ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2015Deutsche Stiftung Organtransplantation: Gemeinsam mehr erreichen

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Deutsche Stiftung Organtransplantation: Gemeinsam mehr erreichen

Dtsch Arztebl 2015; 112(48): A-2024 / B-1672 / C-1622

Schulte-Strathaus, Regine

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Die Anzahl der Transplantationsbeauftragten soll erhöht und die Verzahnung mit den Intensivstationen intensiviert werden.

Foto: mauritius images
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Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, den Willen der Menschen umzusetzen, die sich zu Lebzeiten für eine Organspende entschieden haben. Wir sollten stolz darauf sein, dem Wunsch der Patienten entsprechen zu können.“ Mit diesen Worten umriss Dr. med. Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), das sensible Thema der Organspende. Nach den vielen Skandalen der letzten vier Jahre sieht er wieder einen Hoffnungsschimmer durch kontinuierlich ansteigende Spenderzahlen (Grafik) sowie die gleichbleibende Bereitschaft der Angehörigen, einer Organübertragung zuzustimmen.

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Postmortale Organspender in Deutschland im Monat Januar bis Oktober (Veränderung zum Vorjahr in Prozent)
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Postmortale Organspender in Deutschland im Monat Januar bis Oktober (Veränderung zum Vorjahr in Prozent)

Vor Journalisten betonte der Kardiologe Anfang November in Frankfurt, wie sensibel bereits im Vorfeld einer Organspende zu verfahren sei. Das beginne damit, den Zeitpunkt für Gespräche mit den Angehörigen möglichst frühzeitig zu suchen, nämlich bereits dann, wenn eine permanente, unumkehrbare Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Patienten eintrete. Ärzte und Pflegepersonal könnten jederzeit die Hilfe des Transplantationsbeauftragten der DSO in Anspruch nehmen. Das Personal der Intensivstation sei nämlich mit dem Krankheitsverlauf bestens vertraut.

Den Angehörigen zur Seite stehen

Hilfreich für die Angehörigen sei es außerdem, wenn alle ihre Fragen umfangreich beantwortet würden. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass bei Angehörigen, die bei der Überprüfung der Vitalfunktionen zur Feststellung des Hirntodes anwesend waren und sich selbst davon überzeugen konnten, das Verständnis zur Feststellung des Todes und die Zustimmungsrate zur Organspende am größten waren.“ Wichtig sei es außerdem, dass die Mitarbeiter der DSO auch nach erfolgreicher Organtransplantation den Angehörigen auf Wunsch zur Seite stünden. Tröstlich sei für die Hinterbliebenen außerdem, so Rahmel, wenn diese eine Gedenkeinladung mit der Mitteilung erhielten, wohin das Organ ihres Verstorbenen gegangen ist. Diese Rückkopplung trage zu einem positiven Gefühl bei, „etwas Gutes getan zu haben“.

Um künftig noch mehr Kliniken für Organspenden zu qualifizieren, sollen die rund 1 100 Kliniken ohne neurochirurgische Abteilung in den Fokus der DSO rücken (Kasten). Denn dort wurden die wenigsten Organspenden getätigt. Nach Aussage von Prof. Dr. med. Björn Nashan, Vorsitzender des DSO-Stiftungsrats und Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft, sei die Qualitätssicherung von besonderer Bedeutung. „Den Unterstützungsbedarf der Kliniken zu ermitteln und die Hilfsangebote der DSO darzulegen, war eine der wichtigsten Aufgaben der vergangenen Monate.“ Da durch die Novellierung des Transplantationsgesetzes alle Entnahmekrankenhäuser aufgerufen seien, Transplantationsbeauftragte zu benennen, müssten diese ebenso wie die Transplantationsmediziner eine intensive qualifizierte Ausbildung durchlaufen.

Ein Potenzial für mehr Organspenden sieht Nashan ebenfalls in den kleineren Kliniken ohne Neurochirurgie. Dort sei die Gesamtzahl der Verstorbenen mit schwerer Hirnschädigung höher als in den anderen Krankenhauskategorien, mögliche Organspender kämen somit nur selten vor. Das läge auch daran, dass beim Klinikpersonal wenig Erfahrung mit dem Organspendeprozess bestehe, der Unterstützungsbedarf somit besonders hoch sei. Die aktuelle Entwicklung des laufenden Jahres hinsichtlich der Zunahme der organspendebezogenen Kontakte (+ 13 Prozent) in den Kliniken ohne Neurochirurgie sei für die DSO ein Hinweis darauf, dass die intensiven Kommunikations-bemühungen Früchte trügen.

