KULTUR

Friedrich Dürrenmatt (1921–1990): Krankheitsmetaphorik als Leitmotiv

Dtsch Arztebl 2015; 112(49): A-2104 / B-1734 / C-1680

Sandra Krämer

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In seinen Figurenensembles finden sich häufig Aberrationen des physisch und psychisch Normalen. Oft halten die Betroffenen auf groteske Weise an einer heilen Welt fest, die für die anderen bereits untergegangen ist.

„Wenn Sie mit 25 Jahren zuckerkrank werden, kaufen Sie sich erst mal ein medizinisches Buch. Dann wissen Sie, das ist unheilbar, das hat man ein Leben lang. Und dann kommen alle diese Dinge, von denen Sie ge- lesen haben. Wenn Sie pinkeln, wird der Teststreifen grün. Das ist der grüne Tod. Sie werden immer wieder daran erinnert, dass Sie etwas haben, mit dem Sie le- ben müssen und das zum Tode führt.“ aus: Dürrenmatt über Dürrenmatt: „Man wird immer mehr eine Komödie“, 1990. Fotos: picture alliance
„Wenn Sie mit 25 Jahren zuckerkrank werden, kaufen Sie sich erst mal ein medizinisches Buch. Dann wissen Sie, das ist unheilbar, das hat man ein Leben lang. Und dann kommen alle diese Dinge, von denen Sie ge- lesen haben. Wenn Sie pinkeln, wird der Teststreifen grün. Das ist der grüne Tod. Sie werden immer wieder daran erinnert, dass Sie etwas haben, mit dem Sie le- ben müssen und das zum Tode führt.“ aus: Dürrenmatt über Dürrenmatt: „Man wird immer mehr eine Komödie“, 1990. Fotos: picture alliance

Lässt sich die heutige Welt etwa, (…) mit der Dramatik Schillers gestalten“, fragt Friedrich Dürrenmatt in seiner 1955 erschienenen Dramentheorie provokativ-rhetorisch. „Die heutige Welt, wie sie uns erscheint“, eine „im Gesichtslosen, Abstrakten versunken(e)“, deren Geschehen nicht mehr von „tragischen Helden“ bestimmt wird, sondern anonymen Machtapparaten, die sich jeglicher Kontrolle und jedem Rechtfertigungszwang entziehen. Dürrenmatts Antwort: weg von der Tragödie im klassischen Stil. – „Uns kommt nur noch die Komödie bei.“ Die Komödie, genauer in ihrer Spielform der Groteske, in der sich das Lustige mit dem Grausigen, das Lächerliche mit dem Entsetzlichen paart und dem Betrachter das Lachen im Halse stecken bleibt.

Die absurde, makabre, aber stets amüsante Literatur Dürrenmatts, der mit einem seiner ersten dramatischen Versuche Es steht geschrieben 1947 gleich einen Theaterskandal in Zürich entfachte, fünf Jahre später mit Die Ehe des Herrn Mississippi seinen literarischen Durchbruch hatte, und mit Der Besuch der alten Dame (1956) zu Weltruhm gelangte, lebt von diesen grotesken Verzerrungen. Nur so gelingt es, Heuchelei, Falschheit und Absurdität der Welt demonstrativ vorzuführen. Eine Welt, die, behauptet der Schweizer Autor, nicht verändert werden könne, sondern einfach ertragen werden müsse.

Die Welt wird nicht dadurch besser, dass sie den Täter zur Strecke bringen. Das wissen auch die Protagonisten seiner erfolgreichen Kriminalgeschichten, mit denen die schriftstellerische Laufbahn Dürrenmatts neben dem Verfassen von Hörspielen und Theaterkritiken begann. Seine Requien auf den Kriminalroman sind entgegen dem bewährten Schema der Detektion angelegt. Keine deterministisch begründete, logisch stringente Aufdeckung eines Falles stellt die Rationalität der Welt unter Beweis und die Gerechtigkeit in ihr wieder her. Stattdessen agieren die Hüter des Gesetzes ohnmächtig im aussichtslosen Kampf gegen Zufall und Unvorhersehbares. So verbeißt sich Kommissar Matthai, der den Eltern eines Triebverbrecheropfers Das Versprechen (1958) gibt, den Fall aufzuklären, in sein Vorhaben, mittels eines kindlichen Köders den Verbrecher zu überführen. In feinster kafkaesker Manier sitzt er am Ende als ein halbwahnsinniger Mann am Straßenrand, der für immer auf den niemals eintreffenden Täter – da dieser zwischenzeitlich bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist – vergeblich warten wird. In Dürrenmatts kriminalistischem Debüt 1950 hingegen bietet ein Mord die willkommene Möglichkeit, einen bis dahin überlegenen Verbrecher für eine frühere Tat, deren man ihn nicht überführen konnte, sühnen zu lassen, indem man ihn verantwortlich macht für einen Mord, den er gar nicht begangen hat. Hier spielt der Kommissar den Richter und setzt den wahren Mörder als seinen Henker ein. Die Hauptfigur: Kommissar Bärlach, krank und siech, Diagnose: Magenkrebs, Symbol seiner Angegriffenheit und Todesverfallenheit.

