ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2015Gefahren durch Ionisierende Strahlung: Mediziner in der Verantwortung

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Gefahren durch Ionisierende Strahlung: Mediziner in der Verantwortung

Dtsch Arztebl 2015; 112(48): A-2040 / B-1686 / C-1634

Rosen, Alex

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Einen sicheren Schwellenwert für die Unbedenklichkeit ionisierender Strahlung gibt es nicht. Die Belastung der Bevölkerung sollte daher so gering wie möglich sein. Ärztinnen und Ärzten kommt in der Debatte eine besondere Rolle zu.

Durch Studium und Strahlenschutzfortbildungen werden alle Mediziner irgendwann mit der Frage konfrontiert, wie schädlich ionisierende Strahlung für den Menschen ist. Da die meisten keinen größeren Strahlendosen ausgesetzt sind, ist es vor allem die Niedrigstrahlung im Bereich weniger Millisievert, die für die öffentliche Gesundheit eine Rolle spielt: die Radonbelastung von Häusern, die Folgen der atmosphärischen Atomwaffentests, die diagnostische Radiologie oder die radioaktive Kontamination der Umwelt durch die Atomindustrie. Wissenschaftliche Erkenntnisse der letzten Jahre haben das Verständnis für die Folgen dieser Niedrigstrahlung grundlegend verändert und zeigen: Jede noch so geringe Strahlendosis erhöht das individuelle Erkrankungsrisiko.

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Wenn von Radioaktivität in der Umwelt die Rede ist, haben wir heute vor allem die Schicksale der Menschen in den verstrahlten Gebieten in und um Fukushima vor Augen. Aber auch in Deutschland leben wir bis heute mit den Folgen einer Atomkatastrophe – dem Super-GAU von Tschernobyl vor knapp 30 Jahren. 30 Jahre entsprechen gerade einmal der Halbwertzeit des radioaktiven Cäsium-137, das bis heute in Wildtieren und Pilzen in Süddeutschland zu finden ist. Doch auch deutsche Atommeiler stellen eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit dar: In der KiKK-Studie des Mainzer Kinderkrebsregisters wurden 2007 rund um deutsche Atomkraftwerke (AKW) erhöhte Kinderkrebsraten festgestellt. Bedeutendste Aussage der Fall-Kontroll-Studie: Je näher Kinder unter fünf Jahren an einem AKW wohnten, umso höher war ihr Krebsrisiko.

Darüber hinaus werden zukünftige Generationen durch radioaktiven Abfall belastet. Während schwer- und mittelgradig verstrahlte Materialien zunächst über Jahrzehnte in Zwischenlagern deponiert werden müssen, sollen Millionen Tonnen gering radioaktiver Müll „freigemessen“ und so der atomrechtlichen Kontrolle entzogen werden.
Er kann dann auf Hausmülldeponien gelagert und in Verbrennungsanlagen verfeuert werden. Die Frage, welche zusätzliche Strahlendosis für die Bevölkerung vertretbar ist, wird dann auch auf uns Mediziner zukommen.

Und noch aus einem anderen Grund sollten Mediziner sich mit dem Thema befassen und auskennen: Es ist unsere radiologische Diagnostik, die für einen erheblichen Teil der Strahlenbelastung der Bevölkerung verantwortlich ist. Eine 2013 im British Medical Journal veröffentlichte Analyse von über 10 Millionen Patientendaten (doi: 10.1136/bmj. f2360) zeigte eine Erhöhung des individuellen Krebsrisikos durch eine einzige Computertomografie (CT) um circa 24 Prozent (durchschnittliche Strahlendosis 4,5 mSv). Jedes weitere CT ließ das Risiko um zusätzliche 16 Prozent steigen, bei Kindern war der Effekt noch deutlicher. Erst im Vorjahr wurden im Lancet ähnliche Ergebnisse veröffentlicht (doi: 10.1016/S0140-6736 [12]60815-0). Epidemiologische Studien der letzten Jahre zeigen zudem Dosis-Wirkungsbeziehungen zwischen natürlicher Hintergrundstrahlung oder beruflicher Exposition mit ionisierender Strahlung und dem Risiko für Krebs und Kreislauferkrankungen – auch unterhalb der zulässigen Grenzwerte. Ein sicherer Schwellenwert ist in keiner dieser Studien erkennbar.

In der Medizin werden die neueren epidemiologischen Daten sehr ernst genommen: Der Trend geht auch deshalb zu einem deutlich sparsameren Einsatz ionisierender Strahlung. Vor allem die konventionelle CT-Diagnostik wird mehr und mehr durch Niedrigdosis-Anwendungen, Kernspin und Sonographie ersetzt. In Bezug auf die gesundheitlichen Folgen der Atomindustrie werden die neuen Erkenntnisse jedoch noch nicht berücksichtigt. Sowohl in der Diskussion um die medizinischen Konsequenzen der Atomkatastrophe von Fukushima als auch in der Debatte um die langfristige Lagerung von Atommüll, den Rückbau von Atomkraftwerken oder die Freigaberegelungen für radioaktive Abfälle wird weiter mit veralteten Grenzwerten und längst widerlegten Annahmen argumentiert.

Wissenschaftler und Mediziner fordern schon seit langem eine Anpassung des Strahlenschutzes an den aktuellen Stand der Wissenschaft und eine konsequente Minimierung der Strahlenexposition der Bevölkerung. Die Frage, welches gesundheitliche Risiko durch ionisierende Strahlung für die Allgemeinbevölkerung als akzeptabel und zumutbar angesehen wird, bedarf einer evidenz- und risikobasierten öffentlichen Diskussion. Gerade uns Ärztinnen und Ärzten kommt in diesem Diskurs eine besondere Verantwortung zu.

*IPPNW = Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges

Deutschland, stellv. Vorsitzender der IPPNW

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