ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenSUPPLEMENT: Neurologie 2/2015CYP450-Wechselwirkungen: Interaktionen niederpotenter Neuroleptika

SUPPLEMENT: Perspektiven der Neurologie

CYP450-Wechselwirkungen: Interaktionen niederpotenter Neuroleptika

Dtsch Arztebl 2015; 112(49): [19]; DOI: 10.3238/PersNeuro.2015.12.04.07

Petri, Holger

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Für diese Arzneimittelgruppe gibt es in vielen Bereichen keine Alternative. Sie müssen jedoch verantwortungsbewusst angewendet werden.

Konventionelle Antipsychotika werden anhand ihrer neuroleptischen Potenz in niederpotente, mittelpotente und hochpotente Neuroleptika eingeteilt. Mit steigender neuroleptischen Potenz nimmt der antipsychotische Effekt zu und der sedierende ab.

Niederpotente Neuroleptika wirken schwach antipsychotisch, dafür aber umso stärker sedierend und psychomotorisch dämpfend. Sie werden in der antipsychotischen Indikation kaum noch eingesetzt, eignen sich aber zur Sedierung psychomotorisch agitierter Patienten. Sie werden auch gegen Schlafstörungen und Ängste verordnet. Zu den niederpotenten Neuroleptika gehören unter anderem:

Anzeige
  • Chlorprothixen
  • Levomepromazin
  • Melperon
  • Pipamperon
  • Promethazin
  • Prothipendyl

Die niederpotenten Neuroleptika lassen sich chemisch unterteilen in Butyrophenone und Wirkstoffen mit trizyklischer Struktur (Phenothiazine und Phenothiazin-Analoge) (1). Hieraus leitet sich das unterschiedliche Nebenwirkungsprofil der Wirkstoffe ab.

Den beiden Butyrophenonen Melperon und Pipamperon fehlt eine anticholinerge Wirkung. Auch Alpha-1-Adrenorezeptoren werden nur in geringem Maße blockiert. Melperon und Pipamperon sind daher zur Sedierung bei psychomotorischen Erregungszuständen und zur Schlafinduktion auch im höheren Lebensalter geeignet (2). Die PRISCUS-Liste empfiehlt beide Substanzen als mögliche Therapie-Alternative für potenziell inadäquate Medikamente bei älteren Menschen (3). Vorteilhaft ist zudem, dass Melperon keine und Pipamperon nur geringe prokonvulsive Effekte besitzen (4).

Phenothiazine und Phenothiazin-Analoge hingegen antagonisieren verschiedene postsynaptische Rezeptoren. Wie das wegen seines kardiotoxischen Risikos nicht mehr empfohlene Thioridazin haben sie eine ausgeprägte anticholinerge und adrenolytische Komponente. Somit ist die Verträglichkeit aufgrund vegetativer (insbesondere kardiovaskulärer) Nebenwirkungen eingeschränkt. Chlorprothixen, Levomepromazin, Promethazin und Prothipendyl sollten daher nur als Mittel der Reserve bei Versagen geeigneter Alternativen Verwendung finden (2).

Für die Einschätzung des pharmakokinetischen Interaktionspotenzials der niederpotenten Neuroleptika auf Ebene der Cytochrom-P450-Enzyme (CYP) ist das Verhalten der einzelnen Substanzen zum Isoenzym CYP2D6 von maßgeblicher Bedeutung (Tabelle) (5).

Übersicht der Cytochrom-P450-assoziierten Interaktionen niederpotenter Neuroleptika
Tabelle
Übersicht der Cytochrom-P450-assoziierten Interaktionen niederpotenter Neuroleptika

Substrat von CYP2D6

Der Abbau von Chlorprothixen und Promethazin ist abhängig von der Funktionalität des polymorph exprimierten Enzyms CYP2D6 (2, 6). Wie bei Patienten mit genetisch bedingtem inaktivem CYP2D6 (Poor Metabolizer, PM) kann die gleichzeitige Medikation mit klinisch relevanten CYP2D6-Hemmern (Grafik) zu einem Anstieg der Plasmakonzentration führen. Das Risiko für unerwünschte ZNS-Effekte und eine QTc-Zeit-Verlängerung einschließlich gefährlicher Arrhythmien (Torsade-de-pointes (TdP)-Tachykardien) ist ohne Dosisanpassung erhöht (2, 6).

Inhibitoren von CYP2D6
Grafik
Inhibitoren von CYP2D6

Hemmung von CYP2D6

Levomepromazin, Melperon und Promethazin sind CYP2D6-Hemmer (Tabelle). Zahlreiche Arzneimittel werden primär über CYP2D6 abgebaut. Beispielsweise wird der Betablocker Metoprolol nahezu ausschließlich über dieses CYP-Isoenzym verstoffwechselt. Die Komedikation mit CYP2D6-Inhibitoren kann zu einem Plasmaanstieg des Betablockers führen. Typische unerwünschte Arzneimittelwirkungen wie Hypotonie und Bradykardie können verstärkt auftreten (7).

Zu „stillen Interaktionen“ kann es kommen, wenn ein Prodrug wie Codein mit CYP2D6-Inhibitoren kombiniert wird. Das niederpotente Opioid ist pharmakologisch inaktiv. Erst durch Bioaktivierung über CYP2D6 bildet sich aus Codein der analgetisch wirksame Metabolit Morphin. Wird dieser Schritt unterbunden, drohen subtherapeutische Morphin-Plasmaspiegel und damit ein Therapieversagen.

Analoge Überlegungen gelten auch für Tramadol, dessen über CYP2D6 gebildeter Metabolit O-Desmethyltramadol hauptsächlich zur analgetischen Wirksamkeit beiträgt (8).

Weitere Arzneimittel, deren Metabolismus von CYP2D6 abhängig ist, sind (2): Amitriptylin, Aripiprazol, Atomoxetin, Carvedilol, Clomipramin, Darifenacin, Dextromethorphan, Diphenhydramin, Donepezil, Doxepin, Duloxetin, Flecainid, Fluoxetin, Flupenthixol, Fluphenazin, Fluvoxamin, Galantamin, Haloperidol, Imipramin, Metoclopramid, Nebivolol, Nortriptylin, Opipramol, Paroxetin, Perphenazin, Promethazin, Propafenon, Propranolol, Risperidon, Sertindol, Tamoxifen, Tolterodin, Trimipramin, Venlafaxin, Vortioxetin, Zuclopenthixol.

Fazit

Aus der Gruppe der niederpotenten Neuroleptika weisen die beiden Wirkstoffe Melperon und Pipamperon das günstigste Nutzen-Risiko-Verhältnis auf. Bei Verordnung von Melperon ist sein Potenzial für pharmakokinetische Wechselwirkungen zu beachten.

DOI: 10.3238/PersNeuro.2015.12.04.07

Holger Petri

Zentral-Apotheke der Wicker Kliniken, Bad Wildungen

Interessenkonflikt: Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4915

1.
Mutschler E, et al.; Mutschler Arzneimittelwirkungen: 10. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
2.
Benkert O, Hippius H, et al.: Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie: 10. Auflage. Springer Medizin Verlag, 2014.
3.
Holt S, Schmiedl S, Thürmann PA: Potenziell inadäquate Medikation für ältere Menschen: Die PRISCUS-Liste. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(31–32): 543–51 VOLLTEXT
4.
Meyer A: Anfallssteigernde Wirkung von Medikamenten. Nervenheilkunde 2004; 23: 210–3.
5.
Petri H: Analyse von CYP450-Wechselwirkungen, Einführung am Beispiel der niederpotenten Neuroleptika. Krankenhauspharmazie 2013; 34: 15–9.
6.
Fachinformation Truxal®. Stand: Oktober 2014.
7.
Petri H: Das Interaktionspotenzial der Betablocker. Krankenhauspharmazie 2013; 34: 157–9.
8.
Petri H: Das Interaktionspotenzial niederpotenter Opioide. Krankenhauspharmazie 2014; 35: 161–3.
Inhibitoren von CYP2D6
Grafik
Inhibitoren von CYP2D6
Übersicht der Cytochrom-P450-assoziierten Interaktionen niederpotenter Neuroleptika
Tabelle
Übersicht der Cytochrom-P450-assoziierten Interaktionen niederpotenter Neuroleptika
1.Mutschler E, et al.; Mutschler Arzneimittelwirkungen: 10. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
2.Benkert O, Hippius H, et al.: Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie: 10. Auflage. Springer Medizin Verlag, 2014.
3.Holt S, Schmiedl S, Thürmann PA: Potenziell inadäquate Medikation für ältere Menschen: Die PRISCUS-Liste. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(31–32): 543–51 VOLLTEXT
4.Meyer A: Anfallssteigernde Wirkung von Medikamenten. Nervenheilkunde 2004; 23: 210–3.
5.Petri H: Analyse von CYP450-Wechselwirkungen, Einführung am Beispiel der niederpotenten Neuroleptika. Krankenhauspharmazie 2013; 34: 15–9.
6.Fachinformation Truxal®. Stand: Oktober 2014.
7.Petri H: Das Interaktionspotenzial der Betablocker. Krankenhauspharmazie 2013; 34: 157–9.
8.Petri H: Das Interaktionspotenzial niederpotenter Opioide. Krankenhauspharmazie 2014; 35: 161–3.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote