ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2015Körperbilder: Sam Jinks (*1973) – In äußerster Verletzung erstarrt

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Sam Jinks (*1973) – In äußerster Verletzung erstarrt

Dtsch Arztebl 2015; 112(49): [64]

Schuchart, Sabine

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Sam Jinks: „Still life (Pietà)“, 2007, Silikon, Kunsthaar, Echthaar, Textil, 160 × 123 cm: Ein alltäglich gekleideter Mann mittleren Alters hält in seinem Schoß den gebrechlichen nackten Körper eines Greises, der offensichtlich tot ist. Beide Gestalten sind ungemein realistisch dargestellt. Bis ins Detail anatomisch exakt formte Jinks den faltigen, ausgemergelten Leib des alten Mannes und verarbeitete dabei sogar Echthaar. Die Idee zu seiner Skulptur entstand durch Michelangelos Pietà im Petersdom. © Sam Jinks/Sullivan+Strumpf 2015
Sam Jinks: „Still life (Pietà)“, 2007, Silikon, Kunsthaar, Echthaar, Textil, 160 × 123 cm: Ein alltäglich gekleideter Mann mittleren Alters hält in seinem Schoß den gebrechlichen nackten Körper eines Greises, der offensichtlich tot ist. Beide Gestalten sind ungemein realistisch dargestellt. Bis ins Detail anatomisch exakt formte Jinks den faltigen, ausgemergelten Leib des alten Mannes und verarbeitete dabei sogar Echthaar. Die Idee zu seiner Skulptur entstand durch Michelangelos Pietà im Petersdom. © Sam Jinks/Sullivan+Strumpf 2015

Das Landesmuseum Hannover präsentiert derzeit in einer sehenswerten Ausstellung zur Darstellung der Madonna in der Kunstgeschichte das Werk eines Gegenwartskünstlers, dessen Skulptur „Still life (Pietà)“ auf den ersten Blick nicht zum Thema zu passen scheint. Erst die berühmte Vorlage, die den Australier Sam Jinks inspirierte, verdeutlicht den Zusammenhang: Michelangelos Pietà aus Marmor, in der Maria, die Schmerzensmutter, ihren vom Kreuz abgenommenen Sohn im Schoß hält. In Jinks hyperrealistischer Skulptur aus Silikon, Kunsthaar, Echthaar und Textil dagegen betrauert ein namenloser Sohn seinen toten Vater. Beide Figuren weisen eine fast identische Körperhaltung mit Michelangelos Maria und Christus auf. Doch in Jinks Darstellung hat ein jüngerer Mann den nackten Körper eines Greises auf seine Oberschenkel gebettet.

Anlässlich der Ausstellung „In the flesh“ 2014/15 in der National Portrait Gallery im australischen Canberra, an der Jinks teilnahm, betonte der Bildhauer seine Bewunderung für Michelangelos Pietà: „Für Gläubige ein Bildnis, das hilft, Leid und Schmerz des Lebens zu bewältigen. Die Frage ist, wie kann man heute ein solches Bild schaffen, das in dieser Weise tröstet? Ich machte ,Pietà‘, als meine Großmutter, der ich sehr nahe stand, starb. Leider habe ich nicht die Gabe des Glaubens.“ Die existenziellen Stationen des Lebens wie Geburt und Tod, Intimität und die Fragilität des Daseins sind die Themen, mit denen Jinks emotional berühren will. Dazu zeigt er seine in einem Moment äußerster Verletzung wie erstarrt wirkenden Figuren wie in „Still Life“ mit geschlossenen oder abgewandten Augen und etwas kleiner als lebensgroß – um dem Betrachter den voyeuristischen Blick auf sie zu erleichtern und in der Distanz die eigene Verletzlichkeit erfahrbar zu machen.

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Jinks, der in Australien und Asien bekannter ist als in Europa, gehört mit seinen Arbeiten zum Hyperrealismus, einer Kunstrichtung, die in der Bildhauerei die australischen Künstler Ron Mueck und Patricia Piccinini zu ihren Wegbereitern zählt. Wie Mueck lernte Jinks sein Handwerk bei Film und TV, für die er seit mehr als 20 Jahren Monstern und toten Körpern Gestalt verlieh. Anonym – als Modellbauer für Künstlerkollegin Piccinini – war er bereits 2003 bei der Biennale in Venedig vertreten. Zehn Jahre später, 2013, stellte er dann dort seine eigenen Skulpturen vor.

Sabine Schuchart

Ausstellung

„Madonna. Frau – Mutter – Kultfigur“

Niedersächsisches
Landesmuseum,
Willy-Brandt-
Allee 5, Hannover;

Di.–Fr. 10–17,
Sa./So. 10–18 Uhr;

www.landesmuseum-hannover.de

bis 14. Februar 2016

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Avatar #84550
gennadij
am Mittwoch, 9. Dezember 2015, 22:25

Herr

Ich bin bemühnder Christ.
Im Bild sehe ich weder Leidende noch "Schmrzende" Schöpfungen, die sich widerspenstig seines Verstandes bedienen, aber zu dritt (dritte ist Schöpfer, der gegenwärtige Künstler), ja, aber zu dritt lebendig sind.

Gennadij

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