ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2015Telemedizin: Angekommen, aber noch nicht umgesetzt

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Telemedizin: Angekommen, aber noch nicht umgesetzt

Dtsch Arztebl 2015; 112(48): A-2028 / B-1674 / C-1620

Schmidt, Klaus

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Telekonsile, das Einholen von ärztlichen Zweitmeinungen und der Befundaustausch sind Beispiele für Anwendungen, in denen sich Telemedizin bewährt hat.

Foto: iStockphoto
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Das Thema Telemedizin sei mittlerweile angekommen, wenn auch noch nicht überall umgesetzt, verkündete Dr. med. Siegfried Jedamzik, Geschäftsführer der Bayerischen TelemedAllianz, auf der gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) veranstalteten Tagung „Word Wide Med – vernetzte Praxen“ Ende Oktober in München. Immerhin konnte er zahlreiche Projekte aufzählen, bei denen Telemedizin eine herausragende Rolle spielt, etwa bei der telemedizinischen Augenuntersuchung in Altenheimen oder in der Rehabilitation.

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Die KVB habe sich nicht immer freundlich mit Telemedizin befasst, räumte der KVB-Vorsitzende Dr. med. Wolfgang Krombholz freimütig ein; auch er selbst sei kein glühender Verfechter gewesen. Doch das habe sich gewandelt, vor allem jetzt, wo telemedizinische Hilfe bei der Kommunikation mit den vielen Flüchtlingen den Ärzten große Unterstützung bei der Lösung der Dolmetscher-Problematik bietet. Er stellte aber auch klar: Die therapeutische Beziehung zwischen Patient und Arzt solle nicht durch Technik ersetzt werden. Ärzte müssten in Zukunft die Ausrüstung ihrer Praxen und ihre Arbeitsabläufe darauf abstellen. Der dafür erforderliche Aufwand müsse allerdings auch honoriert werden. Das sehe auch der Gesetzgeber so, der im Entwurf für ein E-Health-Gesetz ab 1. April 2017 eine Vergütung radiologischer Telekonsile vorsehe.

Fabian Demmelhuber, Leiter des Referats Versorgungskonzepte und Zusatzverträge der KVB, betonte, dass die schnelle Entwicklung telemedizinischer Anwendungen die aktive Mitgestaltung im Sinne der Ärzteschaft erfordere. Es kommen ständig neue Produktentwicklungen (wie Apps) privater Unternehmen auf den Markt, die das Arzt-Patienten-Verhältnis beeinflussen. Ärztliche Expertise in der Telemedizin werde von den Patienten vorausgesetzt. Von Ärzteseite kommt die Forderung nach Handlungssicherheit. „Nicht alles, was technisch möglich ist, ist medizinisch auch sinnvoll“, sagte Demmelhuber. Doch trotz vielfältiger Hürden und Schwierigkeiten gebe es durchaus Beispiele für sinnvolle Anwendungen, wie etwa das Telekonsil, das Einholen ärztlicher Zweitmeinungen oder der Austausch von Befunden.

Jugendmedizinisches Konsiliarsystem

Bewährt hat sich die Telemedizin in der Pädiatrie, wie der Vorsitzende der Kinder- und Jugendärzte Bayerns, Dr. med. Martin Lang, berichtete. Im Oktober 2012 haben die Pädiater damit begonnen, ein webbasiertes kinder- und jugendmedizinisches Konsiliarsystem Pädexpert aufzubauen. Sämtliche bayerischen Kinderärzte nehmen an dem Pilotprojekt teil und können auf eine gemeinsame Vertragsdatenbank zugreifen. Das System vernetzt die allgemeine Pädiatrie mit der ambulanten Spezialpädiatrie. Vor allem bei chronischen und seltenen Erkrankungen liefert es dem Pädiater vor Ort die gesuchte Expertise. Die Zeit der Diagnosestellung konnte damit um zwölf Tage verringert werden.

Pädiater, die eine Schwerpunktausbildung haben und zum Beispiel als Kinderhämatologen oder in der Kinderrheumatologie tätig sind, haben häufig ihre Praxen in den Ballungsräumen und sind damit nur für die Kollegen und ihre Patienten in den Städten schnell erreichbar. Mit dem telemedizinischen Programm „PädExpert“ kann dieses vertiefte Wissen auch für die Praxen in den ländlichen Regionen verfügbar gemacht werden. Da Online-Beratungen an keine festen Arbeitszeiten und nicht an bestimmte Räumlichkeiten gebunden sind, macht das ärztliches Arbeiten flexibler. Lang verspricht sich auch eine verbesserte Patientenbindung, wenn der Spezialist frühzeitig und quasi im Sprechzimmer des pädiatrischen Hausarztes in den Fall eingebunden wird. „Das verschafft einen Kompetenzgewinn für alle an dem System teilnehmenden Pädiater.“

Nach der Pilotphase in Bayern, die 2015 abgeschlossen wird, plant der Berufsverband auch den bundesweiten Einsatz von PädExpert.

Klaus Schmidt

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