versorgung ausmacht,
  • wo Normung aus Sicht von Ärzten1 und Patienten sinnvoll sein kann und
  • in welchen Bereichen andere Verfahren auf der Basis evidenzbasierter Medizin angewendet werden müssen, um eine am individuellen Fall ausgerichtete, qualitativ hochwertige medizinische Versorgung zu gewährleisten.

Während das vorrangige Ziel von Normung die planmäßige, gemeinschaftlich durchgeführte Vereinheitlichung von materiellen und immateriellen Gegenständen ist, ist es das Ziel ärztlicher Tätigkeit das Leben zu erhalten, die Gesundheit zu schützen und wiederherzustellen, Leiden zu lindern, Sterbenden Beistand zu leisten und an der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Gesundheit der Menschen mitzuwirken. Die ärztliche Tätigkeit ist mit der notwendigen fachlichen Qualifikation und unter Beachtung des anerkannten Standes der medizinischen Erkenntnisse auszuüben.

Gesundheitsdienstleistungen sind als grundsätzlich komplexe Interventionen anzusehen. Demgemäß stützt sich die Qualitätssicherung international wie national auf das Prinzip der evidenzbasierten Medizin und Leitlinien. Der Empfehlungscharakter von Leitlinien berücksichtigt einerseits die ärztliche Verpflichtung zu einer dem anerkannten Stand der medizinischen Erkenntnisse entsprechenden Behandlung, sowie andererseits das Selbstbestimmungsrecht der Patienten bei der Durchführung medizinischer Maßnahmen. Demgegenüber werden bei der Normung Anforderungen für technisch ordnungsgemäßes Verhalten im Regelfall bzw. für die Zweckdienlichkeit der Dienstleistungen formuliert.

Die zum Teil erheblich divergierenden Zielsetzungen sowie konzeptionellen Unterschiede bei der Erstellung von Leitlinien einerseits sowie der Erstellung von Normen andererseits werden bei Betrachtung der einschlägigen Regelwerke2 – trotz einiger Ähnlichkeiten im Hinblick auf relevante Aspekte und Anforderungen – deutlich:

Fazit

Die Gegenüberstellung der Unterschiede von Leitlinien einerseits sowie von Normen andererseits zeigt auf, dass Normen weder ein erforderliches noch ein geeignetes Instrument für den Bereich von Gesundheitsdienstleistungen und insbesondere für originär ärztliche Tätigkeiten darstellen, durch das die Qualität der Leistungserbringung gesichert oder verbessert werden könnte.

Mit Blick auf das individuelle Arzt-Patient-Verhältnis sowie die Therapiefreiheit des Arztes auf der Basis einer evidenzbasierten Medizin wird zwar seitens des CEN der Empfehlungscharakter von Normen betont. Durch diese bewusste Abkehr bzw. Aufweichung von abstrakten, allgemeingültigen Normen wird die fragwürdige Entwicklung verdeutlicht, Normen im Bereich der Gesundheitsdienstleistungen Leitliniencharakter zu verleihen. Für eine solche methodische Verquickung gibt es keinerlei Evidenzbasierung. Sie darf daher keinen Niederschlag in der Patientenversorgung finden. Vielmehr führt Normung in diesem sensiblen Bereich zu Rechtsunsicherheit und erheblichen Friktionen u. a. mit nationalem Berufs- und Haftungsrecht. Auf europäischer Ebene verstößt Normung von Gesundheitsdienstleistungen gegen den Grundsatz der Wahrung der Eigenverantwortlichkeit der Mitgliedstaaten für die Festlegung ihrer Gesundheitspolitik sowie für die Organisation des Gesundheitswesens und der medizinischen Versorgung.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Normung in Bereichen einzusetzen ist, in denen abstrakte, allgemeingültige und eher technische Vorgaben zu erstellen sind. Wenn Informationen oder Vorgaben individuell zu interpretieren und zu bewerten sind, ist Normung hingegen kein geeignetes Regelungsinstrument. Auch deshalb ist Normung in dem Bereich von Gesundheitsdienstleistungen entschieden abzulehnen.

Demgegenüber gibt es neben den nationalen Leitlinienprozessen bereits erfolgversprechende Ansätze zur supranationalen Leitlinienerstellung. Diese Bestrebungen sollten weiter ausgebaut und von der Politik unterstützt werden.

Die vorliegende Stellungnahme ergänzt bereits veröffentlichte Stellungnahmen (vgl. Literaturauswahl in der Langfassung der Stellungnahme) und soll den Akteuren auf nationaler und europäischer Ebene eine weitere Argumentationshilfe im Hinblick auf die Bewertung von Normungsbestrebungen liefern.

Die Langfassung der vorliegenden Stellungnahme – inklusive Autorenschaft sowie Literaturauswahl – ist auf der Internetseite der Bundes­ärzte­kammer abrufbar:

www.baek.de/wissenschaftlicher-beirat-normung

1 Um die Lesbarkeit des Textes zu erleichtern, wurde durchgängig für alle Personen die grammatikalisch männliche Form verwendet. Diese Schreibweise dient der Vereinfachung und beinhaltet keine Diskriminierung anderer Geschlechtsformen.

2 DIN 820-Normenreihe des Deutschen Instituts für Normung und dem Regelwerk „Leitlinien“ der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote