ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2015Transplantationsmedizin: Neues Zeitalter angebrochen

POLITIK

Transplantationsmedizin: Neues Zeitalter angebrochen

Dtsch Arztebl 2015; 112(49): A-2076 / B-1714 / C-1661

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Mehr Kontrolle und Transparenz bescheinigen Überwachungs-und Prüfungskommission mittlerweile der deutschen Transplantationsmedizin. Die Untersuchung der Programme im Prüfzeitraum 2010 bis 2012 ist nun abgeschlossen.

Es war eine Mammutaufgabe: Akribisch genau haben die Mitglieder der Überwachungskommission und der Prüfungskommission, die gemeinsam von Bundes­ärzte­kammer, Deutscher Krankenhausgesellschaft und dem Spitzenverband der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung getragen werden, in den vergangenen drei Jahren die Krankenakten von insgesamt 4 308 Empfängern postmortal gespendeter Organe durchgesehen. Mit ihrem Ende November in Berlin vorgestellten Jahresbericht 2014/2015 haben die Kommissionen damit die flächendeckende Überprüfung aller 46 Transplantationszentren beziehungsweise aller 126 Transplantationsprogramme in Deutschland für den Zeitraum 2010 bis 2012 – also den Zeitraum vor den Skandalen und vor den gesetzlichen Änderungen in der Transplantationsmedizin – abgeschlossen. Bundesweit untersuchten sie konkret 23 Herztransplantations-Programme, 14 Lungen­trans­plan­ta­tions-Programme, 24 Lebertransplantations-Programme, 40 Nierentransplantations-Programme und 25 Pankreastransplantations-Programme auf Richtlinienverstöße, Manipulationen und Unstimmigkeiten.

Nachdem die Kommissionen in vergangenen Berichten bereits ausführlich auf die Lebertransplantationen eingegangen waren, standen im aktuellen Jahresbericht die anderen Programme im Mittelpunkt. Für 2010 bis 2012 fanden die Untersucher im Bereich der Nierentransplantationen keine Anhaltspunkte für systematische Richtlinienverstöße oder Manipulationen, sondern lediglich vereinzelte Dokumentationsfehler. Auch bei den Pankreas– und kombinierten Nieren-Pankreastransplantationen stellten sie keine Auffälligkeiten fest.

Anzeige

Die Prüfungen der Herztransplantations-Programme zeigten zwar auch, dass der überwiegende Teil der Transplantationszentren ordnungsgemäß und korrekt gearbeitet hat. „Bei den nachgängigen Prüfungen des Deutschen Herzzentrums Berlin und der Herzchirurgischen Klinik und Poliklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München – Campus Großhadern fanden wir jedoch systematische Manipulationen und Auffälligkeiten“, sagte die Vorsitzende der Prüfungskommission, Anne-Gret Rinder. Auch am Universitätsklinikum Heidelberg, am Universitätsklinikum Jena und am Universitätsklinikum Köln-Lindenthal hätte es damals systematische Richtlinienverstöße gegeben.

Bei den Prüfungen der Lungen­trans­plan­ta­tions-Programme sei sogar für den Zeitraum 2010 bis 2012 eine Vielzahl an Auffälligkeiten festgestellt worden, sagte Rinder. Diese seien aber in den meisten Fällen auf Versehen, Unkenntnis oder mangelnde Sorgfalt zurückzuführen gewesen.

Die Maßnahmen greifen

Rinder blickt optimistisch in die Zukunft: „Nach Bekanntwerden des Transplantationsskandals im Sommer 2012 haben Politik und Selbstverwaltung ein ganzes Maßnahmenbündel für mehr Kontrolle und Transparenz in der Transplantationsmedizin auf den Weg gebracht. In vielen Transplantationszentren ist ein Struktur- und Kulturwandel erkennbar. Heute können wir sagen, dass diese Maßnahmen greifen“, betonte sie mit Verweis auf das 2012 eingeführte Mehraugenprinzip bei der Anmeldung von Patienten zur Transplantation und die interdisziplinären Transplantationskonferenzen. Die Zusammenarbeit mit den Landesministerien, die als Aufsicht der Transplantationszentren verbindlich in die Kontrollen einbezogen sind, funktioniere ebenfalls reibungslos, ergänzte Prof. Dr. med. Hans Lippert, Vorsitzender der Überwachungskommission.

Seit November 2012 können sich zudem Bürger und Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen an die unabhängige Vertrauensstelle Transplantationsmedizin wenden und dieser Hinweise auf Auffälligkeiten mitteilen. „Dabei ist auch die Möglichkeit einer anonymen Kontaktaufnahme vorgesehen“, erläuterte Prof. Dr. jur. Ruth Rissing-van Saan, Leiterin der Vertrauensstelle.

„Ein neues Zeitalter der Transplantationsmedizin ist angebrochen“, fasste Prof. Dr. jur. Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundes­ärzte­kammer, die Hinweise auf die verschiedenen neuen Kontrollsysteme in den Transplantationszentren zusammen. Diese hätten in den Krankenhäusern nicht nur einen Kulturwandel angestoßen, sondern beeinflussten auch die Richtlinienarbeit der Ständigen Kommission Organtransplantation. Lilie verwies dabei auf die überarbeitete Richtlinie für die Wartelistenführung und Organvermittlung zur Lebertransplantation, die aufgrund der überarbeiteten Regelung zur Alkoholabstinenz auf ein erhöhtes öffentliches Interesse gestoßen war (siehe Pro und Kontra im folgenden Beitrag). „Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, das seit Herbst 2013 die Richtlinien der Ständigen Kommission genehmigen muss, hat der Richtlinie kürzlich unverändert zugestimmt“, berichtete er.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

@Ein ausführliches Gespräch mit den Kommissionsvorsitzenden Anne-Gret Rinder und Hans Lippert im Internet:
www.aerzteblatt.de/151932 oder über QR-Code

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema