ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2015Alternativmedizin: Sachliche Argumentation

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Alternativmedizin: Sachliche Argumentation

Dtsch Arztebl 2015; 112(49): A-2100 / C-1676

Kuhn, Joseph

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Der Band versammelt fünf Aufsätze, die weniger durch Homöopathie-Kritik als durch die Frage nach einer guten Medizin zusammengehalten werden. Der erste Beitrag ist ein medizinhistorischer Rückblick von Uwe Heyl auf den Magnetismus Mesmers Ende des 18. Jahrhunderts – der Zeit übrigens, in der auch die Homöopathie ihre Wurzeln hat. Heyl arbeitet die besondere Relevanz des Vertrauens in die Alternativmedizin für den subjektiv wahrgenommenen Behandlungserfolg heraus. Für Heyl ist die Alternativmedizin vor allem „Bedeutungsmedizin“, erst daraus erschließe sich der Stellenwert der therapeutischen Rituale, über die sich dann Patienten wie Therapeuten gleichermaßen täuschen, wenn sie Wirkungen, zum Beispiel an den Globuli, festmachen.

Im zweiten Aufsatz diskutiert Norbert Schmacke am Beispiel der Homöopathie die rechtliche Sonderstellung der „besonderen Therapierichtungen“. Während in der Medizin wissenschaftlich anerkannte Wirksamkeitsnachweise gefordert werden, gilt für die besonderen Therapierichtungen der „Binnenkonsens“, im Prinzip reicht Einigkeit unter den Anhängern der jeweiligen Therapierichtung. Therapien können aber nicht als bewährt gelten, nur weil sie in bestimmten Kreisen seit langer Zeit oder häufig angewandt werden. Der dritte Beitrag, von Edzard Ernst und Norbert Schmacke, ergänzt diese Kritik am Beispiel der Anthroposophischen Medizin und ihrer Misteltherapie zur Behandlung von Krebs.

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Daran anschließend gehen Martin Härter, Jörg Dirmaier und Norbert Schmacke auf das Thema Patientenorientierung ein, zum Beispiel was Patientenaufklärung und partizipative Entscheidungsfindung angeht. Die Autoren sehen gerade hier gravierende Defizite in der Alternativmedizin und ein Verharren in paternalistischen Arzt-Patientenbeziehungen: So kritisch die Patienten der „Schulmedizin“ gegenüber sind, so unkritisch sind sie gegenüber der Alternativmedizin.

Der letzte Beitrag, von Trisha Greenhalgh, Jeremy Howick und Neal Maskrey, reflektiert Vereinseitigungen der evidenzbasierten Medizin und plädiert für eine Rückbesinnung auf deren Grundanliegen: Orientierung am individuellen Patienten, Suche nach der bestmöglichen Entscheidung statt schematische Regeln, Einbeziehung der Patienten.

Die Autoren führen erfreulicherweise keinen polemischen Kreuzzug gegen die Alternativmedizin, sondern argumentieren sachlich gegen die rechtliche Sonderstellung der besonderen Therapierichtung und für eine patientenorientierte Weiterentwicklung der Medizin, mit einer klaren Kernbotschaft: Wer eine Medizin will, die möglichst frei von systematischen Irrtümern, überholten Traditionen und wirtschaftlichen Interessen ist, muss mit der doppelten Messlatte bei der Bewertung von Therapien aufhören. Joseph Kuhn

Norbert Schmacke (Hrsg.): Der Glaube an die Globuli. Suhrkamp, Berlin 2015, 244 Seiten, kartoniert, 14 Euro

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