Krankheit als Stilmittel

Die Krankheitsmetaphorik, die leitmotivisch Dürrenmatts Werk durchzieht, ist vielseitig in seiner Darstellung der Aberrationen vom physisch und psychisch Normalen seines Figurenensembles. Äußerliche Missbildungen, Anzeichen einer inneren Deformation, weisen das Dienstmädchen Lukrezia in Die Ehe des Herrn Mississippi, Appollonia Streuli aus Frank der Fünfte (1959) sowie Rosa und Rosarot in Die Frist (1977) auf. Die Inkarnation des Bösen findet sich in der buckligen Mathilde von Zahnd aus den Physikern, die noch übertroffen wird von dem Prothesenmenschen Claire Zachanassia. Von Rachewahn und pervertiertem Gerechtigkeitssinn ist Der Besuch der alten Dame beherrscht. Der einzige gesunde Mensch in Güllen, Alfred Ill, wird getötet, die Eunuchen zur Strafe „kastriert und geblendet“ und „nach Bangkok in die Opiumhölle geschickt“. Der dem Wahn verfallenen Judith Knipper-Dollincks begegnen wir in Es steht geschrieben und erneut in Der Wiedertäufer (1967), und Ottilie aus Frank der Fünfte zeichnet sich durch eine alle Lebensbereiche durchziehende Realitätsflucht aus. Sinnesschädigungen, wie die Schwerhörigkeit Simone Fuhrs in Die Panne (1956), Archilochos Kurzsichtigkeit (Grieche sucht Griechin, 1955) und die Blindheit des Herzogs in Der Blinde (1948), tragen hingegen zu einer veränderten Weltwahrnehmung bei. Durch sie halten die Betroffenen auf groteske Weise an einer heilen Welt fest, die für die anderen bereits untergegangen ist.

Drama als Experiment

Gerecht sein zu wollen in einer Welt, die Gerechtigkeit gar nicht zulässt, ist sinnlos, so die Haltung Dr. Emmenbergers, Gegenspieler Bärlachs aus Der Verdacht (1951). In Dürrenmatts Fortsetzung versucht der Kommissar vergeblich, den ehemaligen KZ-Arzt, der in einer angesehenen Schweizer Klinik sein sadistisches Gewerbe fortführt, zur Verantwortung zu ziehen. Aus dessen ausschließlichen Glauben an wissenschaftlich haltbare Dinge leitet dieser seine grenzenlose Freiheit ab, die ihm keinerlei Verpflichtungen oder moralische Skrupel auferlegt. Die Verbrechen der Mediziner im Nationalsozialismus greift Dürrenmatt erneut in Die Frist (1977) auf. In der am Sterbebett General Francos spielenden politischen Satire prangert er aber vor allem die medizinischen Praktiken der Moderne an; lebensverlängernde Maßnahmen, die einen würdevollen Tod verhindern.

Einfach nur „ehrlich sterben“ dürfen. Diesen Wunsch verweigert man auch Hauptprotagonist Wolfgang Schwitter, genannt Der Meteor, der das Leben nur noch als „eine Schindluderei der Natur“ betrachtet. Wie eine Lichtgestalt, die auf die Erde niedergeht, wirkt sich stattdessen seine Vitalität auf sein unmittelbares Umfeld aus: Todesfälle, Existenzvernichtung, Zerstörung. Dürrenmatts 1966 uraufgeführte bitterböse Parodie auf den Umgang mit dem Tod, die mit dem Hilferuf „Wann krepiere ich denn endlich!“ endet, gleicht einer Versuchsanordnung mit hypothetischen Ereignissen, wie dem wiederholten Sterben und Wiederauferstehen eines Menschen, und den daraus resultierenden Folgen. „Die Situation mag unwahrscheinlich sein, was sich aus ihr entwickelt, ist es nicht.“ Nach dem Vorbild der Naturwissenschaften erprobt der Autor, was sich ergibt, wenn am Modell eine Geringfügigkeit verändert wird.

