ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2015Frage der Woche an . . . Professor Dr. med. Santiago Ewig, Chefarzt für Pneumologie und Infektiologie am Thoraxzentrum Ruhrgebiet

ÄRZTESTELLEN: Frage der Woche

Frage der Woche an . . . Professor Dr. med. Santiago Ewig, Chefarzt für Pneumologie und Infektiologie am Thoraxzentrum Ruhrgebiet

Ihrer Ansicht nach steckt das ärztliche Selbstverständnis in einer Krise. Warum wird das heutige Versorgungssystem dem Selbstanspruch von Ärzten oft nicht mehr gerecht und wie lässt sich eine gute Medizin im klinischen Alltag umsetzen?

Glöser, Sabine

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Ihrer Ansicht nach steckt das ärztliche Selbstverständnis in einer Krise. Warum wird das heutige Versorgungssystem dem Selbstanspruch von Ärzten oft nicht mehr gerecht und wie lässt sich eine gute Medizin im klinischen Alltag umsetzen?

Ewig: Die Krise des ärztlichen Selbstverständnisses gründet in vielen Ursachen, die sich derzeit zuspitzen. Zu nennen sind erstens das Selbstmissverständnis der Medizin als exakte Naturwissenschaft und ihre Verabsolutierung als einzige Grundlagenwissenschaft, zweitens das Schwinden des Patienten, aber auch das damit zusammenhängende Schwinden des Arztes als Subjekt und drittens der Wandel des Arztes zum Techniker.

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Andererseits sieht sich der Arzt einer fundamentalen Öko­nomi­sierung der Medizin ausgeliefert, die den Patienten zum Kunden umdeutet und den Arzt zum Anbieter. Beide Entwicklungen kulminieren in einer technokratischen Version der Medizin, die sich zudem als Markt versteht. In einer solchen Medizin ist der Arzt nicht länger der Anwalt des Patienten, sondern Teil eines Warenangebots. Damit sind die Grundfesten des ärztlichen Selbstverständnisses berührt.

Es ist jedoch täglich erfahrbar, dass diese Medizin den Bedürfnissen vieler Patienten nicht entspricht und zu fragwürdigen Ergebnissen führt. Die Medizin wird blind für die kommunikativen Bedürfnisse des Patienten und erzeugt ein Unbehagen der Medizin gegenüber.

Das gilt jedoch nicht absolut. Widersprechende Erfahrungen und Positionen haben unverändert ihren Raum. Im Krankenhaus ermöglichen das insbesondere Häuser, deren Träger sich weiterhin als Non-Profit-Unternehmen verstehen und die Gewinne nur dazu verwenden, die permanent notwendigen Investitionen zu decken.

Eine gute Medizin ist zu suchen auf Basis eines kommunikativen Handelns zwischen Arzt und Patient. Ziel ist es, die Anwaltschaft für diesen Patienten zu übernehmen, seine durch die Krankheit versehrte Autonomie so gut es geht zu wahren und gemeinsam mit ihm die bestmögliche Behandlung auszuwählen und vorzunehmen.

Diesem Anspruch näher zu kommen kann gelingen, wenn Ärzte sich nicht als Anbieter, sondern als Helfende verstehen, wenn sie Patienten nicht als Kunden, sondern als Kranke ansehen, wenn sie Medizin nicht als rein technische Intervention praktizieren, sondern auf Basis des Gesprächs. Im Alltag wird es darauf ankommen, mit diesem Selbstverständnis in der konkreten therapeutischen Situation den Boden für eine solche Praxis zu behaupten. sg

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