ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2015Jugendliche Flüchtlinge: Sprachbarrieren überwinden

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Jugendliche Flüchtlinge: Sprachbarrieren überwinden

Seeliger, Stephan

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Bei der Behandlung von Flüchtlingen sind fehlende Sprachkenntnisse oft eine unüberwindbare Hürde. Denn insbesondere auf dem Land fehlen professionelle Dolmetscher. Die Kinderklinik in Neuburg hat eine pragmatische Lösung gefunden.

Vermittler in Farsi: Mohamed K. (l.) unterstützt die Mitarbeiter der Kinderklinik Neuburg regelmäßig, wenn es Verständigungsschwierigkeiten mit Patienten gibt, wie hier mit einem Mädchen aus Afghanistan, das an Windpocken erkrankt war. Foto: Stephan Seeliger
Vermittler in Farsi: Mohamed K. (l.) unterstützt die Mitarbeiter der Kinderklinik Neuburg regelmäßig, wenn es Verständigungsschwierigkeiten mit Patienten gibt, wie hier mit einem Mädchen aus Afghanistan, das an Windpocken erkrankt war. Foto: Stephan Seeliger

Allein von Januar bis August suchten nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (www.bamf.de) 231 000 Flüchtlinge in Deutschland Schutz, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum (+132,2 Prozent). Nach einer Auswertung des Bundesfachverbandes für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (www.b-umf.de) sind zudem mehr als 10 000 Kinder unter 18 Jahren ohne ihre Eltern in Deutschland unterwegs – Jugendliche wie die 16- jährige Eritreerin, die der Rettungsdienst im Juni in die Kliniken St. Elisabeth in Neuburg an der Donau brachte.

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Auf ihrer Reise durch Deutschland war sie bei einer Passkontrolle der Bundespolizei im Zug synkopiert. 24 Stunden später sollte bei ihr in einer Asylunterkunft in Oberbayern die nach § 62 Asylverfahrensgesetz vorgeschriebene Gesundheitsuntersuchung durchgeführt werden. Dabei kam es erneut zu einer Synkope. Das Mädchen wurde in die Kinderklinik in Neuburg überwiesen, um abzuklären, ob sie einen Krampfanfall erlitten hatte. Die Behandlung stellte Ärzte und Pflegepersonal der Klinik vor eine große Herausforderung, denn eine sprachliche Verständigung mit der Jugendlichen war nicht möglich. Auch die von der Lan­des­ärz­te­kam­mer Rheinland-Pfalz zur Verfügung gestellten mehrsprachigen Anamnesebögen halfen nicht weiter (www.aerzteblatt.de/152036). Es vergingen fast 48 Stunden, bis mithilfe des örtlichen Jugendzentrums jemand gefunden werden konnte, der Tigrinya, eine der semitischen Sprachen Eritreas, beherrschte.

Dolmetscherliste erstellt

Bei der Anamnese stellte sich dann heraus, dass das Mädchen bei einem Bruder in Italien gestartet war und sich nun auf dem Weg zum zweiten Bruder in Schweden befand. Da sie minderjährig war – die Eltern waren im Heimatland zurückgeblieben –, nahm das Jugendamt sie in Obhut. Ihre Reise war damit zu Ende. Die junge Frau konnte weder zu ihrem Bruder in Italien zurückkehren noch nach Schweden weiterreisen. Das trug ebenso wie die Verständigungsschwierigkeiten zu Beginn der Behandlung zu einer weiteren Traumatisierung bei.

Die Kinderklinik nahm das Schicksal der 16-Jährigen zum Anlass, die Zusammenarbeit mit dem nahegelegenen Jugendzentrum zu vertiefen. Ziel war es, eine Dolmetscherliste zu erstellen, die es ermöglichte, innerhalb eines Arbeitstages Jugendliche zur Überbrückung von Sprachbarrieren zu gewinnen.

Jeder Patient hat das Recht vor Diagnostik und Therapie persönlich, umfassend und verständlich aufgeklärt zu werden. Bei Routineeingriffen kann gegebenenfalls auf ein Merkblatt verwiesen werden. Aber auch dann muss der Patient die Möglichkeit haben, Rückfragen zu stellen. Bereits 1997 hatte das damalige Oberlandesgericht Karlsruhe eine nicht adäquate Aufklärung bei einer schlecht Deutsch sprechenden Türkin als Missachtung der Aufklärungspflicht bewertet (Az.: 13 U 42/96). Wird ein Dolmetscher benötigt, können die entstehenden Kosten zudem den meist mittellosen Patienten in Rechnung gestellt werden. Denn ein Dolmetscher ist in der Regel nicht Teil des GKV-Leistungskatalogs.

Dabei erfordert das ärztliche Aufklärungsgespräch keinen zertifizierten Dolmetscher. Freunde, Bekannte, Verwandte, aber auch Mitarbeiter des Krankenhauses dürfen zu solchen Gesprächen hinzugezogen werden, wenn sie über ausreichende Sprachkenntnisse verfügen und ein alltagsübliches medizinisches Verständnis aufweisen. Die Patienten müssen dieser Hilfe zustimmen, der Dolmetscher wiederum die Schweigepflicht einhalten.

Im Jugendzentrum Neuburg verbringen viele junge Flüchtlinge ihre Freizeit, die inzwischen gut deutsch sprechen. Die Pädagogen, Sepp und Kerstin Egerer, konnten zahlreiche von ihnen für Dolmetscherdienste in der Kinderklinik gewinnen. 14 verschiedene Sprachen können auf diese Weise abgedeckt werden, weitere zehn Sprachen steuern Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krankenhauses bei. Damit ist es möglich, für fast jeden fremdsprachigen Patienten innerhalb eines Tages einen geeigneten „Dolmetscher“ zu finden. Die Jugendlichen erhalten für ihre Dolmetschertätigkeit von der Klinik einen Geschenkgutschein über zehn Euro für die örtlichen Geschäfte. Dazu kommt für die meisten die Freude, helfen zu können.

Hilfe in nur wenigen Stunden

Die Dolmetscher-Rufbereitschaft hat sich im Alltag bereits bewährt. Als in einer nahegelegenen provisorischen Flüchtlingsunterkunft die Windpocken ausbrachen, wies das Gesundheitsamt die Indexpatienten, eine 15-jährige Afghanin sowie eine afghanische Mutter mit ihrem vier Wochen alten Säugling, in die Klinik ein. Beide sprachen ausschließlich Farsi. Anhand der Dolmetscherliste konnte innerhalb weniger Stunden ein schon länger in Deutschland lebender Afghane benachrichtigt werden, der die Dolmetschertätigkeit gerne übernahm. So konnte auf unkomplizierte Weise das ohne Eltern im Krankenhaus untergebrachte Mädchen über seine Erkrankung aufgeklärt werden. Viel wichtiger noch: Auch Fragen wie „Komme ich wieder zu meinen Eltern?“, „Werde ich wieder gesund?“, „Dürfen mich meine Eltern besuchen?“ konnten beantwortet werden. Dasselbe galt für die junge Mutter. Diese sinnvolle Verzahnung mit der Jugendarbeit vor Ort hilft, Ängste zu nehmen und weitere Traumatisierungen zu verhindern. Professionelle Dolmetscher fehlen oft vor Ort, vor allem auf dem Land. Eine pragmatische Lösung wie diese hilft allen: Patienten, Flüchtlingen und nicht zuletzt Ärzten und Krankenpflegern.

Priv.-Doz. Dr. med. Stephan Seeliger

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