Irrenhaus als Modell der Welt

Jedoch verlegt Dürrenmatt seine dramatischen Experimente nicht etwa in ein Laboratorium, sondern wiederholt ins Ir

Mathilde von Zahnd, die ärztliche Leiterin des Sanatoriums, will in den Besitz der Weltformel gelangen. Bild aus der aktuellen Neuinszenierung von „Die Physiker“ am Hamburger Schauspielhaus.
Mathilde von Zahnd, die ärztliche Leiterin des Sanatoriums, will in den Besitz der Weltformel gelangen. Bild aus der aktuellen Neuinszenierung von „Die Physiker“ am Hamburger Schauspielhaus.
renhaus. An diesem Schauplatz ereignen sich Szenarien, die die Grenzen der Vorstellungskraft überschreiten. Bekanntestes Beispiel sind Die Physiker (1962), wo es um die Frage nach der Verantwortung des Naturwissenschaftlers geht: Ein Luxus-Privatsanatorium für nervenkranke Millionäre, eine bucklige Irrenärztin, Geheimagenten ausgesandt von östlichen und westlichen Regierungen, um sich in den Besitz der Weltformel zu bringen, ermordete Krankenschwestern, ein ratloser Kommissar. Im Mittelpunkt stehen drei ehemalige Kernphysiker als angebliche Irre. Sich der Tragweite ihrer wissenschaftlichen Entdeckung und ihrer ethischen Verantwortung gegenüber der Menschheit bewusst, beschließen sie gemeinsam im Irrenhaus zu bleiben, damit die Welt nicht der Vernichtung anheimfällt. „Nur im Irrenhaus sind wir noch frei. Nur im Irrenhaus dürfen wir noch denken, in der Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff.“ Am Ende ist jedoch „die Welt (…) in die Hände“ der einzig tatsächlich Verrückten „gefallen“, und darüber werden die vormals nur simulierenden Irren nun wirklich verrückt.

Auch in seiner letzten Komödie Achterloo (1983) greift Dürrenmatt das Modell Irrenhaus auf. Die politische Auseinandersetzung zwischen Parteistaat, Gewerkschaft und Kirche in Polen kurz vor der Verhängung des Kriegsrechtes 1981, werden von den Patienten einer psychiatrischen Anstalt nachgespielt. Die Irren schlüpfen in Maske und Kostüme aus dem Fundus der Historie und liefern wahres Politkabarett: General Jaruzelski alias Napoleon, Lech Walesa in der Gestalt des Märtyrers Jan Hus und Robespierre als Chefideologe Moskaus. Die Kirche, vertreten durch Kardinal Richelieu, mischt mit; Amerika ist mit Benjamin Franklin dabei, und alle tummeln sie sich im Bett der Hure der Nation. Doch das Rollentherapiespiel schlägt um in bittere Realität. Mord und Totschlag auf der Anstaltsbühne, vergebliches Eingreifen der Ärzte. Fazit: die Welt ist ein Irrenhaus.

Lässt sich für Dürrenmatt auch „die heutige Welt (…) schwerlich in der Form des geschichtlichen Dramas Schillers bewältigen“, weil dieses eine überschaubare „sichtbare Welt voraus(setzte)“, so haben die beiden Dramatiker doch eins gemeinsam. „Das ständige Wissen, dass mein Körper krank ist.“ Friedrich Dürrenmatt litt schon früh an Diabetes. Genau wie Schiller betrachtet er Krankheit jedoch als einen Widerstand, den es zu überwinden gilt. Und wie bei Schiller hilft „gegen die (Krankheit) nur das Schreiben“. Und „wenn Sie Ihren Gegenstand mal loslassen, stürzen Sie in eine große Leere.“

Am 14. Dezember vor 25 Jahren starb Friedrich Dürrenmatt.

Sandra Krämer M.A.,

Sandra.Kraemer@studium.uni-hamburg.de

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