Als entscheidend für eine erfolgreiche Umsetzung und den weiteren Ausbau der qualitätssichernden Maßnahmen nannte Nashan, Direktor der Klinik und Poliklinik für Hepatobiliäre Chirurgie und Transplantationschirurgie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, den Aufbau des geplanten Transplantationsregisters und die Einbeziehung weiterer Fachgesellschaften, vorrangig der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Notfall- und Intensivmediziner.

„Entscheidend für die Entwicklung und Verbesserung der Organspendesituation ist eine konsequente Förderung, Freistellung, Ausbildung, Schulung und Finanzierung der Transplantationsbeauftragten, die in erster Linie aus dem Kreis der Intensivmediziner kommen“, betonte Nashan. So sei das Engagement der Transplantationsbeauftragten in vielen Häusern zwar sehr hoch, müsse jedoch auch stärker honoriert und gefördert werden. Dazu gehöre auch die Freistellung der Transplantationsbeauftragten für entsprechende Fortbildungsmaßnahmen. Für diese qualifizierten Berater müsse nicht immer eine Vollzeitstelle geschaffen werden, wie jüngst an der Universität in Gießen, doch die vorhandenen Gelder sollten an den Kliniken zweckgebunden eingesetzt werden.

Am 5. November ist die neue gesetzliche Regelung auf Basis der EU-Richtlinie 2010/53/EU zu den Verfahrensanweisungen für die verschiedenen zentralen Schritte der Organspende in Kraft getreten. Mit diesen Maßnahmen, die die DSO erarbeitet hat, soll die größtmögliche Sicherheit und Qualität in allen Phasen des Organspendeprozesses bis zur Transplantation gewährleistet werden (dazu Heft 44/2015). Die wichtigsten Inhalte sind unter anderem die Meldung möglicher Spender, bei denen der endgültige, nicht behebbare Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms festgestellt worden ist, und die Überprüfung der Einzelheiten der Einwilligung des Spenders oder der Zustimmung anderer Personen.

Regine Schulte Strathaus

Daten und Fakten

Nach dem Abwärtstrend in den vergangenen vier Jahren ist bei den Organspendern wieder ein leichter Anstieg zu verzeichnen. Von Januar bis Oktober dieses Jahres stieg die Zahl der Spender von 713 auf 736 (2010: 1.075). Im gleichen Zeitraum sank allerdings die Anzahl der entnommenen Organe von 2 501 auf 2 455 (2010: 3 490). Bei gespendeten Nieren war eine Zunahme von 1 235 auf 1 284 zu verzeichnen. Dagegen sanken die Spenden bei Herzen, Lungen, Lebern und Bauchspeicheldrüsen.

Insgesamt konnten in diesem Zeitraum 2 596 Organe (–2,4 %) aus dem Eurotransplant-Verbund transplantiert werden. Mit 60 % blieb die Zustimmungsquote der Angehörigen stabil. Für die mehr als 10 000 Patienten auf der Warteliste ein Hoffnungsschimmer, da vor allem nichtuniversitäre Kliniken verstärkt Kontakt zur DSO aufnahmen und den Rat eines Transplantationsbeauftragten zum Prozedere der Organentnahme suchten. In diesen Kliniken ohne neurochirurgische Abteilung wurden im Jahr 2014 nämlich nur 230, an den 38 Unikliniken dagegen 260 und an den 124 Kliniken mit Neurochirurgie 374 Organe gespendet. Bundesweit stehen in 1 255 Entnahmekliniken mittlerweile 1 718 Beauftragte, überwiegend aus der Intensivmedizin, bereit.

Postmortale Organspender in Deutschland im Monat Januar bis Oktober (Veränderung zum Vorjahr in Prozent)
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Postmortale Organspender in Deutschland im Monat Januar bis Oktober (Veränderung zum Vorjahr in Prozent)

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