ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2015Von schräg unten: Augenhöhe

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Augenhöhe

Dtsch Arztebl 2015; 112(48): [64]

Böhmeke, Thomas

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Der medizinische Fortschritt ist rasanter als der Nervenimpuls in einer myelinisierten A-Faser, wir ergründen immer mehr, präzisieren immer vollkommener, wissen immer besser Bescheid. Da ist es mehr als richtig, wenn altbackene Therapieprinzipien dem Mülleimer der Medizingeschichte überantwortet werden, sei es der Aderlass bei Tumoranämie, die Zwangsjacke bei Restless Legs, die Schilddrüsenresektion bei belastungsabhängiger Angina pectoris. Aber nicht nur die hehre Wissenschaft macht immense Fortschritte, sondern auch der Umgang mit unseren Schutzbefohlenen. Früher waren wir die Halbgötter in Weiß, deren gemurmelte, meist dem Latein entsprungene Wörter unwidersprochen Folge zu leisten waren. Heute bedienen wir uns nicht mehr des Lateins, sondern bevorzugen Akronyme, die mehr an einen Auffahrunfall von Großbuchstaben erinnern als Verständnis auslösen. Aber bis auf diese verzeihliche Unart im fachtäglichen Sprachgebrauch haben wir im Umgang mit unseren Schutzbefohlenen unglaubliche Fortschritte gemacht. Statt paternalistisch, also militaristisch-doktrinär, zu agieren, sind wir heute dem Respekt vor der Autonomie des Patienten verpflichtet, geben alles für eine wirkungsvolle Mitarbeit auf Augenhöhe, die gekrönt ist vom informed consent, der informierten Einwilligung.

Ja, liebe Kolleginnen und Kollegen, wir teilen unsere Kompetenz, auf dass der Erkrankte völlig selbstbestimmt und autonom eine umfassende Entscheidung treffen kann! Ist es nicht ein Traum, der wahr wird: Wir sagen dem Patienten nicht mehr, was er zu tun hat, sondern beraten ihn hingebungsvoll über alle Optionen der modernen Medizin! Wir sagen nicht mehr, was er lassen soll, sondern zeigen ihm voller Empathie alle denkbaren Wege zur Gesundung auf! Wir sagen nicht mehr, wann und wo er sich einer Operation zu unterziehen hat, sondern breiten vor ihm alle möglichen Versorgungswege auf! Wir sagen nicht mehr, dass ihn seine Befundberichte nichts angehen, sondern erarbeiten mit ihm eine perfekte Dokumentation! Ich für meinen Teil muss sagen, dass es einfach wundervoll ist, die Verantwortung zu teilen und auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten.

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Verantwortung teilen und Mitarbeit gestalten will ich auch bei meinem nächsten Patienten, der gerade nach erfolgreicher Behandlung glücklich und gesundet aus dem Krankenhaus entlassen wurde. „Quatsch, glücklich und gesund entlassen, Herr Doktor Böhmeke, ich bin stinksauer und habe mich selbst entlassen! Ich lag da zwei Tage, und nichts ist passiert, diese Bande hat es nicht zustandegebracht, meiner Berichte habhaft zu werden, damit sie überhaupt wissen, was sie zu tun haben!“ Oh, du meine Güte, das tut mir aber leid für ihn, das ist ja furchtbar, jetzt sind wir ja keinen Schritt weiter.

Aber wo befinden sich denn die Befundberichte, die so dringend für eine Behandlung notwendig sind? „Wo sollten die schon sein?! Sie sind lustig! Na, bei mir zu Hause!“ Und warum hat er sie nicht einfach mit in die Klinik genommen? „Also hören Sie mal, das hat mir keiner gesagt!“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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