ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2015Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung: Professuren für den Kinderschutz

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Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung: Professuren für den Kinderschutz

Bühring, Petra

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Die Arbeit am bundesweit einmaligen Kompetenzzentrum Kinderschutz in der Medizin am Universitätsklinikum Ulm wird verstetigt: Das Land Baden-Württemberg sagte zwei Juniorprofessuren zu. Der Forschungsbedarf ist hoch.

Sobald ein neuer spektakulärer Fall von Kindesmisshandlung oder Kindesmissbrauch die Republik erschüttert, schlagen die Wellen hoch und die Forderungen für einen verbesserten Kinderschutz werden laut. Dabei ist bekannt, was getan werden müsste. Der unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, stellt seit Jahren klare Forderungen. Dazu zählt für alle im medizinischen Bereich Tätigen vor allem eine verbesserte Aus-, Fort- und Weiterbildung. Zudem besteht ein hoher Bedarf an Gesundheitsforschung. Andere europäische Länder haben eigene Professuren im medizinischen Kinderschutz – Deutschland hat solche Planstellen nicht. Das soll sich nun ändern.

Baden-Württemberg hat auf die Forderungen reagiert: Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst fördert von Anfang 2013 bis Ende 2015 das interdisziplinäre Kompetenzzentrum Kinderschutz in der Medizin am Universitätsklinikum Ulm, in dem die Fachgebiete Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Kinder- und Jugendheilkunde sowie die Rechtsmedizin vertreten sind. Zudem entwickelte sich dort vor allem in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, unter der Leitung von Prof. Dr. med. Jörg. M. Fegert, ein bundesweiter Forschungsschwerpunkt.

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E-Learning-Angebote

Bei der Jahrestagung des Kompetenzzentrums am 12. November in Ulm hat nun Ministerialdirektorin Dr. Simone Schwanitz vom Wissenschaftsministerium eine Verstetigung der Arbeit des Zentrums durch die Einrichtung von zwei auf sechs Jahre angelegte W1-Professuren angekündigt. Eine der Professuren ist als Tenure-Track-Stelle ausgestattet und wird nach erfolgter Evaluation nach sechs Jahren als ordentliche W3-Professur weitergeführt.

„Mit einer Weiterfinanzierung durch die beiden Professuren tragen wir auch unserer Aufgabenstellung im Kinderschutz Rechnung“, sagte Schwanitz. Besonders hervor hob sie die neuen Angebote in der Aus- und Fortbildung in Form von Präsenzveranstaltungen und E-Learning-Angeboten, die das Thema Kinderschutz zum dauerhaften Bestandteil der medizinischen Lehre machen. So wird beispielsweise über das E-Learning-Projekt ECQAT (Entwicklung eines E-Learning-Curriculums zur ergänzenden Qualifikation) der Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen mit Hilfe von Traumatherapie und Traumapädagogik geschult (https://ecqat.elearn ing-kinderschutz.de/).

„Die WHO hat festgestellt, dass 90 Prozent der Misshandlungsfälle in Europa auch von Krankenhäusern nicht wahrgenommen werden“, betonte Fegert. Die WHO erkläre deshalb für Europa Kinderschutz zu einer „zentralen Gesundheitsherausforderung“. Der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie in Ulm verwies darüber hinaus auf Kosten von rund elf Milliarden Euro, die Deutschland durch die Folgen von Kindesmissbrauch und Misshandlung jährlich entstünden. Im Umgang mit Betroffenen plädierte er dafür, diese frühzeitig in Planung, Entwicklung und Durchführung von Forschungsprojekten einzubeziehen. „Betroffene dürfen – auch entsprechend der Bonner Ethikerklärung – nicht auf Forschungsobjekte reduziert werden“, sagte Fegert. Hohen Forschungsbedarf sieht er zudem bei den Verläufen in Hochrisikogruppen wie Heim- und Pflegekindern, Kindern psychisch kranker Eltern und minderjährigen Flüchtlingen. „Über Verläufe und verlaufsbeeinflussende Faktoren im Zusammengang mit Hilfen ist quasi nichts bekannt.“ Petra Bühring

Kinderschutzhotline für Ärzte

Ärzte sind meistens die ersten, zu denen misshandelte Kinder und ins Koma geschüttelte Säuglinge gebracht werden. Die Eltern stellen die Verletzungen oft als Unfall dar. „Kinderschutzfälle sind oft uneindeutig, emotional beladen und in der juristischen und praktischen Handhabung komplex“, sagt Marcus Weinberg, MdB, kinder- und jugendpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Die richtigen Schritte einzuleiten, erfordere spezifische Kenntnisse der Rechtsmedizin und der Kinder- und Jugendhilfe.

Die existierenden Beratungsangebote der Kinder-und Jugendhilfe entsprechen jedoch nicht den Bedürfnissen von Heilberufen und der Komplexität von Entscheidungssituationen in Notfallambulanzen und -praxen. Das verdeutlichen Kinderschützer schon lange. Eine Beratungsstelle für Ärzte muss die medizinische Fachsprache beherrschen und auch nachts und am Wochenende erreichbar sein.

Weinberg gab nun bekannt, dass 1,35 Millionen Euro für eine spezifische Kinderschutzhotline für Heilberufe in den Haushalt des Bun­des­for­schungs­minis­teriums eingestellt worden seien. Sobald das Projekt ausgeschrieben wird, will sich auch das Kompetenzzentrum Kinderschutz in Ulm dafür bewerben, bestätigte der Leiter Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert.

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