ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2015Transplantationsmedizin: Der ausgefallene Skandal

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Transplantationsmedizin: Der ausgefallene Skandal

Dtsch Arztebl 2015; 112(49): A-2059 / B-1699 / C-1647

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt,
Stellv. Chefredakteur

Skandale sind seit jeher Futter für die Medien: Die Watergate-Affäre und der Contergan-Skandal zählen zu den bekanntesten. Aktuell sind der Volkswagen-Konzern und der Deutsche Fußballbund die Schlagzeilenlieferanten. Etwas aus dem Fokus geraten war der Transplantationsskandal. Bis zur letzten Woche. Nachrichtenagenturen meldeten neue Manipulationen in mehreren Universitätskliniken und eine Kölner Zeitung titelte: „Transplantationsskandal erschüttert Vertrauen in Kölner Uniklinik“. Schnell wurden wieder Vorwürfe laut, man wolle die Vorgänge unter den Teppich kehren. Hatten die Medien nach dem Göttinger Transplantationsskandal weitere Verfehlungen aufgedeckt? Ein neuerlicher, noch größerer Skandal in der Transplantationsmedizin? Die Antwort lautet: Nein.

Denn die Schlagzeilen las man ein paar Tage, bevor die Überwachungskommission und Prüfungskommission ohnehin routinemäßig die Ergebnisse ihrer Überprüfung der deutschen Transplantationszentren vorstellen wollte (Seite 2076). Also kein investigativer Journalismus, der vor drei Jahren noch zu Recht den Finger in die Wunde der Transplantationsmedizin gelegt hatte. Dieses Mal war es eine aufgebauschte Vorabinformation, der auch nur wenige Medien folgten. Denn die Kommissionen machten kurze Zeit später ebenfalls systematische Regelverstöße und Manipulationen öffentlich. Nur fundierter und detaillierter.

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2012 war der gesetzliche Auftrag an die beiden Kommissionen ergangen, sämtliche Transplantationsprogramme mindestens einmal zu prüfen und die Ergebnisse zu veröffentlichen. Daher gilt: Nicht die Recherche von Journalisten hat etwas zutage gebracht, die Selbstverwaltung hat schlicht ihre Arbeit gemacht. So ist auch der oft geforderte Ruf nach staatlicher Kontrolle unverständlich. Denn eine solche würde auch Experten beauftragen, die ebenso akribisch wie die jetzigen Kommissionen prüften – mit denselben Ergebnissen.

Die jetzt festgestellten Unregelmäßigkeiten – die große Mehrheit der Zentren arbeitet unauffällig – sind ohne Frage unverzeihlich, machen aber zugleich deutlich, dass die Maßnahmen, die 2012 im Zuge des Göttinger Transplantationsskandals umgesetzt wurden, wie eben die flächendeckende Prüfung der Transplantationsprogramme, greifen. Ein neuer Skandal ist daher im November 2015 nicht auszumachen. Umso mehr kann man sich fragen, warum der taz zufolge „die schwelende Krise der Transplantationsmedizin in Deutschland nun in ein akutes Stadium getreten“ ist. Das „akute Stadium“ liegt drei Jahre zurück. Seitdem sind die gesetzlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen andere. Maßnahmen, wie die Transplantationskonferenzen, das Mehraugenprinzip, die umfassende Überprüfung der Zentren und die Strafverschärfung für Manipulationen, sind Grundlage dafür, künftige Regelverstöße zu verhindern.

Klar ist aber auch: Jede Manipulation ist eine zu viel. Transparenz und verbesserte Strukturen in der Transplantationsmedizin müssen oberste Priorität haben. Nur so lässt sich das Vertrauen der Bevölkerung in die Organspende zurückgewinnen. Hilfreich ist dabei das angestrebte neue Kommunikationsmodell, nach dem die Kommissionen künftig anlassbezogen über Prüfungen informieren wollen. Das lässt Skandalmeldungen, die die Bevölkerung verunsichern, erst gar nicht zustande kommen. Frei nach dem Motto „Tue Gutes und rede darüber.“

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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